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Kunst

61. Biennale von Venedig: Ein Tiefpunkt

Die Venedig Biennale steckt in einer spektakulären Krise. Die schwachen Beiträge sind in der Überzahl, die guten Pavillons lassen sich an einer Hand abzählen
Text: Claudia Wahjudi
Veröffentlicht am: 11.05.2026
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Zentraler Pavillon auf dem Giardini-Gelände der 61. Biennale von Venedig , in dem ein Teil der Ausstellung „In Minor Keys“ untergebracht ist. An den Säulen: Otobong Nkanga, Soft Offerings to Silenced Voices and to All Who Have Turned to Dust, 2026, eine skulpturale Installation unter anderem aus venezianischen Ziegelsteinen Pflanzen und Murano-Gläsern  © Foto: Jesko Sander

Seit am 9. Mai eine von Ungemach gekennzeichnete 61. Biennale von Venedig eröffnet hat, lassen sich auf dem zweiteiligen Gelände Pavillons mit gehaltvollen Ausstellungen an einer Hand abzählen: Im alten Teil, den Giardini, zählt Dänemarks Pavillon dazu, mit Maja Malou Lyses Science-Fiction-Installation über Pornografie und Fruchtbarkeitsrate. Auch der Deutsche Pavillon zählt dazu, über die Schau „Ruin“ von Henrike Naumann und Sung Tieu erfahrt ihr hier mehr.

Der von Österreich mit Florentina Holzingers Großinstallation, in der nackte Performerinnen Schwerakrobatik in Flüssigkeit aus aufbereitetem WC-Abwasser leisten. Und der von den Niederlanden wohl auch, mit Dries Verhoevens „The Fortress“: Das Publikum kann sich zu jeder vollen Stunde in dem elegant-modernistischen Neubau einschließen lassen, um sich antiaufklärerischen Anweisungen einer stimmgewaltigen Performerin auszusetzen.

Venedig Biennale 2026: Schwache Beiträge sind in der Überzahl

Doch schwache Beiträge sind in der Überzahl. Allen voran gehören dazu bei den USA Alma Allens vorstadtvillentaugliche Stein- und Bronzeskulpturen. Finnland enttäuscht mit Jenna Sutelas klingenden kinetischen Wuschelwesen, Ägypten mit wippenden schwarzen Elementen. Und so weiter.

Und dann sind da die Pavillons der Staaten, die sich im Krieg befinden. Israels angestammtes Haus ist geschlossen. Ein Ersatzpavillon fand sich im historischen Arsenal, dem zweiten Teil des Biennale-Areals, gleich gegenüber dem Pavillon Saudi-Arabiens. Russland nimmt erstmals seit 2022 wieder teil, ließ in seinem Haus Bäume und Blumengestecke aufstellen und während der Vorbesichtigungstage ganztags Longdrinks ausschenken. Gegen die Rückkehr des Aggressors auf die Kunstschau protestierten vor dem Haus die Künstlerinnengruppen Femen (aus der Ukraine) und Pussy Riot (im Exil). Nun soll der Pavillon geschlossen bleiben, das Geschehen drinnen auf einen Bildschirm draußen übertragen werden. Mal sehen. Vielleicht hat es genutzt, dass sich die Kulturministerinnen Polens und der Ukraine bei einer Veranstaltung im Polnischen Pavillon am 6. Mai gegen Russlands Wiedereinstieg verwahrten. Vielleicht wirkt die Drohung der EU-Kommission, der Biennale wegen Russlands Teilnahme zwei Millionen Euro Fördergeld zu streichen.

Nebenschauplatz für Kriege

Gegen Kriegspolitik mittels Kultur kommt die zentrale Ausstellung nicht an, jedenfalls nicht in diesem Teil des Areals. „In Minor Keys“, „In Moll-Tönen“, heißt die Schau der kamerunisch-schweizerischen Kuratorin Koyo Kouoh, die 2025 überraschend an Krebs starb und deren Team ihr Konzept verwirklicht hat. Es sollte eine Schau werden, die „orchestrierten Bombast“ durch leises Auftreten ersetzt, die Besinnung auf Ressourcen ermöglicht, orientiert an den kooperativen Werkstattmethoden des Künstlers Issa Samb (1945–2017) in Dakar und der US-amerikanischen Schwarzen Künstlerin Beverly Buchanan (1940–2015). Doch im verschachtelten Gebäude der Zentralschau verlieren sich die Exponate. Auch starke Beiträge gehen hier unter, etwa Walid Raads Bilder, die angeblich Schlafstätten Jassir Arafats zeigen, oder Yoshiko Shimadas Fotos von Performances mit pinkfarbener Flagge, Mixed-Media-Bilder von Kaloki Nyamai, die großen Papier-Patchwork-Formate von Alexa Kumiko Hatanaka. Zweidimensionales aus Stoff, Papier und Leinwand, gezeichnet, geklebt, gemalt, gestickt, gewebt und davor Skulpturen: Wie schon die Male zuvor ist es hier zu viel des Guten und des Gleichen.

So kommt Kunst gegen das Unbill der Biennale nicht an. Pietrangelo Buttafuoco, ein Journalist aus Sizilien, dessen Ernennung zum Biennale-Präsidenten der Meloni-Regierung gefiel, versäumte es, die Jury der Weltschau bei der Stange zu halten. Sie hatte angekündigt, keine der begehrten Goldenen und Silbernen Löwen an Künstler:innen aus Ländern zu vergeben, deren Staatschefs sich vor dem Internationalen Gerichtshof verantworten müssen, sprich: aus Russland und Israel. Kurz darauf traten die fünf Mitglieder zurück. Und Buttafuoco führte einen Publikumspreises ein, ein Affront, denn Besuchende werden kaum systematisch die auch über die halbe Lagunenstadt verteilten Ausstellungen aller teilnehmenden Staaten abhaken. Es geschah, was geschehen musste: Zahlreiche Künstler:innen und Pavillons gaben zur Eröffnung bekannt, für einen solchen Preis nicht zur Verfügung zu stehen, unter ihnen Alfredo Jaar, Otobong Nkanga und Eric Baudelaire sowie die Pavillonteams von Polen, Spanien, Frankreich und den Niederlanden. „Mit Pietrangelo ist die Venedig-Biennale in politischer wie künstlerische Hinsicht unsicher“, wusste die französische Tageszeitung „Le Monde“ schon 2024.

Koyo Kouohs Hauptschau im Arsenal ist der bessere Teil der Venedig Biennale

Auch im Arsenal schwächelt viel Kunst. Ein Großteil der hier präsenten Länder wie Marokko, Indien, Argentinien zeigt inhaltlich belanglose, formal glatte Wohlfühlkunst in Überwältigungsformaten: ein Kuschelbett, zurückhaltend gemusterte Vorhänge, Bambusgestänge, eine begehbare Landschaft aus Salz und Kohlestaub. Immerhin läuft hier der größere Teil von Kouohs Schau „In Minor Keys“ zu guter Form auf. Im Arsenal kommen bei Kouoh auch Fotografie, Video und Klang zum Einsatz, und so kann sich zwischen den alten Mauern ein abwechslungsreicher Parcours entfalten.

Unter weitgehendem Verzicht auf Schreckensbilder erstreckt sich das Spektrum der Themen von Kindheit und Elternliebe zu Krankheit, Traumata, Tod und Trauer, von ausgebeuteten Böden zu blühenden Gärten, von Religion und Spiritualität zu Wissenschaften und zurück. Hier geht es darum, Wege aus den Krisen zu finden – mit höchst unterschiedlichen Methoden. So finden auf dem Themenfeld Natur einerseits Bonnie Devines viele kleine Mixed-Media-Bilder Platz, auf denen die Künstlerin minutiös die Folgen von Uranabbau am kanadischen Serpent River interpretiert. Andererseits strahlt hier Alfredo Jaars imposanter, rot beleuchteter Saal mit der winzigen Skulptur aus Seltenen Erden, die bereits in Berlin zu sehen war. Mohammed Johas Collagen lassen die Unbehaustheit von Flüchtlingsunterkünften erleben, während Sandra Knechts originales Holzhaus aus der Schweiz von dem Versuch erzählt, mit Pflanzen und Insekten ein Heim zu teilen.

Und ja, Kitsch ist auch dabei wie Laurie Andersons Beitrag, eine von Klängen untermalte Wand- und Bodenzeichnung mit Sinnsprüchen von Geistesgrößen. Zeitgenössisch realistische oder naturalistische Positionen dagegen sind Ausnahmen. Zu ihnen gehören die Schwarzweiß-Fotografien des in Berlin lebenden Künstlers Akinbode Akinbiyi und die Videos von Éric Baudelaire. Baudelaire filmte in den Niederlanden einen Umschlagplatz für Importblumen. Gabelstapler, Orchideen, Menschen in Warnwesten: Die Aufnahmen laufen auf fünf Leinwänden nebeneinander – eine Meditation über Arbeit, Ethos, koloniale Handelsrouten und lebende Massenware.

Draußen ist besser: Nebenveranstaltungen der Biennale

Wer sich mehr solcher scharfen Beobachtungen und Reflexionen wünscht, muss das Gelände verlassen. Sie sind bei Partner- und Nebenveranstaltungen der Biennale in der Stadt zu finden, etwa in der Ausstellung „Canicula“, von der Stiftung In Between Art Film untergebracht in einem alten Krankenhaus. Sinnvoll über Säle und Untersuchungszimmer verteilt, laufen Film- und Videoarbeiten etwa von Lawrence Abu Hamdan sowie dem Duo Massimo D`Anolfi und Martina Parenti, die die Weltlage präzise analysieren. Ob Archivcollage, Doku oder Science-Fiction: Die Themen reichen vom tauenden Permafrost bis zu Schallwaffen. Und nein, die Bilder und Klänge von Krisen überfordern weder, noch deprimieren sie. Denn hier teilen Künstler:innen ihr Wissen darüber, wie sich Konflikten mit offenen Augen begegnen lässt.

Vor elf Jahren leitete Okwui Enwezor eine Venedig-Biennale. Wie Koyo Kouoh zählte der Kurator, der 2019 starb, zu den internationalen Impulsgebenden, die Kunstbetrieb und -geschichte dekolonisieren. Enwezor baute 2015 einen Parcours auf, der einer analytischen Folge von Fragen zu Rassismus, Armut, Revolutionen und Gewalt glich. Ob man dafür noch einmal Karl Marx zitieren musste, wie er es tat, sei hier offengelassen, aber „All the World’s Future“ war der dialektische Versuch einer Diagnose. Koyo Kouohs Schau „In Minor Keys“ ist der Vorschlag für eine Therapie. Angeschlagen auf der 61. Biennale von Venedig hat diese noch nicht.   

61. Biennale von Venedig: Giardini und Arsenale Venedig, saisonal wechselnde Öffnungszeiten: www.labiennale.org, 30/20/ 16 €, bis 22.11.

„Canicula“ der Fondazione In Between Art Film: Complesso dell’ Ospedaletto, Barbaria de le Tole, 6691 Venedig, Mi–Mo 10–18 Uhr, Eintritt frei, Website, bis 22.11.


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