Die neue Cassirer-Ausstellung bringt atemberaubende Werke in die Alte Nationalgalerie

Nur 27 Jahre alt war Paul Cassirer, als er und sein 25-jähriger Cousin Bruno 1898 ihren Kunstsalon eröffneten – und dieser war eine Kampfansage an den verstaubten akademischen Kunstbetrieb. Gleich in ihrer ersten Ausstellung zeigten sie Werke von Max Liebermann, Edgar Degas und Constantin Meunier – die Avantgarde also, über deren Wert sich die damalige Kunstkritik heftig stritt. Doch die beiden jungen Männer wussten, was sie wollten. Das Interieur der Galerie im noblen Tiergartenviertel hatte kein Geringerer als Henry van de Velde entworfen, Stararchitekt und -designer des Jugendstils.
Schon im Januar 1901 trennten sich die beiden, Bruno übernahm den Verlag Cassirer, Paul den Kunsthandel. Und strategisch verfolgte er sein Ziel, die moderne, vor allem französische Kunst in Deutschland durchzusetzen. „Cassirer und der Durchbruch des Impressionismus“ heißt dann auch die neue Ausstellung in der Alten Nationalgalerie, und sie versammelt wirklich eine unglaubliche Zahl an großartigen Gemälden, darunter viele Werke aus den Beständen der Staatlichen Museen Berlin, aber auch viele tolle Leihgaben wie Édouard Manets „Familie Monet“ aus dem Metropolitan Museum of Art“ und „Le Déjeuner“, ebenfalls von Manet, aus der Neuen Pinakothek München und für diese 1910 im Kunstsalon Cassirer von Hugo von Tschudi erworben. Ein Wahnsinns-Degas ist aus London nach Berlin gereist, dazu Arbeiten von Monet, Renoir, Beckmann, Münter, Barlach, Slevogt, Wolfthorn, Hitz. Und zwei Gemälde von Vincent van Gogh, darunter ein Selbstporträt aus dem Jahr 1887.
„Cassirer und der Durchbruch des Impressionismus“ erzählt auch von der Geschichte des Kunsthandels
Die Werke: atemberaubend. Was allein schon Grund genug wäre, einen Nachmittag in der Alten Nationalgalerie zu verbringen. Doch diese Ausstellung hat viele Ebenen. Es geht hier durchaus auch um die Geschichte des Kunsthandels, den Cassirer revolutioniert hat. Ihm ist es mit 130 Ausstellungen in nur zehn Jahren gelungen, der Moderne zum Durchbruch zu verhelfen. Dabeie wollte er dem Publikum das vergleichende Sehen beibringen. Seine Methode, unterschiedliche Positionen parallel in einer Schau zu hängen, hat funktioniert.
Bilder aus der Ausstellung „Cassirer und der Durchbruch des Impressionismus“
Doch damit nicht genug, es geht in „Cassirer und der Durchbruch des Impressionismus“ auch um die Geschichte der Berliner Museen – die Schau feiert auch den 150. Geburtstag der Alten Nationalgalerie, deren Sammlungen Cassirer mit prägte. Denn unter anderem Hugo von Tschudi, 1896 bis 1908 Direktor der Nationalgalerie Berlin, kaufte bei ihm Kunst, aus der schon erwähnten Eröffnungspräsentation des Kunstsalons beispielsweise Liebermanns „Schusterwerkstatt“, die nun in der Ausstellung hängt, für 25.000 Mark. Ums Geld geht’s also in der Schau auch. Und um Macht. Als im April 1899 die Berliner Secession gegründet wurde, übernahm Cassirer deren organisatorische Leitung, eine Doppelfunktion, die ihm als Kunsthändler nutzte und ihm viel Kritik einbrachte. Dieser Streit führte 1913/14 dann zur Spaltung der Secession.
Ein spektakuläres Leben. Und auch ein spektakulärer Tod. Während eines Termins in einer Berliner Anwaltskanzlei, bei dem Cassirer im Januar 1926 die Papiere für die Scheidung der Ehe mit der Schauspielerin Tilla Durieux unterschreiben sollte, verließ er den Raum und schoss sich in den Bauch. Zwei Tage später starb Paul Cassirer an den Folgen des Suizidversuchs in Berlin.







