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Spielender ohne Grenzen

Christoph Schlingensief ­ist eine große Schau im ­Gropius Bau gewidmet. Sie zeigt den Filmemacher, Volks­bühnen-Mann und ­Künstler als permanenten Quereinsteiger
Text: Max Glauner
Veröffentlicht am: 23.09.2026
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Im Berliner Prater 1996: Christoph Schlingensief inszeniert das Spektakel „Tötet Helmut Kohl“ 
Im Berliner Prater 1996: Christoph Schlingensief inszeniert das Spektakel „Tötet Helmut Kohl“  © imago stock&people
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Eigentlich lag diese Frage immer in der Luft, wenn die Rede auf Christoph Schlingensief kam: Ist das Kunst, was er macht? Wenn jetzt die großangelegte Ausstellung „Es ist nicht mehr mein Problem, macht eure Scheiße alleine“ der Berliner Festspiele aus dem Wiener Museum für angewandte Kunst in den Berliner Gropius Bau zieht, lautet die Antwort angesichts dieses institutionellen Rahmens selbstredend: ja.

Aber hatte sich die Frage nicht schon längst beantwortet? 2011, kurz nach Schlingensiefs öffentlich verhandeltem Krebstod, erhielt der Deutsche Pavillon, an dem Schlingensief bis zuletzt arbeitete, für den besten Länderbeitrag der 54. Venedig Biennale den Goldenen Löwen. Damit war der Urheber posthum dort angekommen, wo sich bis heute jede Künstler:innenseele hinträumt, wenn die Karriere gekrönt sein will.

Der 1960 in Oberhausen geborene Sohn einer Kinderkrankenschwester und eines Apothekers war schon früh in die schützende Blase künstlerischen Schaffens getreten. Wie Rainer Werner Fassbinder, mit dessen Schauspieler:innen er später zusammenarbeiten würde, war ihm die Tatsache, bei der Bayerischen Filmakademie abgelehnt worden zu sein, eher Ritterschlag als narzisstische Kränkung und zudem Ansporn, trashige Low-Budget-Filme mit Eigensinn zu produzieren.

1993 kam die Anfrage von Castorf

Seine Deutschlandtrilogie besaß absoluten Kultstatus. In den frühen 1990er-Jahren hatte ein Schlingensief-Fan mindestens dreimal „100 Jahre Adolf Hitler – Die letzte Stunde im Führerbunker“ (1989) gesehen, nicht seltener „Das deutsche Kettensägenmassaker“ (1990) und „Terror 2000 – Intensivstation Deutschland“ (1992). Künstlerisch-politisch war damit eigentlich alles gesagt. Auch wenn Schlingensief weiter Filme drehte, als Trash-TV-Moderator auftrat und kaum ein Scheinwerferlicht ausließ, folgte er häufig dem Impuls „been there, done that“.

Spannend, und auch das eine Kunst, nie etwas von der Pike auf gelernt zu haben, sondern überall als dilettantischer Quereinsteiger zu reüssieren. So kam ihm die Anfrage von Frank Castorf an der Volksbühne 1993 gerade recht, mit zu beantworten, was Theater heute noch kann und soll.

Das „postdramatische Theater“, das ohne gescripteten Text echte Schauspieler, Menschen mit Behinderung ebenso wie Neo-Nazis auf die Bühne brachte, konnte in Schlingensief einen neuen Helden feiern. „100 Jahre CDU – Spiel ohne Grenzen“ (1993), „Kühnen ’94 – Bring mir den Kopf von Adolf Hitler“ (1994), „Rocky Dutschke ’68“ (1996) begründeten den Ruf der Volksbühne als das avantgardistische Polit-Theater Deutschlands, das gegen die kleinbürgerlich-faschistische Grundgemengelage der Helmut-Kohl- und Gerhard-Schröder-Nachwendezeit anspielte.

Schlingsiefs Strategie: Aussagen des politischen Gegners ins Extrem zu treiben

Wer fragt, was Schlingensief heute zur Debatte beitragen würde oder warum so eine Stimme fehlt, wird die Antwort in dessen Werkentwicklung vorgezeichnet finden. Sein „Hamlet“ (2001), wohlweislich in Zürich aufgeführt, hatte unter anderem Ex-Neonazis für das Shakespeare-Stück gecastet, die auf der Bühne von ihrer völkischen Gesinnung erzählten. Rechtspropaganda oder deren Entlarvung? So ganz war das für die Musenwächter des Feuilletons nicht auszumachen und hängt als künstlerische Strategie vom Kontext ab. Diese nennt sich „subversive Affirmation“ und besteht darin, Thesen, Aussagen, Handlungen und Codes des politischen Gegners aufzunehmen, umzudeuten und bis zur Kenntlichkeit ins Extrem zu treiben.

Bei Schlingensief weiß man nie: Fake, Ernst, Propaganda?

Die sechs Tage „Bitte liebt Österreich“ im Sommer 2000 zu den Wiener Festwochen zum Beispiel. Als Reaktion auf die erste Wahl einer rechtsradikalen Partei in eine Regierung Europas durfte das Publikum im „Big-Brother“-Casting-Format Asylbewerber aus einer Containersiedlung für die Abschiebung wählen. Fake, Ernst, Unterhaltung, Propaganda? Auf Anhieb wusste niemand, was Sache ist. Die Kunst maximaler Irritation bei klarer Haltung beherrschte Schlingensief kongenial, und sie begegnet uns in jeder seiner drei Werkphasen: Film, Theater, Bildende Kunst.

Im Prater 1998: Schlingensief spielt zur Eröffnung seines „Hotels Prora“ Gitarre. Gäste seiner Partei „Chance 2000“ konnten in Zelten übernachten
Im Prater 1998: Schlingensief spielt zur Eröffnung seines „Hotels Prora“ Gitarre. Gäste seiner Partei „Chance 2000“ konnten in Zelten übernachten Foto: picture-alliance / ZB

Kuratiert wird die Schau unter Anderem von Schlingsiefs Witwe

Die Schau im Gropius Bau, kuratiert von Raphael Gygax und Aino Laberenz, der Witwe von Christoph Schlingensief, mit drei kapitalen Arbeiten kümmert sich vor allem um die letzte Phase. Im Lichthof soll die gewaltige, ursprünglich begehbare Volksbühnen-Installation „Kaprow City“ stehen, die aus dem Migros-Museum Zürich kommt.

In einem zentralen Saal dann findet sich das Holz-Kirchlein „Church of Fear“, das bei der Venedig-Biennale 2003 zum rituellen Mitmachen einlud: Besuchende können eintreten und ein ganz persönliches Bekenntnis ablegen. In einem der folgenden Säle findet sich die monumentale 18-Video-Kanalprojektion zu „The African Twin Towers“, (2005/2007), mit Produktionsvorläufen zu gleichnamigem Film, in dem Schlingensief sich selbst als Regisseur in Lüderitz, Namibia, spielt. Auch weitere Werkplattformen mit Videoarbeiten sind zu bestaunen, die etwas darüber hinwegtrösten, dass wir Schlingensief als politischen Menschen kaum kennen lernen.

Dennoch, nichts wie hin! Am Ende zählt bei Schlingensief immer schräger Humor und gute Unterhaltung.

Gropius Bau  Niederkirchnerstr. 7, Kreuzberg, Mo, Mi–Fr 12–19 Uhr, Sa+So 10–19 Uhr, Hausticket: 15/10 €, bis 18 J. frei, Fr 9.10.26–So 17.1.27, Eröffnung: Do 8.10., 18 Uhr, mehr Infos hier


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