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Kunst

Aktuelle Ausstellungen in Berlin: Neue Tipps und letzte Chancen

Von kleinen Galerien bis zu den größten Museen behaltet ihr mit der Kunst-Übersicht unserer Redakteurinnen Ina Hildebrandt und Claudia Wahjudi alles im Blick
Text: Claudia Wahjudi
Veröffentlicht am: 10.09.2026
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© VG Bild-Kunst, Bonn 2026; Foto: © Leo Seidel
Heinz Mack, Spectrum Mundi, Ausstellungsansicht St. Matthäus-Kirche, © VG Bild-Kunst, Bonn 2026; Foto: © Leo Seidel 

Die Kunstwelt ist immer in Bewegung. In dieser Übersicht zu aktuellen Ausstellungen in Berlin erfahrt ihr von den tipBerlin-Kunstredakteurinnen, was es Neues gibt, was sich weiterhin lohnt und wohin ihr unbedingt noch müsst, bevor es zu spät ist. 

NEUE AUSSTELLUNGEN


Heinz Mack: „Spectrum Mundi“ in der St. Matthäus-Kirche

© VG Bild-Kunst, Bonn 2026; Foto: © Leo Seidel
Heinz Mack, Spectrum Mundi, Ausstellungsansicht St. Matthäus-Kirche, © VG Bild-Kunst, Bonn 2026; Foto: © Leo Seidel

Ganz kurz nur ist diese Ausstellung zu sehen: Heinz Mack, 95, letzter lebender Vertreter der Düsseldorfer Künstlergruppe ZERO, zeigt neue Gemälde in der St. Matthäus-Kirche, gleich neben dem Kulturforums, dessen Platz der Künstler in den 1980er-Jahren gestaltete. „Spectrum Mundi“, so heißt seine Ausstellung, enthält 24 abstrakte Bilder, die in den vergangenen zwölf Monaten entstanden: mal monochrom, mal in Spektralfarben, rhythmisch komponiert und nie nach Vorzeichnung. Im Abend- und Morgenlicht wirken sie ermunternd und beruhigend zugleich und so, als habe Mack bei Sonnenschein Goethes Farbenlehre studiert. Zur Ruhe trägt die Hängung auf Gestellen bei: Alle unteren Bildränder befinden sich auf gleicher Höhe. Hintereinander schräg in das Kirchenschiff hineingestaffelt, scheinen Die Bilder die Eintretenden empfangen zu wollen. Die zurückhaltenderen Gemälde an den Außenwänden dagegen führen in die Nacht und ins Unendliche.

St. Matthäus-Kirche Matthäikirchplatz/ Johanna-und-Eduard-Arnhold-Platz, Tiergarten, Di–So 11–18 Uhr, stiftung-stmatthaeus.de, bis 13.9.
13.9.: Ein Tag im Grünen/ Tag des offenen Denkmals, Abschluss Berlin Art Week auf dem Kulturforum


„Annemirl Bauer. Bruch ist in der Welt“ im Das Minsk

© VG Bild-Kunst, Bonn 2026; Annemirl Bauer Archiv, Foto: Jens Ziehe
Blick in die Ausstellung „Annemirl Bauer. Bruch ist in der Welt“, DAS MINSK Kunsthaus in Potsdam, 2026. © VG Bild-Kunst, Bonn 2026; Annemirl Bauer Archiv, Foto: Jens Ziehe

Das Ende der DDR erlebte sie nicht mehr: Annemirl Bauer, 1939 geboren, starb im Sommer 1989 in Ost-Berlin. In Zeichnungen und Gemälden hatte sie den Radius von Frauen in der DDR erkundet und erweitert, sich in Eingaben unter anderem für Reisefreiheit eingesetzt und dafür mit beruflichen Einschränkungen zahlen müssen. Das Minsk Potsdam widmet der dissidentischen Künstlerin eine große Retrospektive mit rund 150 Arbeiten. In vier Kapiteln geht es um Zwischenmenschliches (vor allem zwischen Müttern und Kindern), um Bauers Sicht auf die Stellung von Frauen, um ihre Auseinandersetzung mit Politik und dem Verband Bildender Künstler der DDR sowie das Thema Reisen. Von den beiden Etagen, deren Wände blau, grün, lachsfarbenen und gelb getönt wurden, ist die obere die interessantere. Hier hat Kuratorin Marie Gerbaulet Glasarbeiten, Zeichnungen, Keramik und Dokumente abwechslungsreich zusammengestellt – und Gemälde, die die Künstlerin  teils auf Türen oder einen Liegestuhl malte. Während unten detail- und farbenreichen Porträts von Annemirls Bauers Aufmerksamkeit für Kinder zeugen, finden sich oben auch ihre scharfen Karikaturen.


DAS MINSK Max-Planck-Str. 17 (Nähe Potsdam HBhf.), Potsdam, Mi–Mo 10–19 Uhr, 10/8 €, bis 18 J., TLE + letzter So/ Monat frei, dasminsk.de, bis So 7.2.27


 „Courage. Schwestern im Geiste“ in der Prater Galerie

Foto Aleksandra Kononchenko
„Courage: Schwestern im Geiste“, Ausstellungsansicht Prater Galerie, 2026, Teil der ifa-Ausstellungsreihe „Publik Machen“, Foto: Aleksandra Kononchenko

Die kommunale Prater Galerie hat Anfang September nach sanierungsbedingter Wanderschaft im Seitengebäude des Praters wiedereröffnet. Zum Auftakt zeigt das Team die Schau „Courage. Schwestern im Geiste“, die die Geschichte der 1967 gegründeten Galerie im Prater mit der Gegenwart verknüpft. Sie ist Teil der Reihe Ausstellungsreihe „Publik Machen“ des Instituts für Auslandsbeziehungen zur Geschichte des Zentrums für Kunstausstellungen der DDR. „Courage. Schwestern im Geiste“ bringt aus der ifa-Sammlung Arbeiten von Künstlerinnen, die wie Eva Vent und Gundula Schulze-Eldowy in der historischen Galerie ausstellten, mit Beiträgen von Künstler:innen zusammen, die in Osteuropa Erfahrungen mit Diktaturen oder autoritären Regimes gemacht haben. So erzählt Natalia Vatsadzes Installation von Vertreibung und Verfolgung der griechisch-stämmigen Bevölkerung im georgischen Teil der Sowjetunion – und zwar auf Knöpfen eines schwarzen Anzugs (Foto hinten). Und Lesia Pcholka aus Belarus hat Erinnerungen von Menschen an ein „unsichtbares Trauma“ aufgeschrieben: in schwarz auf weiß und schwarz auf schwarz (Foto vorn). Lesen lassen sie sich trotzdem: Es sind Protokolle psychischen Terrors durch das belarussische Regime.

Prater Galerie Kastanienallee 7–9, Prenzlauer Berg, Mi–Mo 12–20 Uhr, pratergalerie.de, bis 3.1.27
Performance Natalia Vatsadze: 9.10., 16 Uhr


„Vietnam. Kunst. DDR. Reclaiming Solidarity“ in der Stiftung Kunstforum Berliner Volksbank

Blick in „Vietnam. Kunst. DDR. Reclaiming Solidarity” mit „Krank ist krank und Fliegen ist fliegen“, 2026, von Minh Duc Pham © Minh Duc Pham, Foto: Steven Lüdtke

Die künstlerische Aufarbeitung von Arbeits- und Lebensbedingungen vietnamesischer Mirgrant:innen in der DDR und danach hat mit Sung Tieus Beitrag für den deutschen Pavillon der Venedig Biennale 2026 einen vorläufigen Höhepunkt erreicht. Zuvor hatten Ausstellungen in Dresden, Leipzig und Berlin die Verbindungen zwischen der DDR und dem 1976 unter kommunistischem Regime wiedervereinten Vietnam erhellt, kulturelle, wirtschaftliche und politische Verflechtungen offengelegt. „Vietnam. Kunst. DDR. Reclaiming Solidarity“ kuratiert von Nam Nguyen, thematisiert freiwillige und politisch verordnete Solidarität. Zeichnungen, Drucke und Gemälde aus der Zeit vor 1989, etwa von Dieter Goltzsche, Wolfgang Speer, Peter Westphal und Claudia Borchers, handeln von Begegnungen zwischen Vietnames:innen und Deutschen, zeugen von Benefizaktionen, Reisekadern, Kunststudium und Kulturaustausch und von Vertragsarbeit. Im Untergeschoss sind Arbeiten der folgenden Generation zu sehen, die ausleuchten, unter welchen Bedingungen die Eltern in der DDR leben mussten. Prominent platziert findet sich Minh Duc Phams neue Installation zu Ausfuhrbestimmungen für Heimkehrende. Die Migration aus Vietnam, diesen Schluss erlaubt die Schau, ist allen Rassismus in Deutschland zum Trotz eine Geschichte der Emanzipation. Um diese weiterzuschreiben, müsste allerdings eine nächste Schau auch thematisieren, ob und welche Kunst auf vietnamesischer Seite mit den Regimes kollaborierte und welche opponierte.

 
Stiftung Kunstforum Berliner Volksbank Kaiserdamm 105, Charlottenburg, Di–So 10–18 Uhr, 5/3 €, bis 18 J. + TLE frei, kunstforum.berlin, bis 6.12.


Goldrausch 2026: „In Touch“ im nGbK

Installation: Daria Syvakos, „What We Lost in the Water“, Bild: Wiebke Mertens, „I Can Change“. Foto: Manon Frugier

Sich berühren lassen von der Welt und die Welt berühren, sich in der weltpolitischen Ereignisflut noch an etwas festhalten können – das sind keine Selbstverständlichkeiten. Die Stipendiatinnen des diesjährigen Goldrausch Künstlerinnenprojekts erkunden die Möglichkeiten des Berührens zwischen Wirklichkeit und Traum, Gemeinschaften und persönlichen Erinnerungen. Sie erzählen individuelle Geschichten und entwerfen Objekte, die dem Alltag ebenso entstammen wie der Vorstellungskraft. Dabei ist die Spannbreite groß: von einer computergenerierten Erzählung über die ukrainische Stadt Cherson, die so poetisch wie heftig durch die Vergangenheit und Gegenwart der Region führt, bis zu den filigranen Glasskulpturen von Jane Garbet, die einigen als Unkraut geschimpften Pflanzen nachgebildet sind und aus Betonplatten zu wachsen scheinen. Auch wenn man große Lust verspürt, diese wunderschönen Gebilde zu berühren – Finger weg! Dafür Augen und Ohren auf!

neue Gesellschaft für bildende Kunst (nGbK), Karl-Liebknecht-Straße 11/13, 
1. Etage (Zugang über Rolltreppe), Di–So 12–18 Uhr + Fr 12–20 Uhr, ART WEEK: Do–So 12–20 Uhr (10.-13.09.), bis 20.9.


KlimaZeugen Teil II“ im Haus#1

© Thorsten Klapsch
Thorsten Klapsch, Kaunertaler Gletscherstraße, Gepatschferner, Pigment Print, 60 x 80 cm © Thorsten Klapsch © Thorsten Klapsch

Nach dem verheerenden Gletscherabbruch im Himalaya Ende August schmerzt der Anblick von Thorsten Klapschs Aufnahmen noch mehr. Bereits 2025 zeigte der Berliner Fotograf im kleinen Haus 1 am Kreuzberger Waterloo-Ufer Bilder von Symptomen des Klimawandels wie weiße Planen, mit denen Alpengemeinden Gletschereis vor der Sonne zu schützen versuchen. Nun ist in dem ehemaligen Kiosk, der zu einem Ausstellungsraum umgebaut wurde, eine weitere Folge aus dem Langzeit-Projekt zu sehen, kuratiert von Ingo Taubhorn, noch vor dem Tod von Thorsten Klapsch am 22. August 2026. Die Auswahl „KlimaZeugen Teil II“ verbildlicht, was wir zu verlieren drohen oder bereits verloren haben. Die assoziationsreiche Kombination von Motiven reicht von einem halben Apfel in Schwarz-Weiß über die Aussicht aus einem fahrenden Auto auf der Kaunertaler Gletscherstraße in den Ötztaler Alpen (Abb.), bis zum Blick zur Milchstraße. Dabei wird fast körperlich erfahrbar: Nicht zuletzt haben wir unsere Unschuld verloren.

Haus #1 Waterloo Ufer (ohne Hausnummer, Nähe Hallesches Tor), Kreuzberg, Sa/So 15–19 Uhr, haus1-berlin.de, bis 13.9.


Frank Jimin Hopp: „매난국죽 Mae Nan Guk Juk: Diasporic Memories Formed in Clay“

Ausstellungsansicht von „매난국죽 Mae Nan Guk Juk: Diasporic Memories Formed in Clay“. Foto: Wataru Murakami © Wataru Murakami

Ihr Leben in Deutschland begann fast gleich und verlief doch ganz unterschiedlich: Drei koreanische Frauen kamen zwischen den 1960er- und 1970er-Jahren in die BRD, um hier drei Jahre lang als Krankenschwestern zu arbeiten. Sie blieben, heirateten, bekamen Kinder, gründeten Frauenrechts- und Friedensbewegungen, widmeten sich der Literatur und der Kunst oder entdeckten ihre Leidenschaft fürs Kochen. Weil nämlich Arbeitskräfte fehlten, wurden  zwei Anwerbeabkommen mit dem damals von Armut gebeutelten Südkorea geschlossen und lockten tausende von Südkoreaner:innen als Bergarbeiter und Krankenpfleger:innen ins Land. Der Künstler Frank Jimin Hopp hat mit diesen Frauen, von denen eine seine Mutter ist, gesprochen und gemeinsam mit ihnen in einer Werkstatt Keramiken geschaffen. Dabei filmte er die Begegnungen und überführte die Aufnahmen in berührende Videoarbeiten. Seine Protagonistinnen erzählen von Hoffnung und Schmerz, Heimweh und Abenteuerlust, Ausgrenzung und Zugewandtheit – mit einer Klarheit, die ebenso persönlich wie allgemeingültig ist. Neben den Videos sind die Keramikobjekte als Installation im Galerieraum angeordnet, ergänzt durch Wandmalereien von Hopp. Eine Ausstellung, in der das im Kunstbetrieb viel bemühte Wort „Care“, also Fürsorge, ganz unbemüht zum Ausdruck kommt.

Galerie Wedding Müllerstr. 146/147, Wedding, Mo–So 10–18 Uhr, bis 1.11., galeriewedding.de


Mirae kh Rhee: „Weiterreichen“ im Museum für Asiatische Kunst

© Mirae kh Rhee, Staatliche Museen zu Berlin, Museum für Asiatische Kunst, Foto Mirjam Lotz
Ausstellungsansicht: Mirae kh Rhee, The Artist and Her Books; Das sind keine Bücher… 2026, Fotodruck auf Aludibond © Mirae kh Rhee, Staatliche Museen zu Berlin, Museum für Asiatische Kunst, Foto: Mirjam Lotz © Mirae kh Rhee, Staatliche Museen zu Berlin, Museum für Asiatische Kunst, Foto: Mirjam Lotz

Sanft, aber entschieden greift Mirae kh Rhee in die Sammlungspräsentation des Museums für Asiatische Kunst ein, genauer: in die Säle mit Objekten aus Korea mit Vitrinen voller Keramiken und Wandschirmen. Ein erster Blick lässt die Interventionen kaum erkennen: Sie betreiben Mimikry mit Designs europäischer Museen und parodieren sie, beispielsweise mittels Chinoiserien der Meissner Porzellanmanufaktur und neuen Zeichnungen. Es geht, wie oft im Werk der zwischen Berlin, Kalifornien und Seoul pendelnden Künstlerin, um den Blick auf das Fremde, der von Hierarchien und Klischees gelenkt wird. Sehr direkt zeigt sich die Kritik daran in ihren Zeichnungen („Die Wächter“, 2020 und 2022) von weißen Filmschauspieler:innen, die asiatische Charaktere verkörperten wie Tilda Swinton und Tom Cruise. Elegant dagegen wirkt Mirae kh Rhees Widerspruch in dem Fotodruck „Die Künstlerin und ihre Bücher“ (2022, Foto): Er nimmt Eitelkeiten Adliger des historischen Koreas genauso aufs Korn wie westliche Erwartungen an Asiatinnen. Angenehm böse.

Museum für Asiatische Kunst im Humboldt Forum Schloßplatz 1, Mitte, Mo, Mi–So 10.30–18.30 Uhr, 9/4,50 €, bis 18 J. frei, humboldtforum.org, bis 15.2.2027


„OnView – Transformation“ im Palais Populaire

Selma Selman, You Have No Idea (Election Day 2020), 2020Videodokumentation der Performance. Courtesy of the artist. Photo: Hatum Cesar Saenz Painemilla

Fast unglaublich erscheint es, dass am 28. Februar 1971 im österreichischen Fernsehen ein Videokunstwerk lief, und zwar im Abendprogramm. VALIE EXPORT, eine der wichtigsten und mutigsten Künstler:innen des 20. Jahrhunderts, zeigte ihren Kurzfilm „Facing a Family“: eine vom Licht eines Fernsehgeräts angestrahlte, zurückblickende Familie. 4:44 Minuten, die beim Sender ORF für heiße Telefonleitungen gesorgt haben dürften. Heute fühlt man sich im Videoraum des PalaisPopulaire als Zuschauerin nicht mehr provoziert, aber beim teilnahmslosen Glotzen dennoch ein wenig erwischt. Man denke nur an das kleine rechteckige Gerät in der Handtasche. Dieses Video wird mit weiteren Arbeiten von Künstler:innen wie Selma Selman oder Gernot Wieland in der Filmreihe „On View“ gezeigt, die sich dieses Mal dem Bewegungsradius zwischen Wandel und Stillstand widmet.

Palais Populaire Unter den Linden 5, Mitte, Mi–Mo 11–18 Uhr, Do bis 19 Uhr, 5/ 3 €, bis 21.9., palaispopulaire.db.com


Carola Lampe: „Tell Me What To See“ im Fotografiska

Aus der Serie „Tell me what to see“. Foto: © Carola Lampe © Carola Lampe

Dass auf Gemälden die fantastischsten Dinge passieren können, dass Landschaften ebenso in der freien Natur wie im Atelier entstehen können – das wundert uns gar nicht. Aber zur Fotografie verhalten wir uns anders, stellen uns Fragen wie: „Ist das echt oder gestellt? Natürlich oder digital manipuliert?“ In der angebrochenen KI-Ära zerrinnt uns der Realitätsanspruch des digitalen Fotobildes endgültig zwischen den Fingern. Mit diesem Neben-, Über- und Ineinanderder digitalen (Un-)Wahrheitsbilder spielt die Fotografin und Künstlerin Carola Lampe in ihrem Projekt „Tell Me What To See“.  Die ausgestellten Bilder zeugen von ihrer langjährigen Auseinandersetzung mit der von Technologie bestimmten Gegenwart. Besonders gut gelingt das in einer Videoarbeit, in der eine Bilderflut die Zuschauerin erfasst und in einen Zustand zwischen Faszination und Ohnmacht spült.

Fotografiska Oranienburger Str. 54, Mitte, tägl. 10–23 Uhr, 15/ 10 €, bis 20.10., berlin.fotografiska.com


„everybody“ im Georg Kolbe Museum

Eva und Adele, „Biographische Skulptur No. 33“, 2020, © EVA & ADELE, Berlin, VG Bildkunst, Bonn. Foto: Bernd Borchardt

Eigentlich ist es schon fast egal, welche Ausstellung im Georg Kolbe Museum läuft, denn schon allein die Lage im Vorhof des Grunewaldes, der schöne Backsteinbau aus den späten 1920er-Jahren und der Skulpturengarten und nicht zu vergessen das herrliche Museumscafé Benjamine – das alles lohnt einen Ausflug. Wie gut, dass das 2025 von der deutschen Kunstkritikervereinigung AICA zum Museum des Jahres gekürte Haus auch zuverlässig gute Ausstellungen präsentiert  auch zuverlässig gute Ausstellungen präsentiert und mit „everybody“ eine luftig-leichte Schau zu einem nicht lockerleichten Thema, nämlich dem Körper, zeigt. Politische und eingeschränkte, befreite und träumende Körper bespielen die Ausstellungsräume. Mal ganz nah, wie bei den faszinierenden Skulpturen von Monilola Olayemi Ilupeju, die Tierhäute über Georg Kolbes Körperbronzen spannte, oder ganz abstrakt wie die ikonische Stuhlinstallation von Eva & Adele, deren Körper durch über Stühle gehängte Pelzjäckchen nicht und irgendwie doch da sind. Politische und eingeschränkte, befreite und träumende Körper.

Georg Kolbe Museum Sensburger Allee 25, Charlottenburg, Mi–Mo 11–18 Uhr, 10/6 €, bis 18 J. frei, bis So 29.11., mehr Infos online


„Sofie Dawo. Textile Experimente“ im Kunstgewerbemuseum

Sofie Dawo, Ohne Titel, 1960, Baumwolle, Wolle; Kette: braune Baumwolle, Schuss: schwarze und braune Wolle, H 115 cm, B 162 cm, Foto: Jochum Rodgers, Berlin

Das Berliner Publikum könnte Teilen des Werks der Textilkünstlerin aus Saarbrücken bereits begegnet sein: im Kunsthaus Dahlem oder in der Saarländischen Galerie, aber letzteres war im Frühjahr 2022 und da herrschte noch Pandemie. Nun bietet sich im Kunstgewerbemuseum eine neue Gelegenheit, Sofie Dawo (1926-2010) kennenzulernen. Die Ausstellung „Textile Experimente“ ist mit 22 Arbeiten klein, doch die Auswahl so gut, dass Dawos Methode sofort einleuchtet: Abstraktion durch Entfernen oder Zerstörung und fort von der Wand ins Dreidimensionale. Knoten, Löcher, Streifen, Raffungen und durchhängende Fäden machen aus Textilarbeiten Reliefs, oft in zurückhaltenden Farbtönen, mitunter in 1970er-Jahre-Rot. Auf einem Monitor läuft zudem ein Porträt über sie aus dem SWR: Sofie Dawo wusste genau, was sie warum wollte.


Kunstgewerbemuseum  Johanna-und-Eduard-Arnhold-Platz / Matthäikirchplatz, Tiergarten, Mi–Fr 10–17, Sa/So 11–18 Uhr, 10/ 5 €, bis 18 J. + TLE frei, smb.museum, bis 17.1.


LETZTE CHANCEN


„Dorothy Iannone und Alejandra Pombo Su“ in der Gemäldegalerie

© Estate Of Dorothy Iannone Foto: Staatliche Museen zu Berlin, Kupferstichkabinett / Dietmar Katz
Dorothy Iannone, aus „The Berlin Beauties“, 1977-78, Schwarze Tusche, Spuren von Bleistift auf weißem Zeichenkarton © Estate Of Dorothy Iannone, Foto: Staatliche Museen zu Berlin, Kupferstichkabinett / Dietmar Katz © Estate Of Dorothy Iannone Foto: Staatliche Museen zu Berlin, Kupferstichkabinett / Dietmar Katz

Kaum zu glauben, dass Dorothy Iannones „The Berlin Beauties“ (1977-78) hier erstmals vollständig gezeigt wird. Die US-amerikanische Künstlerin schuf die Serie von Tuschzeichnungen in West-Berlin, wo sie sich nach ihrem Stipendium des DAAD-Künstlerprogramms niederließ und bis zu ihrem Tod 2022 lebte. Nun stellt das Kupferstichkabinett die 70-teilige Serie im Grafikkabinett der Gemäldegalerie aus. Hinter Glas auf schwarzem Tuch, immer auf zwei zusammenhängenden Seiten Karton, ist ein illustriertes Liebesgedicht zu sehen, eine Hommage an den verflossenen Geliebten, den Künstler Dieter Roth, an die Sexualität und die Liebe an sich. Die filigranen Blätter finden sich hier kombiniert mit Arbeiten der 1979 geborenen Künstlerin Alejandra Pombo Su aus Spanien, auch sie ein Gast des DAAD. In ihren multimedialen Zeichnungen werden menschliche und tierische Körper eins mit ihrer Umgebung. Hingabe ist das Thema, das die beiden Künstlerinnen verbindet.

Gemäldegalerie Johanna-und-Eduard-Arnhold-Platz / Matthäikirchplatz, Tiergarten, Di–So 10–18 Uhr, 14/ 7 €, bis 18 J. + TLE frei, smb.museum, bis 13.9.


„Giulia Andreani. Sabotage“ im Hamburger Bahnhof – Nationalgalerie der Gegenwart

Courtesy die Künstlerin und Galerie Max Hetzler, Berlin | Paris | London | Marfa, VG Bild-Kunst, Bonn 2026, Staatliche Museen zu Berlin / Foto: Laura Fiorio
Blick in die Ausstellung mit Paint Unbidden (Palimpsest), 2025; Holzformen zur Schuhfertigung; Claustrofilia, 2025 © Giulia Andreani und ADAGP, Paris 2026, Courtesy die Künstlerin und Galerie Max Hetzler, Berlin, Paris, London, Marfa, VG Bild-Kunst, Bonn 2026, Staatliche Museen zu Berlin / Foto: Laura Fiorio

Der kleine ältere Herr, der sich mittig auf dem großen Gemälde in die Pilze kniet, der kommt einem bekannt vor mit seinem schütteren Haar und dem schelmischen Lächeln (Abb.). Es braucht dann aber doch die Auflösung des Rätsels durch das Begleitheft, um in dem Pilzfreund Sigmar Polke zu erkennen. Giulia Andreani bezieht sich in „Sabotage“, der Auftakt-Ausstellung zum 30-jährigen Jubiläum des Hamburger Bahnhofs, mehrfach auf den deutschen Maler. Andreani, 1985 in Italien geboren, zeigt neben Skulpturen vor allem in Grautönen gehaltene Gemälde und Aquarelle, für die historische Fotos die Vorlagen lieferten und die zum einen Kunstgeschichte reflektieren. Zum anderen, und dies vor allem, bearbeiten sie Geschichte generell. Sie rücken in den Hintergrund gedrängte Frauen wie die Künstlerin Camille Claudel und in Europa als weiblich konnotierte Tätigkeiten wie das Nähen in den Vordergrund. Das Ganze findet raffiniert drapiert auf Holzgerüsten und Wänden statt, ergänzt um passende Objekte aus Berliner Museen. So macht Rätselraten Freude.

Hamburger Bahnhof – Nationalgalerie der Gegenwart Invalidenstr. 50/ 51, Mitte, Di, Mi, Fr 10–18, Do bis 20 Uhr, Sa + So 11–18 Uhr, 16/8 €, smb.museum, bis 13.9.


„Saâdane Afif. Five Preludes“ im Hamburger Bahnhof der Nationalgalerie

© Saâdane Afif, 2025 VG Bild-Kunst, Bonn. Courtesy of the artist & Mehdi Chouakri, Berlin. Foto: Jacopo La Forgia
Ausstellungsansicht „Saâdane Afif. Five Preludes“, Hamburger Bahnhof – Nationalgalerie der Gegenwart, 12.12.2025 – 13.09.2026, Abgebildet: The Fountain Archives, 2008-2020, © Saâdane Afif, 2025 VG Bild-Kunst, Bonn. Courtesy of the artist & Mehdi Chouakri, Berlin. Foto: Jacopo La Forgia

Jetzt Wissenschaftlerin sein! Mehrere Regale voller Bücher stehen im Westflügel des Hamburger Bahnhofs eingeschlagen in Transparentpapier hinter Vitrinenglas. Niemand kann die Bücher anfassen, aber ihre Titel lassen sich lesen. „The Fountain Archives“ ist eine dreidimensionale Literaturliste von Büchern, in denen „Fountain“ vorkommt, jenes Readymade von 1917, das aus einem Urinal besteht und Marcel Duchamp zugeschrieben wird. Saâdane Afif hat die Bände gesammelt, die Seiten zu dem bahnbrechenden Werk herausgetrennt und gerahmt an die Wand gehängt. Eine gedruckte Liste der Bücher steht als dreibändiger Riesenindex in einer gesonderten Vitrine. Eingebettet ist das Langzeitprojekt in eine Werkschau des in Berlin lebenden Künstlers, der sich listig mit der westlichen Kunstgeschichte des 20. Jahrhunderts und mit Berliner Kultur der Gegenwart auseinandersetzt. Im Februar sollen Performances folgen.

Hamburger Bahnhof – Nationalgalerie der Gegenwart  Invalidenstr. 50/ 51, Moabit, Di, Mi+Fr 10–18, Do bis 20 Uhr, Sa+So 11–18 Uhr, 24.+31.12. geschl., 1.1. 12–18 Uhr, 16/ 8 €, bis 18 J. + TLE frei, smb.museum, bis 13.9.


Marc Brandenburg: „20th Century Debris“ in der Berlinischen Galerie

Berlinische Galerie, Foto: Justus Lemm
Ausstellungsansicht „Marc Brandenburg. 20th Century Debris“, Berlinische Galerie, Foto: Justus Lemm

Vorsicht, Reizüberflutung möglich. Rund 170 Zeichnungen zeigt Marc Brandenburg im Museum Berlinischen Galerie, dazu Videos, Tattoos und Fotografien. Die Auswahl mit dem Titel „20th Century Debris“ führt in über 30 Jahre Schaffen des gebürtigen West-Berliners ein. Zu Brandenburgs Motiven zählen Freunde, Aufenthaltsorte und Relikte der Jahrtausendwende wie Jacken, Post-Punk-Schmuck, Matratzen, Turnschuhe und Lampen. Brandenburg hat sie fotografiert und gezeichnet – und zu einem autofiktionalen Meddley in verschiedenen Techniken gemischt. Am bekanntesten dürfte seine Umkehrung der Hell- und Dunkelwerte sein: Manche Zeichnungen wirken wie Negative von Schwarz-Weiß-Fotografien. Andere sind unter Schwarzlicht zu sehen, in einem Saal, in dem es flackert wie in einem Club. Musik, Sport, Porno, Subkulturen, London, edel und vulgär: Alles passt hier zusammen, weil all das in einem Leben geschehen und gesehen worden sein kann. Mehr zu Marc Brandenburgs Ausstellung in der Berlinischen Galerie lest ihr hier.

Berlinische Galerie Alte Jakobstr. 124–128, Kreuzberg, Mi–Mo 10–18 Uhr, 12/ 7 €, 1. Mi im Monat 7 €, bis 18. J + Geflüchtete frei, www.berlinischegalerie.de, bis 14.9.


„Kunst gegen Rechts“ in der Alten Feuerwache

Fotograf: Bernd Borchardt.
Ausstellungsansicht „Kunst gegen Rechts“ in der Alten Feuerwache Friedrichshain, Foto: Bernd Borchardt.

Die Ausstellungsreihe „Kunst gegen Rechts“, gestartet 2017 von dem Kurator und Autor Dirk Teschner, macht vor den Landtagswahlen in Berlin, Mecklenburg-Vorpommern und Sachsen-Anhalt im Projektraum Alte Feuerwache des Bezirks Friedrichshain-Kreuzberg halt.  Gemeinsam mit der Künstlerin Anne Mundo hat Teschner Arbeiten von 16 Berliner Künstler:innen in einer vielfältigen, aber übersichtlichen Schau versammelt. Mal subtil wie Eric Meiers wegweisende Hand „Auf Gute Nachbarschaft“ (sic!) aus Beton, mal direkt wie Moritz Stumms Tuschporträts von Todesopfern rechter Gewalt (links), analysieren die Beiträge rechte Ideologie und deren teils mörderische Folgen. Auch für öffentliches Engagement bekannte Künstler:innen sind dabei. So ist Raul Walch, der in der Kampagne „Die Vielen“ mitwirkt, hier mit Poster zum Mitnehmen sowie mit Flaggen vertreten. Und der Kunstprofessor Ulf Aminde streitet nach wie vor dafür, dass sein ausgewählter Entwurf seines Mahnmals für die Kölner NSU-Opfer endlich gebaut wird.

Alte Feuerwache  Projektraum Marchlewskistr. 6, Friedrichshain, Di–Mi 12–19, Do–Fr 12–20, Sa–Mo 14–19 Uhr, alte-feuerwache-friedrichshain.de, bis 20.9.


Anton Corbijn: „Corbijn, Anton“ im Fotografiska

Er hatte sie alle vor der Linse: David Bowie, Nina Hagen und Iggy Pop, Joy Division, Einstürzende Neubauten und Nirvana. Wie kein anderer Fotograf prägte Anton Corbijn prägte die visuelle Ästhetik der Popmusik von den 80ern bis in die 00er Jahre hinein. Das Fotografiska Berlin widmet dem niederländischen Fotografen und Filmemacher eine große Retrospektive seines 50-jährigen Schaffens. Gezeigt werden rund 150 bis 200 Arbeiten, deren Anordnung er selbst mitkuratierte. Seine ikonische Schwarz-Weiß-Porträts von Musik- und Filmgrößen zeigen wohl am eindrücklichsten, wie er in seinen Aufnahmen stets die Begegnung und das Licht gesucht hat.

Fotografiska Oranienburger Str. 54, Mitte, tägl. 10–23 Uhr, bis 20.9.



AKTUELLE AUSSTELLUNGEN


„Symphonie der Farben. Paul Signac und der Neoimpressionismus“ im Museum Barberini

Foto: Sammlung Hasso Plattner, Museum Barberini, Potsdam
Vom Segler und späteren Marinemaler Frankreichs Paul Signac: Der Hafen bei Sonnenuntergang, Opus 236 (Saint-Tropez), 1892, Foto: Sammlung Hasso Plattner, Museum Barberini, Potsdam

Es gibt einen schönen Trend bei Ausstellungen über Größen der Kunstgeschichte: Sie beleuchten wenig bekannte Stationen der Arbeitsbiografie und das Umfeld. Bei Paul Signac (1863–1935), dem großen Pointillisten im Museum Barberini, funktioniert das perfekt. Signac, kennt man, tupfte Segelschiffe auf die Leinwand, Fischerboote vor Abendsonne, eine rote Boje, überhaupt: am liebsten Meer und Häfen (Abb.). Aber wer weiß schon, dass der spätere offizielle Marinemaler Frankreichs in jungen Jahren Anarchist war und Arbeiter auf Maloche oder an der heimischen Waschschüssel malte? Und weiß man, welche Bilder seine Zeitgenoss:innen, die wenigen pointilistischen Malerinnen schufen? Anna Boch zum Beispiel, Tochter aus einer Fabrikantenfamilie (Villeroy & Boch), die in Paris Kunst studiert hatte, lässt vier Fischer:innen heimwärts gehen, vier Rückenansichten mit schweren Kiepen, auf einer gepflasterten Landstraße unter flirrender Sonne. Fantastisch.

Museum Barberini Alter Markt, Humboldtstr. 5–6, 14467 Potsdam, Mo, Mi–So 10–19 Uhr, 18/ 16/ 10 €, bis 18 J, TLE + Do ab 14 Uhr bis 25 J. frei, museum-barberini.de, bis 11.10.


„Ruin und Rausch. Berlin 1910–1930“ in der Neuen Nationalgalerie

Foto: Andres Kilger
Gustav Wunderwald, Gartenstraße in Berlin N, 1927, Neue Nationalgalerie, Eigentum des Landes Berlin. Foto: Andres Kilger

Schon toll, wie sich aus der Sammlung der Nationalgalerie immer neue Ausstellungen zwirbeln lassen – sogar zu einem Thema wie das Berlin der 1910er- und 20er-Jahre. Die Kurator:innen  Uta Caspary, Irina Hiebert Grun und Noor van Rooijen haben sich auf wenige Themen beschränkt, unter anderem Armut, Exzess und Frauenemanzipation. Neben Prominentem wie Ernst Ludwig Kirchners „Potsdamer Platz“ ist auch selten Gesehenes aus dem Depot gekommen wie Gustav Wunderwalds beklemmend tristes Gemälde „Gartenstraße in Berlin N“ von 1927 (Abb.) und Otto Nagels Doppelporträt von zwei ausgemergelten, müden „Weddinger Jungen“ (1928). Bei Karl Hofers Gemälde „Mädchenkopf“ (ca. 1919) und Renee Sintenis` Bronzeplastik mi tihrem Selbstporträt begeistern auch die androgynen Kurzhaarschnitte, die Friseur:innen auch 100 Jahre später noch so schneiden. Filmausschnitte und Hörstationen mit Lyrik vervollkommnen schlaglichthaften Einblick in eine brutale Zeit. Mehr über „Ruin und Rausch“ in der Neuen Nationalgalerie lest ihr hier.

Neue Nationalgalerie Potsdamer Str. 50, Tiergarten, Di–So 10–19, Do bis 20 Uhr, Sonderausstellung: 10/ 5 €, Hausticket: 20/10 €, bis 18 J. + TLE frei, smb.museum, bis 3.1.2027


„Christopher Lehmpfuhl ALTER MARKT POTSDAM“ im Potsdam Museum

© Foto Michael Waitz
Handarbeit: Christopher Lehmpfuhl malend auf der Nikolaikirche Potsdam, Mai 2025 © Foto Michael Waitz

Der Berliner Maler Christopher Lehmpfuhl ist bekannt dafür, draußen zu malen, nicht mit Pinseln, sondern mit seinen Händen. Seit Juni ist er noch bekannter, denn er gehört zu den Initiatoren und Mitwirkenden der Ausstellung „Freiraum Kunst“, die die Akademie der Künste im Schloss Bellevue zeigt. Parallel dazu bereitete Lehmpfuhl in Brandenburgs Landeshauptstadt seine Einzelschau im Museum Potsdam am Alten Markt vor. Ein Jahr lang malte er diesen steinernen Platz mit Nikolaikirche, Museum Barberini, Fortunaportal, Altem Rathaus und Obelisken, draußen, mit den Händen, auch bei Schnee und Eis. Im Archiv des Museums sah er sich Schwarzweiß-Aufnahmen des Platzes bei Kriegsende an – und malte auch die Ruinen. Oder besser: formte auch sie aus dicken Schichten Ölfarbe. Lehmpfuhls Bilder in wahlweise sehr bunten oder sehr reduzierten Farben scheinen Hitze und Kälte, Wind und Bewegung förmlich mit den Händen greifen zu lassen. Denn lassen sie eines nicht sehen:  die erbitterten Potsdamer Auseinandersetzungen um die historische Rekonstruktion des Platzes und den Abriss von DDR-Erbe. Transparent macht Lehmpfuhl dagegen seine Methode: Fotos, Aufzeichnungen und Arbeitsutensilien lassen sein Vorgehen erkennen.

Potsdam Museum Am Alten Markt 9, 14467 Potsdam, Di–So 10–18 Uhr, 6/3 €, bis 18 J. frei, potsdam-museum.de, bis 25.10.


„Fujiko Nakaya. Nebelskulptur im Skulpturengarten der Neuen Nationalgalerie“

© Neue Nationalgalerie – Stiftung Preußischer Kulturbesitz / David von Becker
Höchst erfrischend: Fujiko Nakaya, Installationsansicht, Neue Nationalgalerie, 2025, © Neue Nationalgalerie – Stiftung Preußischer Kulturbesitz / David von Becker

Erneut lässt Fujiko Nakaya Nebelschwaden durch den Skulpturengarten der Neuen Nationalgalerie wehen. Bäume, Sträucher, Metall und Steine verschwinden wie schon 2025 hinter den Tröpfchen, die Besuchenden auch, acht Minuten lang, alle halbe Stunde. Das sieht schön aus, schöner als jeder Bühnennebel. An heißen Tagen kühlt die Nebelskulptur angenehm und weckt Sehnsucht nach einer grüneren Stadt oder nach bewaldeten Hügeln, an denen weiße Schwaden aufsteigen. Wer sich mit Tröpfchen besprühen lassen will, muss rechtzeitig vor dem jeweiligen Start den Garten betreten, denn die Türen werden während der Vernebelung geschlossen, um die Werke im Haus zu schützen. Wer keinen Eintritt zahlen will, setzt sich oben auf die Balustrade und sieht dem Treiben im Garten zu. Und wer unten einmal ganz um die Nationalgalerie spaziert, also auch über den Parkplatz, sieht, dass sogar der schönste Nebelzauber maschinengemacht ist.

Neue Nationalgalerie Potsdamer Str. 50, Tiergarten, Di–So 10–19, Do bis 20 Uhr, Nebelskulptur zur vollen und halben Stunde 11–17 Uhr, Do bis 19 Uhr, Sammlung: 14/ 7 €, Hausticket: 20/ 10 €, bis 18 J. + TLE frei, smb.museum, bis 25.10.


„Im Rhythmus der Großstadt – 100 Jahre Fotografie und Presse in Berlin“ im Kulturwerk der Staatsbibliothek

© Stabi Berlin, Fotos: Hagen Immel
Blick in die Ausstellung „Im Rhythmus der Großstadt – 100 Jahre Fotografie und Presse in Berlin“ im Stabi Kulturwerk

Auch in den 1910er-Jahren saßen Menschen beisammen und lasen Nachrichten – freilich nicht auf einem Telefon, sondern in Zeitungen. Das zeigt ein Foto aus der „Weltpressestelle“ der Zeitschrift Sturm in Berlin. Die Aufnahme ist Teil der mitreißenden Ausstellung „Im Rhythmus der Großstadt – 100 Jahre Fotografie und Presse in Berlin“ im Kulturwerk der Staatsbibliothek. Auf wenig Platz, luftig arrangiert, zeichnen Straßenfotos, Porträts, Gerichtsaufnahmen, Kameras, Lebensläufe, Zeitungen und Filmszenen Berliner Historie anhand der Geschichte der Pressefotografie nach. Von den Kämpfen um das Zeitungsviertel 1919 geht es über die gleichgeschaltete Presse im Nationalsozialismus, von Reportagen über Mauerbau und Studentenrevolte zu heutigen Serien der Fotoagentur Ostkreuz. Die fulminante Schau dokumentiert auch einen Schlusspunkt und Neubeginn. Die bpk-Bildagentur der Stiftung Preußischer Kulturbesitz hat Ende Juni ihre Tätigkeit eingestellt. Ihre Fotosammlung ist in die Abteilung „Presse und Bild“ der Staatsbibliothek übergegangen.

Staatsbibliothek zu Berlin Unter den Linden 8, Mitte, Mi–So 10–18, Do 10–20 Uhr, stabi-kulturwerk.de, bis 20.12.


„Jetztzeit – Layers of the Present“ von Gulnur Mukazhanova im Kunsthaus Dahlem

Foto: © Gunter Lepkowski & Kunsthaus Dahlem
Blick in die Ausstellung „Jetztzeit – Layers of the Present“ von Gulnur Mukazhanova im Kunsthaus Dahlem, 2026 Foto: © Gunter Lepkowski & Kunsthaus Dahlem

Gulnur Mukazhanova transponiert textilhandwerkliche Meisterlichkeit in zeitgenössische konzeptuelle Kunst. Das kann wie auf der „6. Kyiv Biennial“ in den KW (Kunst-Werken) beklemmend werden – in einem mit rotem Stoff ausgeschlagenen Raum, der Besuchende gleichsam zwischen kasachischer Kunsthandwerkstradition und kommunistischer Vergangenheit gefangen nimmt. Im Kunsthaus Dahlem dagegen zeigt die Künstlerin, die von Almaty nach Berlin zog, dass sie mit Stoffen auch ein Gefühl der Freiheit wecken kann. Von frühen Selbstporträts oben auf der Galerie geht es über feinste Stoffcollagen, deren Streifen nur von Nadeln gehalten werden, bis zu den mandelförmigen Formen aus geschichtetem, verschiedenfarbigem Filz, die über den Boden des Saals zu gleiten scheinen. Sie können genauso an Surfbretter denken lassen wie an Spitzen niedergelegter Speere. Wofür auch immer sie stehen: Der wuchtige NS-Architektur des Ausstellungshauses scheinen sie geschickt davon zu segeln.

Kunsthaus Dahlem Käuzchensteig 8, Dahlem, Mi–Mo 11–17 Uhr, 6/4 €, bis 18 J. + TLE frei, kunsthaus-dahlem.de, bis 4.10.


Melanie Ender: „almost in between“ im Kunsthaus Dahlem

© Joe Clark
Blick in die Ausstellung „remnants of almost in between“, 2026, ortsspezifische Installation von Melanie Ender im Kunsthaus Dahlem. Courtesy: Melanie Ender und Krobath Wien. Foto: © Joe Clark

In den Jahren 1939 bis 1942 als „Staatsatelier“ für den NS-Bildhauer Arno Breker erbaut, stellt das heutige Kunsthaus Dahlem alle, die hier Kunst zeigen, vor die Aufgabe, es mit der Brachialität des Großateliers aufzunehmen – und mit der in das Gebäude eingeschriebenen Ideologie des Ortes. Melanie Ender verweigert diesen Kampf. Die Bildhauerin aus Österreich, 1984 geboren, zeigt in ihrer Kabinettausstellung filigrane Objekte und Skulpturen aus Baumaterial und Metall. Gebogen oder gerade, hoch gehängt oder niedrig gestellt, erinnern sie an handschriftliche Anmerkungen. Und signalisieren: Wer das Gebaute zuletzt überschreibt, behält Recht.

Kunsthaus Dahlem Käuzchensteig 8, Dahlem, Mi–Mo 11–17 Uhr, 6/4 €, bis 18 J. + TLE frei, kunsthaus-dahlem.de, bis 4.10.


„Zeitfelder – Time Fields“ im Schaudepot der Zitadelle Spandau

Eingepacktes Bromzepferd (Josef Thorak, 1939), Simone Zaugg und Pfelder, Jürgen Baumann, Kulturamt Spandau
Eingepacktes Bronzepferd (Josef Thorak, 1939), Simone Zaugg und Pfelder, Foto: Jürgen Baumann, Kulturamt Spandau

Pfelder und Simone Zaugg, die beiden Künstler:innen, die im Moabiter Geburtshaus von Kurt Tuchholsky den Projektraum Kurt Kurt betreiben, haben sich Objekte des Schaudepots auf der Zitadelle Spandau vorgenommen. Zwischen den dicken Mauern der Bastion Königin lagern politisch unliebsame Denkmäler aus Berlin, die abgebaut wurden: steinerne Porträts von Kommunisten zum Beispiel oder Pferdestatuen aus der NS-Zeit. Zaugg und Pfelder haben einen Teil so pointenreich in Transportkisten gepackt, dass die Frage nach dem Umgang mit ausgedienten Denkmälern aktuell bleibt, die Pointen sollen hier aber nicht verraten werden. Höhepunkt der Schau sind die Gastbeiträge von Amer Al Akel. Sein „Unsichtbarer Käfig“ aus Armierungseisen und die albtraumhaft große Schuluniform „Morning Nightmare“ machen greifbar, dass Diktaturen nicht erledigt sind, nur weil die Relikte mancher Despotie im Depot stecken. Mehr über „Zeitfelder – Time Fields“ im Schaudepot der Zitadelle Spandau lest ihr hier.

Schaudepot Zitadelle Spandau, Am Juliusturm 64, Spandau, Fr–Mi 10–17 Uhr, Do 13–20 Uhr, 4,50/2,50 €, bis 14 J. + TLE frei, zitadelle-berlin.de, bis 30.9.


„Draußen…. Unter Kiefern“ im Garten des Brücke-Museums

Foto: Nick Ash
Ausstellungsansicht Guerilla Architects, „Aussetzen!“, „Draußen…. Unter Kiefern“, Brücke Museum, Foto: Nick Ash

Der Pfad, der durch den waldähnlichen Garten hinter dem Brücke-Museum führt, erfährt neue Aufmerksamkeit: dank der CO2-neutralen Freiluft-Ausstellung „Draußen…. Unter Kiefern“, die mit Geld aus dem Fonds „Zero“ der Bundeskulturstiftung gefördert worden ist. Wo unter Kiefern und Ahornen ein Bienenstock steht, wo sich Springkraut, Waldrebe, Brennnesseln, Efeu und Storchenschnabel vermehren, laden sieben Künstler:innen und Kollektive dazu ein, Pflanzen, Tiere und Pilze einmal nicht unter dem Gesichtspunkt zu sehen, wie sie uns Menschen nutzen. Am offensichtlichsten wird das in der Station des Berliner Kollektivs Club Real. Hier können Besuchende stellvertretend für nichtmenschliche Lebewesen politische Forderungen aufschreiben und in einen Briefkasten werfen. Subtiler wirkt Jenny Kendlers Venus-Skulptur aus Bodenmasse, die mit Samen gespickt ist und sich zersetzen soll. Bereits eine Woche nach der Eröffnung hat eine Spinne die Statue auf ihre Weise interpretiert.

Brücke-Museum Bussardsteig 9, Dahlem, Mi–Mo 11– 17 Uhr, 6/4 €, bis 18 J. + TLE frei, bruecke-museum.de, bis 25.10.


„Draußen…. Im Museum“ im Brücke-Museum

Foto: Nick Ash
Ausstellungsansicht „Draußen…Im Museum“, Brücke-Museum, Foto: Nick Ash

So eine Sommerschau geht immer. Luftig leicht wirkt die Ausstellung „Draußen… Im Museum“ des Brücke-Museums zu Naturbildern der Brücke-Künstler. Expressiv freie Menschenleiber an unbefestigten Seeufern, wie beseelte wirkende Baumstämme im Wald: Erschüttert vom rasanten Wachstum der Großstädte und vom Ersten Weltkrieg suchten die Maler und Zeichner das Seelenheil im Grünen. Doch das Team des Brücke-Museums weiß auch dieses Mal einen besonderen Dreh. Zeitgenössische Arbeiten setzen Kontrapunkte wie die Bilder der Malerin Lizza May David, die Ernst Ludwig Kirchners „Violette Bäume“ uminterpretiert. Und das Team von Atelier le Balto, das den Garten des Museums Anfang der 2020er-Jahre neugestaltete, hat tief in die Grafikschränke der Sammlung gegriffen. Die ausgewählten Stücke hängen nun so an einer Längswand, dass sie den Beeten draußen gleichen sollen, in den Zwischenräumen finden sich Skizzen von Le Balto (Foto). Aber egal: Die Radierungen, Holzschnitten, Zeichnungen und Aquarellen von Bleyl, Kirchner, Schmidt-Rotluff und Heckel sind selten gesehen und von meisterhafter Reduktion. Allein dafür lohnt sich der Besuch. Mehr zu „Draußen…. Unter Kiefern“ und der Ausstellung „Draußen…. Im Museum“ lest ihr hier.

Brücke-Museum Bussardsteig 9, Dahlem, Mi–Mo 11 – 17 Uhr, 6/4 €, bis 18 J. + TLE frei, bruecke-museum.de, bis 25.10.


„The Anonymous Project by Lee Shulman: No Place Like Home“ im Fotografiska

Ausstellungsansicht von „The Anonymous Project by Lee Shulman: No Place Like Home“ im Fotografiska. Foto: ©The Anonymous Project/Lee Shulman. Courtesy of Galerie Clémentine de la Féronnière

Wann war euer letzter Fotoabend mit der Familie? Als sich alle vor einer Leinwand oder einer blanken Wohnzimmerwand versammelten und die vom Beamer an die Wand geworfenen Urlaubs-, Familienfeier- oder Geburtstagsfotos anschauten? Für die meisten von uns dürfte das sehr, seeeehr lange her sein. Wie schön, dass man jetzt im Fotografiska auf einem gemütlichen Sofa Platz nehmen und sich eine ebensolche Fotoshow reinziehen kann – nur, dass es nicht die eigene Familie ist.
Lee Shulman hat sehr, sehr viele Fotos gesammelt, die er gefunden oder anderweitig erworben hat. Daraus hat der britische Regisseur und Künstler ein ganzes Archiv mit analoger Amateurfotografie der 1950er- bis 1970er-Jahre erstellt: „The Anonymous Project“ umfasst über 800.000 Dias. Ein Teil dieser Sammlung ist mit dem Titel „No Place Like Home“ im obersten Stockwerk des Fotografiska in einer Wohnzimmer-Installation zu sehen sowie in großen Glaskästen mit angeordneten Originaldias.
Spaß macht diese Schau, weil sie so persönliche, intime Einblicke in das Leben anderer Menschen aus einer anderen Zeit ermöglicht und die Erkenntnis vermittelt, wie ähnlich wir uns doch sind. Zugleich lenkt der Ausstellungskontext den Blick auf die ästhetischen Aspekte der Fotografien und lässt uns ihren überraschend künstlerischen Gehalt erkennen.

Fotografiska Oranienburger Str. 54, Mitte, tägl. 10–23 Uhr, 15/ 10 €, bis 1.11., berlin.fotografiska.com


„Das Porträt der Bundeskanzlerin“ im Bode-Museum

Foto: IMAGO / Jürgen Ritter
Museumsinsel, Bode Museum, offizielles Porträt der ehemaligen Bundeskanzlerin Angela Merkel von Jérémie Queyras, aufgenommen am 2. Juli 2026, Foto: IMAGO / Jürgen Ritter

Von ihrer Wohnung am Kupfergraben, die Angela Merkel noch nutzt, ist es nur schräg über die Straße ins Bode-Museum, in dem seit Anfang Juli ihr Porträt hängt: ganz oben, ganz hinten in den Sälen mit deutschem und französischem Klassizismus. Der Berliner Künstler Jérémie Queyras hat das Bildnis gemalt, und man möchte sagen: nicht schlecht gemalt. Die ehemalige Bundeskanzlerin steht halb keck, halb zurückhaltend da, realistisch-sachlich in blauem Blazer und mit Bügelfalten in der Hose, eine Dame mit Prinzipien und Macht. Interessanter als das Gemälde aber sind die Besucher:innen: Wirklich alle knipsen das Porträt, und die Aufsichten müssen etliche ermahnen, nicht rückwärtsgehend eine marmorne Mädchenskulptur anzurempeln. Dennoch ist die Stimmung heiter: Auf der Suche nach Merkel ziehen Besucher:innen mit Raumplänen bewaffnet und plaudernd durch das Museum. Und das ist mit seinen altmodisch geordneten und beschrifteten Münzen, Altaraufsätzen und Skulpturen gleichsam das Museum eines Museums. 

Bode-Museum Am Kupfergraben, Eingang Monbijoubrücke, Mitte, Di–Fr 10–17, Sa/So 10–18 Uhr, 14/7 €, bis 18 J. + TLE frei, smb.museum, bis 4.10.


„KOSMOS: Agenden, Netzwerke und Freundschaften“ in Schloss Biesdorf

Foto: Julia Hartmann, © Erika Stürmer-Alex / Karla Woisnitza / VG Bild-Kunst, Bonn, 2026
Blick in die Ausstellung „KOSMOS: Agenden, Netzwerke, Freundschaften“ in Schloss Biesdorf, Foto: Julia Hartmann, © Erika Stürmer-Alex / Karla Woisnitza / VG Bild-Kunst, Bonn, 2026

Um Freundschaften und andere Beziehungen zwischen Künstler:innen geht es im Biesdorfer Kapitel der sechsteiligen Ausstellungsreihe „Publik machen“ zum Zentrum für Kunstausstellungen der DDR (ZfK). Unter dem Titel „KOSMOS“ zeigt das Institut für Auslandsbeziehung (ifa), in dem das Zentrum nach der deutschen Vereinigung aufging, in Schloss Biesdorf Arbeiten, die von Kooperationen jenseits staatlicher Verbände und Zirkel zeugen, etwa Beispiele aus dem Künstlerhof, den Erika Stürmer-Alex nach ihrem Berlin-Verbot im brandenburgischen Lietzen gründete. Bemerkenswert sind die Arbeiten jüngerer Künstlerinnen zum Thema. So lässt sich hier Henrike Naumanns Auseinandersetzung mit Gemälden ihres Großvaters wiedersehen. Wilhelm Klotzek ist mit der Filmkamera tief in das Depot des ifa-Instituts getaucht, in dem der grafische Bestand des ZfK lagert, und schließt aus der Art der Aufbewahrung auf das deutsch-deutsche Binnenverhältnis.

Schloss Biesdorf  Alt-Biesdorf 55, Marzahn-Hellersdorf (S-Bhf. Biesdorf), Mo–Do Sa/So 10–18, Fr 12–21 Uhr, schlossbiesdorf.de bis 27.9.


„Cassirer und der Durchbruch des Impressionismus“ in der Alten Nationalgalerie

Paul Cézanne, „Die Brücke von Maincy“, um 1879  © Musée d’Orsay, Paris

So selbstverständlich heute Gemälde des Impressionismus in unseren Museen hängen und als Meisterwerke gefeiert werden, war das zu Beginn dieser Kunstrichtung keineswegs. Degas, van Gogh, Monet – sie alle mussten sich um die Wende zum 20. Jahrhundert von den Hütern der akademischen Kunst anhören, ihre Malerei sei technisch mangelhaft, ja geradezu schlampig, ihre Motive banal. In den Pariser Salons blieben ihre Werke meist außen vor, und in Deutschland hatte man erst recht keine Ahnung, welche künstlerische Revolution sich jenseits des Rheins anbahnte. Dass der französische Impressionismus hierzulande seinen Durchbruch schaffte, ist nicht zuletzt dem Kunsthändler Paul Cassirer zu verdanken. Er vermittelte Gemälde an Sammler und Museen und förderte zugleich deutsche Künstler wie Max Liebermann sowie mit Edvard Munch die Moderne. Großartige Werke aus den Berliner Museen, ergänzt durch internationale Leihgaben, und eine klug erzählte Kunstgeschichte machen die Ausstellung zu einem ebenso aufschlussreichen wie ästhetischen Erlebnis.

Mehr über die „Cassirer und der Durchbruch des Impressionismus“ lest ihr hier.

Alte Nationalgalerie Museumsinsel Berlin, Bodestr. 1–3, Mitte, Di–So 10–18 Uhr, 14/7 €, bis 27.9.


Volker Kreidler: „Half Life Chernobyl“ in der Galerie Kronprinz

© Volker Kreidler
Kyjiw und die Echos der Zone, Kyjiw, 1995. Foto: © Volker Kreidler

1995, 2015, 2025 – in diesen Jahren reiste Volker Kreidler in die Ukraine und fotografierte. Das erste Mal im Auftrag des Deutschen Hygienemuseums in Dresden, um die Folgen der Reaktorkatastrophe von Tschernobyl im Jahr 1986 für Mensch und Umwelt zu dokumentieren. Danach auf eigener Mission, jedoch mit denselben Fragen: „Was ist jetzt?“ 2015 war es die Rückeroberung der sogenannten Sperrzone durch die Natur, 2025 Kyjiw im Krieg. So treffen beinahe traumartige Bilder der entbehrungsreichen postsowjetischen Zeit auf Schwarz-Weiß-Fotografien einer prächtig blühenden, atomar verseuchten Landschaft und auf unpathetische Momentaufnahmen einer Stadt im Ausnahmezustand. Dem Berliner Fotografen ist eine Serie gelungen, die Stereotype vom „Osten“ vermeidet und dokumentarische, ästhetische sowie fotografietheoretische Elemente eindrucksvoll vereint.

Galerie Kronprinz in der Zitadelle Spandau, Am Juliusturm 64, Spandau, Fr–Mi 10–17, Do 13–20 Uhr, 4,50/ 2,50 €, zitadelle-berlin.de, bis 29.11.


„Rauschen. Echos einer Institution“ in der ifa-Galerie

© Victoria Tomaschko
Ausstellungsansicht „Rauschen: Echos einer Institution“, ifa-Galerie Berlin, 2026, ifa – Institut für Auslandsbeziehungen, Foto: © Victoria Tomaschko

Eine Institution kommt zur Wiedervorlage: das Zentrum für Kunstausstellungen in der DDR. Das Haus mit zwei Ausstellungsorten in Berlin und einer großen Sammlung sorgte für regen Kunstaustausch nicht nur mit sozialistischen „Bruderländern“, sondern mit der Bundesrepublik und der Biennale von Venedig. Nach der deutschen Vereinigung ging es im Institut für Auslandsbeziehungen auf, das die Sammlung des Zentrums übernahm und wie das Goethe-Institut vom Auswärtigen Amt gefördert wird. Zuletzt hat das ifa diesen Bestand untersucht und für sechs Ausstellungen mit fünf Partnerhäusern in Berlin und Dresden aufbereitet. In der Ausstellung der Berliner ifa-Galerie hängt, steht und läuft viel Kunst und Archivmaterial zum Sehen, Hören, Neudenken – unter anderem zu deutsch-deutschen Reibereien und Kulturpolitik mit Mitteln der Kunst, um die DDR auf dem internationalen Parkett der Diplomatie zu etablieren. Dass einzelne künstlerische Arbeiten dabei nicht untergehen und sich dieses (kunst-)historische Seminar auch für Einsteiger:innen eignet, dafür sorgen klare Wandtexte und die abwechslungsreiche Ausstellungsgestaltung des Künstlers Eran Schaerf.

ifa-Galerie Berlin  Linienstr. 139/140, Mitte, Di–So 14–18, Do bis 20 Uhr, untietotie.org,  bis 27.9.


Niina Lehtonen Braun: „My body is my studio” in der Schwartzschen Villa

Foto: Ludger Paffrath
Blick in die Ausstellung „My body is my studio“ von Niina Lehtonen Braun in der Schwartzschen Villa Steglitz, 2026, Foto: Ludger Paffrath

Niina Lehtonen Braun besitzt die große Gabe, Geschichten von Verletzungen zu erzählen, ohne dass sie neu verletzen. Das zeigte sie vergangenes Jahr im Atrans Pavillon, wo die in Berlin lebende finnische Künstlerin figürliche Aquarelle zu all den Lügen inszenierte, mit denen Erwachsene Kinder im Schach zu halten versuchen. Jetzt hat sie in der Schwartzschen Villa mehr Platz: und den nutzt sie hervorragend. Thema sind dieses Mal körperliche Symptome und Krankheiten von Frauen. Niina Lehtonen Braun sammelte Erzählungen dazu, auch zu Floskeln, mit denen medizinisches Personal und Mütter diese beiseite wischen. Die Aquarelle dazu ziehen sich nicht nur über die Wände, sondern auch durch einen charmanten Animationsfilm und schließlich ein schön gemachtes Buch, das jüngst bei argobooks erschien und hier ausliegt.

Schwartzsche Villa Grunewaldstr. 55, Steglitz, Mo–So 10–18 Uhr, .berlin.de/ba-steglitz-zehlendorf, bis 27.9., Künstlerinnengespräch: 24.9., 18 Uhr


„Antje Majewski & Jen Tiger – Osage Orange“ im Gutshaus Steglitz

© Jen Tiger, Foto: Jen Tiger
Jen Tiger, The Arts of “Civilized Life”, 2017, Pigmentdrucke, Diptychon, 30,5 × 45,7 cm, © Jen Tiger, Foto: Jen Tiger

Die Osage Orange ist ein Baum, der nordamerikanische Siedlungsgeschichte erzählt: von der Jagd Indigener auf Bisons, von Landraub und Verdrängung und der Einzäunung von Weideflächen für das Vieh europäischer Siedler mit den dornenbewehrten Bäumen. Die Berliner Künstlerin Antje Majewski, Kunstprofessorin in Braunschweig, hat sich die Geschichte des Baumes erschlossen, in Ölmalerei auf Holz oder Leinwand, in interessant geschnittenen Videos und in Zusammenarbeit mit der Künstlerin Jen Tiger von der Gemeinschaft der Osage. Tiger schreibt die Geschichte von Kinder-, Land- und Kulturraub mit Drucken auf Siedlerbüchern neu (Abb.) sowie in einer Installation aus bearbeiteten Memorabilien. Majewskis künstlerische Geschichtsschreibung gewinnt hier vor allem durch das Arrangement: die Gemälde stehen undurchdringlich wie ein Hain aus den dornigen Osagebäumen, und wie sie die Interviews gegenüberstellt, was da gesagt und was verschwiegen wird, das spricht Bände.

Gutshaus Steglitz Schloßstr. 48, Mo–So 10–18 Uhr (1. Di/ Monat geschl.), berlin.de/ba-steglitz-zehlendorf, bis 18.10.
Rundgänge mit Antje Majewski: 12.9., 16 Uhr; 11.10., 16 Uhr


„Gabriele Stötzer. Dabei sein und nicht schweigen“ im Gropius Bau

© Gropius Bau, Foto: Rosa Merk
Gabriele Stötzer: Dabei sein und nicht schweigen, Installationsansicht, Gropius Bau, 2026, © Gropius Bau, Foto: Rosa Merk

Fast eine Retrospektive ist sie geworden: die große Einzelausstellung von Gabriele Stötzer im Gropius Bau. Mit 150 Exponaten, darunter Fotos, Bücher, Filme, Zeichnungen und Keramik, führt die Schau von Stötzers experimentellen fotografisch-performativen Selbsterkundungen in der DDR bis zu ihrer jüngsten Arbeit, dem übermenschengroßen textilen Wandbild „Undine kommt“ (2026), einem Wassergeist aus Keramik und Schafswolle. Vor Undine reihen sich Bücher mit Berichten, Lyrik und Prosa der 1953 im thüringischen Emleben geborenen Künstlerin. Ihre Inhaftierung 1977 und ihr Mitwirken an der Besetzung der Stasi-Verwaltung in Erfurt 1989 beleuchtet in einem anderen Raum Dokumentarmaterial. Den Höhepunkt der von Christopher Wierling und Julia Grosse kuratierten Schau bildet der Saal mit Kurzfilmen, der von Stötzers Freude an Kooperationen zeugt wie in der Künstlerinnengruppe Erfurt. Und von subversivem Humor. Wie der kleine Schwarz-Weiß-Film von einer Vagina, untertitelt mit „Im Untergrund im Untergrund/ da lacht ganz laut der Muttermund.“

Gropius Bau  Niederkirchnerstr. 7, Kreuzberg, Mo, Mi–Fr 12–20 Uhr, Sa+So 10–20 Uhr, Hausticket: 16/8 €, bis 18 J. + TLE frei, berlinerfestspiele.de, bis 6.12.


„Neue Frau. Neues Sehen. Fotografinnen des Bauhaus“ vom Bauhaus-Archiv im Museum für Fotografie

© VG Bild-Kunst, Bonn 2026
Marianne Brandt, Selbstporträt mit Lilien, um 1923, Bauhaus-Archiv Berlin, © VG Bild-Kunst, Bonn 2026

Das Bauhaus-Archiv, seit acht Jahren wegen Bauarbeiten am Standort Klingelhöferstraße geschlossen, zeigt im Museum für Fotografie einen richtigen Schatz: Aufnahmen von Schülerinnen des Bauhauses und ihrem Umfeld, unbekannte Fotos und bekannte Fotos. Neu sortiert. Bilder von Gertrud Arndt, Ellen Auerbach, Marianne Brandt (Foto), Ise Gropius, Grete Stern, Lucia Moholy und viele weitere Fotografinnen finden hier wieder zusammen – nach der erzwungenen Selbstauflösung der  Schule 1933, nach Emigration oder Rückzug, nach Neuanfängen im Ausland oder im Nachkriegsdeutschland. „Neue Frau. Neues Sehen. Fotografinnen des Bauhaus“ spannt mit rund 300 meist kleinformatigen Abzügen einen großen Bogen. Sie zeigt, welchen Unterricht die jungen Fotografinnen erhielten, wie sie das Gelernte in eine eigene Fotosprache umsetzten und dass es einigen wie Grete Stern gelang, sich trotz unterbrochener Karriere in der Männerbranche Fotografie zu behaupten. Nicht zuletzt aber lassen anrührende Porträts und Selbstporträts ahnen, wie die Student:innen das Ideal der „neuen Frau“ zu leben versuchten. Großartig.

Museum für Fotografie Jebensstr. 2, Charlottenburg, Di–Mi, Fr–So 11–19, Do bis 20 Uhr, 12/6 €, bis 18 J. + TLE frei, smb.museum, bis 4.10.


„Rooms/ Stages“ in der Helmut Newton Stiftung

© Jana Sophia Nolle / VG Bildkunst Bonn 2026
Jana Sophia Nolle, Living Room # 1, Berlin 2020-22, © Jana Sophia Nolle / VG Bildkunst Bonn 2026

Es ist ja nicht einfach, das Werk des in Berlin geborenen, 2004 gestorbenen Modefotografen Helmut Newton am Sitz der nach ihm benannten Stiftung im Museum für Fotografie immer neu zu inszenieren. Doch dieses Mal ist es gelungen. Das Thema sind Räume und Bühnen, und Newtons Modeinterieurs geben den Impuls für eine große Gruppenausstellung. Klassische Tafelbildfotografie von zwölf Teilnehmer:innen gibt einen groben Überblick über rund 30 Jahre Methoden von Künstler:innen, Räume zu inszenieren und abbilden. Die  Spannbreite reicht von Gregors Schneider Aufnahmen von einem eingebauten schallisolierten Raum in seinem Mönchengladbacher Haus „ur“, über Götz Diergartens Panoramen menschenleerer Berliner U-Bahnstationen bis zu Jana Sophia Nolles Interieurs: Die Berliner Künstlerin interviewte Obdachlose und baute mit ihrer Einwilligung deren improvisierte Behausungen in bürgerlichen Wohnzimmern nach (Abb.).

Helmut Newton Stiftung im Museum für Fotografie, Jebenstr. 2, Charlottenburg, Di–So 11–19, Do bis 20 Uhr, 12/6 €, bis 18 J. + TLE frei, newton-foundation.org, bis 15.11.


Mooni Perry im Kunst Raum Mitte

Mooni Perry, Filmstill aus „EL“, 2025. Foto: Mooni Perry © Foto: Mooni Perry

Im Kunstraum Mitte geht es mit einer neuen Ausstellung weiter im Jahresprogramm „Dissolutions“ , das der Frage nachgeht, wie sich historische Erzählungen auflösen, überschreiben und neu zusammensetzen lassen. Mooni Perry, eine koranische Künstlerin, die sich mit Diaspora und ostasiatischer Religiosität beschäftigt, zeigt die Videoinstallation „EL“ , ein Film zwischen Traum, Erinnerung und kolonialer Geschichte. In einem Hotel im früheren japanischen Marionettenstaat Mandschukuo treffen sich eine koreanische Dichterin und eine chinesische Operndarstellerin. Die Arbeit verbindet Musik, historische Dokumente und filmische Szenen zu einer einsaugenden Erzählung, in der verdrängte Geschichten über Migration, Gewalt und Identität auftauchen. Ergänzt wird das Video durch Archivmaterialien aus dem Kunst Raum Mitte und der zuvor dort angesiedelten galerie weisser elefant, die lokale Berliner Geschichte mit ostasiatischen Kontexten verschränken. Dazu kommen ein Screening, eine Performance und eine offene Reading Group, die Perrys Recherche in den Ausstellungsraum erweitern.

Kunst Raum Mitte Auguststr. 21, Mitte, Mo–So, 10–18 Uhr, bis 4.10., www.kunstraummitte.de


Lina Lapelytė: „We Make Years Out of Hours“ im Hamburger Bahnhof

Lina Lapelytė. We Make Years Out of Hours, Ausstellungsansicht Hamburger Bahnhof – Nationalgalerie der Gegenwart, Berlin, 2026 
© Lina Lapelytė. VG Bild-Kunst, Bonn 2026. Foto: Staatliche Museen zu Berlin, Nationalgalerie / Laura Fiorio

Die Schnittstelle zwischen Kirche und Spielplatz befindet sich in der Haupthalle des Hamburger Bahnhofs. In dieser ehemaligen Kathedrale des kohlebetriebenen Fernverkehrs kommen Menschen zusammen, klopfen, klappern, singen vielleicht, begleitet von Sänger:innen, die sich nach einer Choreografie bewegen. Wie in der Kirche liegt der Text des Chors auf Bänken aus. Für ihre Ausstellung „We Make Years Out of Hours“ ließ die Künstlerin Lina Lapelytė 400.000 Klötze aus Kiefern- und Fichtenholz in das Museum liefern und zu einer duftenden, hallenfüllenden Landschaft fügen. Aus diesen Klötzen bauen Besuchende und Performende Türme, Mauern, Ringe, sie stapeln, schütten, schichten und reißen die Bauwerke polternd wieder ein. Das Kunstwerk, das auch Kinder begeistert, ist mehr als Spielzeug: eine Einladung, sich zweck- und zielfrei zu vergessen und sich wenigstens einen Ausstellungsbesuch lang mit anderen Menschen in Harmonie verbunden zu wähnen. Mehr über Lina Lapelytės Schau „We Make Years Out of Hours“ im Hamburger Bahnhof lest ihr hier.

Hamburger Bahnhof – Nationalgalerie der Gegenwart Invalidenstr. 50, Mitte, Di, Mi, Fr 10–18, Do 10–20, Sa+So 11–18 Uhr, 16/8 €, bis 18 J. + TLE frei, So Familien 10 €, www.smb.museum, Performances Di, Do, Sa/ So 14 –17 Uhr, bis 10.1.2027


„Neue Frau, Neues Sehen. Die Bauhaus-Fotografinnen“ im Museum für Fotografie

Grit Kallin-Fischer, Selbstporträt mit Zigarette, um 1928, Bauhaus-Archiv Berlin.

Seit den Anfängen der Fotografie im 19. Jahrhundert haben herausragende Fotografinnen das Medium entscheidend geprägt. Nur leuchten ihre Namen nicht so hell am kunsthistorischen Firmament wie die der männlichen Kollegen. Da ist die Ausstellung „Neue Frau, Neues Sehen. Die Bauhaus-Fotografinnen“ spektakulär wie ein Komet. Am Bauhaus, wo zu Zeiten der Weimarer Republik bis in die Anfänge der 1930er das gestalterische Prinzip für das 20. Jahrhundert gesetzt wurde, lernten junge Frauen die Kunst und Technik der Fotografie. Frauen wie Grit Kallin-Fischer, Marianne Brandt, Ise Gropius oder Lucia Moholy. Sie experimentierten mit Perspektiven, Techniken und Formen und entwickelten ein breites Spektrum von Porträt- bis hin zu abstrakter Fotografie. Ihre Bilder prägten das Bild vom Bauhaus bis in die Gegenwart hinein. Höchste Zeit also, dass sich ihre Namen auch in das kollektive Kulturgedächtnis einprägen. Die Schau zeigt mit über 300 Aufnahmen, unter anderem Leihgaben aus dem Institute of Design, dem kriegsbedingten Nachfolge-Institut des Bauhaus in Chicago, eine enorme Bandbreit von Architekturfotografie bis zu Alltagsleben im Bauhaus. Eine eindrückliche Reise zurück in die Zukunft.

Museum für Fotografie Jebensstr. 2, Charlottenburg, Di–So 11–19 Uhr, Do bis 20 Uhr, 12/6 €, bis 4.10.


„Shilpa Gupta. What Still Holds“ im Hamburger Bahnhof – Nationalgalerie der Gegenwart

© Shilpa Gupta. Staatliche Museen zu Berlin, Nationalgalerie, Sammlung Marx, VG Bild-Kunst, Bonn 2026 / Foto: Luca Girardini
Blick in die Ausstellung „Shilpa Gupta. What Still Holds“, Hamburger Bahnhof – Nationalgalerie der Gegenwart, mit Someone Else – A Library of 100 Books Written Anonymously or Under Pseudonyms, 2011; Truth, 2022-2025; Joseph Beuys, Straßenbahnhaltestelle. A Monument to the Future (2. Fassung), 1976; 100 Hand-Drawn Maps of My Country, 2008/14 – fortlaufend (v.l.n.r.), © Shilpa Gupta. Staatliche Museen zu Berlin, Nationalgalerie, Sammlung Marx, VG Bild-Kunst, Bonn 2026 / Foto: Luca Girardini

Indien belegt laut der Initiative Reporter ohne Grenzen auf der Rangliste der Pressefreiheit Platz 151 von 180. Ein schlechtes Indiz auch für die Freiheit der Künste. Es ist Shilpa Gupta somit hoch anzurechnen, dass sie das Risiko eingeht, an internationale Widerstandsbewegungen und Verbote von Schriften zu erinnern. Nach einer Einzelausstellung in Lübeck, wo die 1976 im damaligen Bombay geborene Künstlerin den Possehl-Preis 2025 erhielt, zeigt Gupta nun Arbeiten im Hamburger Bahnhof zu Berlin. Die kleine Auswahl soll auf die hier ständig präsente Werkschau des politisch aktiven Joseph Beuys (1921-1986) antworten (Foto vorn Mitte). Inhaltlich mag das sinnvoll sein, formal weniger. Guptas Skulpturen und Installationen, die sozusagen Platz für freie Gedanken beanspruchen, wirken wie in die schlauchartige Halle hineingezwängt. Doch eine Arbeit behauptet sich auch hier: das Regal mit metallenen Buchdeckeln verbotener oder unter Alias veröffentlichter Romane, Essays, Sachtexte: „Someone Else – A Library of 100 Books Written Anonymously or under Pseudonyms“ von 2011 (Foto links). Es bleibt ein eindrückliches Mahnmal gegen Zensur. Wer frühere Berliner Ausstellungen von Shilpa Gupta verpasst hat, gewinnt in dieser Ausstellung auf jeden Fall einen Eindruck von ihrem Werk. Mehr über Shilpa Guptas Ausstellung „What Still Holds“ im Hamburger Bahnhof lest ihr hier.

Hamburger Bahnhof – Nationalgalerie der Gegenwart Invalidenstr. 50/ 51, Mitte, Di, Mi, Fr 10–18, Do 10–20, Sa + So 11–18 Uhr, 16/8 €, bis 18 J. + TLE frei,smb.museum, bis 3.1.2027


„Carbon Culture. Museum des fossilen Zeitalters“ im Deutschen Technikmuseum

Foto: Technikmuseum/ Hijano
Grafiken von Vanessa Amoah Opoku und Lion Sauterleute im Durchgang zum Lokschuppen des Deutschen Technikmuseums, Foto: Technikmuseum/ Hijano

Vanessa Amoah Opoku und Lion Sauterleute haben Zeichnungen für das Deutsche Technikmuseum (DTM) gefertigt: große, fragmentierte, verfremdete, mitunter animierte Ansichten von Maschinen. Die Arbeiten sind auf Bildschirmen und Plakaten von „Carbon Culture“ zu sehen, einer Intervention, die Teil eines europäischen Forschungsprojekts ist. Diese Zeichnungen sowie Texte und Weg markierende gelbe Benzinkanistern weisen auf die blinden Flecken der opulenten Dauerschauen hin. So spart die Vitrine mit einem ingenieurskorrekt zerlegten, blitzblanken Zwölf-Zylinder-Flugzeugmotor Herstellung, Gebrauch und Folgen aus, konkret: Hochöfen, Schmieröl und Kondensstreifen fehlen. Mit „Carbon Culture“ nimmt das Museumsteam Anlauf, Technikgeschichte umzuschreiben – und Teile der Pop-Historie gleich mit, von Road Movies, die das Auto feiern, und Western, die das Öl besingen. Pionierarbeit. Vanessa Amoah Opoku und Lion Sauterleute haben auch das Begleitheft gestaltet, das neben den großartigen Illustrationen wichtige soziale und technische Daten zur „Carbon Culture“ enthält.

Deutsches Technikmuseum Trebbiner Str. 9, Kreuzberg, Di–Fr 9–17.30, Sa + So 10–18 Uhr, 12/6 €, bis 18 J. frei, technikmuseum.berlin, bis 27.9.


„On Water. WasserWissen in Berlin“ im Humboldt Labor

Ausstellungsansicht „On Water. WasserWissen in Berlin“ im Humboldt Labor (mit der SpreeBerlin Boje von Jakob Kukula und Exponaten aus dem Naturkundemuseum Berlin im Vordergrund) © Humboldt-Universität zu Berlin / Humboldt Labor, Foto: Philipp Plum

 Das Wasser macht nicht mehr, was es soll: In Brandenburg wird es knapp, an den Alpenrändern zu viel. Die Humboldt-Universität (HU) zeigt in ihren „Humboldt Labor“ genannten Sälen des Humboldt Forums sechs künstlerische Beiträge zum Thema Wasser, gleichberechtigt mit Forschungsprojekten von 50 Wissenschaftler:innen aus der Berlin University Alliance, einem Verbund von HU, Technischer und die Freier Universität sowie Charité. Der Weg durch die zwei Säle führt aus der Meerestiefe über Stadt- und Badewannenwasser bis zu H₂O hoch im All. Sounds, Objekte, Modelle und Videoprojektionen, Texte, Fotos, Laborgläser, Apparate, Vitrinen und Hörstationen versammeln eine Fülle von Versuchen und Erkenntnissen: Die Vielfalt der vertretenen Sparten macht die Schau höchst kurzweilig. Zu den bestechenden künstlerischen Arbeiten zählen Jakob Kukulas formschöne Boje, die Schadstoffe in der Spree melden kann (Abb.), und Mirja Buschs leuchtendes, ästhetisches Archiv für Pfützen, das nun Eingang in die Wissenschaft findet. Mehr über „On Water“ im Humboldt Labor lest ihr hier.

Humboldt Labor  Humboldt Forum Schloßplatz 1, Mitte, Mi–Mo 10.30–18.30 Uhr, diese Ausstellung im Haus Eintritt frei, Veranstaltungen:humboldt-labor.de, bis auf Weiteres


Das neue Petri Berlin

© Staatliche Museen zu Berlin, Museum für Vor- und Frühgeschichte / David von Becker
Das Ausgrabungsgeschoss im PETRI Berlin, © Staatliche Museen zu Berlin, Museum für Vor- und Frühgeschichte / David von Becker

Die Staatlichen Museen zu Berlin haben sich ein neues Haus gebaut: das Petri für Archäologie, eine Einrichtung des Museums für Vor- und Frühgeschichte. Die Idee ist so simpel wie überzeugend: Über der Ausgrabungsstätte an der Gertraudenstraße wurde ein vierstöckiges Gebäude errichtet. Schön lässt es sich nicht nennen, aber Besucher:innen können hier direkt in die freigelegten Fundamente des mittelalterlichen Cölln hinabsteigen (Foto). Wie Archäolog:innen mit Funden wie Geschirr oder gar dem Stoßzahn eines Mammuts umgehen, erschließt sich in den oberen Stockwerken: in gläserner Restaurationswerkstatt und in Schaudepots, die sich im Aufbau befinden. Menschliche Überreste dagegen finden im Untergeschoss eine pietätvolle Ruhestätte, ergänzt um Totenbücher.  Am aufschlussreichsten wird ein Besuch, wenn man sich einer der sympathisch-anschaulichen Führungen anschließt.

Petri Berlin Gertraudenstr. 8, Mitte, Di–Fr 9–17 Uhr, Sa/ So 10–16 Uhr, 6/ 3 €, bis 18. J. + TLE frei, smb.museum, bis auf Weiteres


Robin Rhode: „Der Botanische Garten“ gegenüber von Das Minsk, Potsdam

Foto: Frank Sperling
Robin Rhode, Der Botanische Garten, Mai 2025, Foto: Frank Sperling

Von den Terrassen des Kunsthaus Minsk am Potsdamer Hauptbahnhof konnte der Blick früher die Havel entlang bis tief nach Brandenburg schweifen. Vorbei: Hier steht seit 2017 das Sportbad Blu. Seitdem konnte von dessen Terrasse der Blick der Havel folgen: Eiszeitlich urig sah das aus. Auch das ist vorbei: Am Flussufer stehen jetzt Wohnblöcke. Nun hat der südafrikanische Street-Art Künstler Robin Rhode auf Einladung des Minsk die Längswand des Schwimmbades gestaltet: mit einem großen, blauen Fassadenbild. Kleine Figuren und große Blüten erinnern dezent an die Formsprache von Kunst am Bau im Sozialismus, wie sie an der Westseite des Bades angebracht ist. Rhodes Bild sieht prima aus. „Der Botanische Garten“ heißt es. Doch bei genauerer Betrachtung wäre eine echter Garten, eine künstlerische Fassadenbegrünung zum Beispiel, noch besser gewesen. Denn die wenigen jungen Bäumchen hier machen den vielen Asphalt und Stein auf dem Platz zwischen Minsk und Blu noch längst nicht wett.

Das Minsk Max-Planck-Str. 17, 14473 Potsdam, 0-24 Uhr, dasminsk.de, bis auf Weiteres


Susan Philipsz in der „Unendlichen Ausstellung“ des Hamburger Bahnhofs

© Susan Philipsz, Foto: © Staatliche Museen zu Berlin, Nationalgalerie / Jacopo La Forgia
Ausstellungsansicht “Unendliche Ausstellung”, Hamburger Bahnhof – Nationalgalerie der Gegenwart: Susan Philipsz, East by West, 2025, 4-Kanal-Soundinstallation © Susan Philipsz, Foto: © Staatliche Museen zu Berlin, Nationalgalerie / Jacopo La Forgia

In dem Buch „Planetares Denken“ der Politikwissenschaftler Frederic Hanusch, Claus Leggewie und Erik Meyer kommt auch Susan Philipsz kurz vor: als Beispiel für Künstler:innen, die in die Tiefenzeit des Planeten Erde eintauchen. Eine kleine Ahnung davon erhalten Passant:innen am Tor zum Garten des Hamburger Bahnhofs. Aus Bäumen rechts und links der Gartentür wehen die Klänge, die ein Musiker mit langem Atem Muscheln entlockte. Die Gehäuse der Weichtiere stammen, sagt Philpsz, von Atlantik und Pazifik. Nun mogelt sich ihr Klang nun unter den Verkehrslärm der Invalidenstraße, er beruhigt und öffnet den Horizont. Bis zum nächsten Meer ist es nach heutigen Maßstäben ja nicht weit. Und ein Blick nach oben (Foto) zeigt: Bei den Bäumen handelt es sich um Pappeln und Ulmen, letztere übrigens eine Baumart, die von Käfer und Pilzen befallen in Deutschland auf dem Rückzug ist.

Hamburger Bahnhof Invalidenstr. 50/51, Moabit, Di, Mi, Fr 10–10, Do bis 20 Uhr, Sa+So 11–18 Uhr, 16/ 8 €, bis 18 J, TLE + diese Arbeit frei, smb.museum, bis auf Weiteres


Atelier le balto: „Licht und Schatten“ vor der Berlinischen Galerie

© atelier le balto
Atelier le balto, Skizze Berlinische Galerie, 2025, © atelier le balto

Wer im Glashaus sitzt, sollte bei steigenden Temperaturen für Schatten sorgen. Die Berlinische Galerie, seit 2004 in einem ehemaligen Glaslager beheimatet, hat eine gläserne Fassade, ausgerechnet auf der sonnigen Südseite. Zu seinem 50-jährigen Bestehen gönnt sich das Museum dort eine Begrünung durch die Landschaftsarchitekt:innen vom Atelier le balto, die unter anderem für ihre Kübelbäume am Kulturforum bekannt sind. Für den Vorplatz der Berlinischen Galerie haben sie unter bereits vorhandenen Bäumen hölzerne Schattenpodeste gebaut. Und vor der Glasfassade dagegen reihen sich nun in großen Töpfen Rankpflanzen wie Waldrebe und Rosen. Kletterstangen, Tripods ähnlich zusammengebunden, sollen ihnen Halt bieten, Kräuter wie Thymian die Erde vor dem Austrocknen bewahren. Noch sind die Triebe noch nicht so hoch wie auf der Skizze (Abb.), sondern jung und kurz. Aber es lässt sich bereits ahnen, dass das eines Tages toll aussehen und daran appellieren könnte, generell mehr Stadtgrün zu ermöglichen.

Berlinische Galerie Alte Jakobstr. 124–128, Kreuzberg, Mi–Mo 10–18 Uhr, 10/ 6 €, bis 18 J. + Geflüchtete frei, www.berlinischegalerie.de, Atelier le balto: bis auf Weiteres


Neue Nationalgalerie: „Zerreißprobe. Kunst zwischen Politik und Gesellschaft“

In der Neuen Nationalgalerie zeigt sich der nächste Teil der Sammlung neu sortiert: Die Ausstellung „Zerreißprobe“ präsentiert Kunst nach 1945. Ost und West finden hier zusammen – genauso wie Kunst und Politik. Unter den 170 Arbeiten der Ausstellung gibt es jede Menge bekannte Werke. Neben Werken der üblichen Verdächtigen von Marina Abramović bis Andy Warhol aus der ehemaligen Nationalgalerie-West an der Potsdamer Straße hängen jetzt Arbeiten bekannter Ostgrößen wie Wolfgang Mattheuer Harald Metzkes oder Werner Tübke, die die  auf der Museumsinsel gelegene Nationalgalerie-Ost sammelte.

Verantwortlich für die Schau sind der für die Sammlung zuständige stellvertretende Direktor Joachim Jäger, die wissenschaftliche Mitarbeiterin Maike Steinkamp sowie die Kunsthistorikerin Marta Smolińska von der Universität der Künste in Poznań. „Zerreißprobe“ ist laut Joachim Jäger der Versuch einer Darstellung, die den Entwicklungen von Meinungen und Werten in der Gesellschaft folge. Die Gesellschaft entscheidet über die Kriterien der Kunst. Das war schon immer so, nur obsiegen nun offenbar Gesinnung, Moral und Geschlecht über Ästhetik.

Die Geschichte schreiben immer die Sieger. „Die Einfühlung in den Sieger kommt demnach den jeweils Herrschenden allemal zugut“, formulierte 1940 Walter Benjamin. Denn die im Dunkeln, die Ausgeschlossenen und Vergessenen, sieht man ja nicht – und sie sind auch in der Neuen Nationalgalerie nicht zu sehen, beispielsweise Werke der Art brut, Werke der oft autodidaktischen Kunst gesellschaftlicher Außenseiter, die, wie Jäger sagt, nicht in der Sammlung vertreten  sind.

Neue Nationalgalerie Potsdamer Str. 50, Tiergarten, Di/ Mi, Fr–So 10–18, Do 10–20 Uhr, 14/ 7 €, bis 18 J., bis 25.4.2027


Gerhard Richter – 100 Werke für Berlin

100 Arbeiten leiht der berühmte Maler Gerhard Richter der Neuen Nationalgalerie auf lange Zeit, und sie alle passen in das Grafikkabinett im Untergeschoss des Museums. Denn unter den Abstraktionen befinden sich viele kleine übermalte Fotos – Spitzenstücke, eine Wucht. Im Zentrum jedoch hängt der „Birkenau“-Zyklus, mit dem Richter die Grenzen der Kunst im Angesicht von Verbrechen der Nationalsozialist:innen thematisiert. Als Vorlage dienten Fotografien, die Häftlinge unter Lebensgefahr in Auschwitz-Birkenau aufgenommen und aus dem Konzentrationslager geschmuggelt hatten.

Neue Nationalgalerie Potsdamer Str. 50, Tiergarten, Di–Mi, Fr–So 10–18, Do bis 20 Uhr, 14/ 7 €, bis 18 J., Do ab 16 Uhr frei, Tickets hier, bis September 2026


Mehr Kunst und Ausstellungen in Berlin

Monatsvorschau: Die wichtigsten Eröffnungen und neuen Ausstellungen im September 2026 in Berlin. Alle unsere Texte auf einen Blick: Berlin Art Week 2026. Im Überblick: Kunstjahr 2026 in Berlin – die wichtigsten Ausstellungen des Jahres. Ein neues Quartier: Hamburger Bahnhof, Museum für Naturkunde, Medizinhistorisches Museum und Futurium schließen sich zur MuseumsMeileMitte zusammen. Er hat einige Jugendsünden hinter sich gelassen: 2026 feiert der Hamburger Bahnhof 30. Geburtstag. Überblick verloren? Sobald die Infos da sind, steht hier das Wichtigste zur Berlin Art Week. Geht immer: Wir zeigen euch wichtige Ausstellungshäuser, Galerien und Museen für Kunst in Berlin.

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