Venedig Biennale: Drei Berlinerinnen bespielen den Deutschen Pavillon

Zuerst fallen im Deutschen Pavillon der Venedig Biennale 2026 die Weite und die Ruhe auf. Das ist anders als in früheren Ausstellungen der beiden Künstlerinnen. Weder Sung Tieu noch Henrike Naumann, beziehungsweise das Team, das nach Naumanns plötzlichem Tod im Februar nun für die Künstlerin das Konzept umgesetzt hat, haben Möbel mitten in Räume geschoben oder gehängt. Es laufen auch keine Videos, keine Klänge. Stille herrscht, und eine minimalistisch-penible Ordnung. Kräftig eingegriffen in den 1938 in nationalsozialistisch-herrischem Stil erbauten Pavillon haben die beiden Berliner Künstlerinnen dennoch, und zwar so kräftig, dass es erst auf den zweiten Blick auffällt.
Kunststoff-Latschen im Bild
Der zentrale Raum der „Ruin“ genannten Doppelausstellung, die Kathleen Reinhardt, Direktorin des Berliner Georg-Kolbe-Museums kuratiert hat, gehört Henrike Naumann. Möbel gibt es zwar, jedoch nicht in einer begehbaren Installation, sondern hoch oben an den Längswänden. Dort bilden Stuhlhälften einen Fries. Die halbierten Stühle sollen deutsche Geschichte des 20. Jahrhunderts verkörpern: Nachkriegszeit, geteiltes Deutschland, vereintes Deutschland zum Beispiel.
Hingucker aber sind unten zwei riesige Bilder. Das auf der rechten Wand ist eine Adaption eines sozialistisch-realistischen Wandbildes mit arbeitenden Menschen, die offenbar den Sozialismus aufbauen. Naumanns Großvater schuf es für ein Gebäude in Karl-Marx-Stadt. Im heutigen Chemnitz ist es hinter einer Gipskartonwand verschwunden. Naumann hat das Bild als Assemblage nachgebaut: aus Altkleidern einer Performance, Holzfurnier und gebrauchten Kunststoff-Latschen. In der Wand gegenüber steckt ein großes Relief in Grautönen: gefertigt unter anderem aus Pressspanregal, Metallhocker und einer Stehlampe mit Leuchten in Form von Calla-Blüten, Scheußlichkeiten aus dem Einrichtungshaus, mit denen die Marktwirtschaft Abarten der Postmoderne in das postsozialistische Ostdeutschland brachte. All die Gegenstände wirken wie in die Wand hineingepresst. Henrike Naumann, die studierte Bühnenbildnerin und Szenografin, hat sich von der dreidimensionalen Rauminstallation in Richtung Zweidimensionalität bewegt, hat, wie Kuratorin Reinhardt sagt, etwas Neues ausprobieren wollen.
Naumanns Raum im Deutschen Pavillon ist eine begehbare Enzyklopädie des Kitschs
An der Frontwand schließlich hängen bis zur Decke Dutzende von Kleinodien: ein Metallbild von Ernst Thälmann, aufgebracht auf Leder; ein Holzfässchen, mit Metallbügel und Initialen einer Modefirma aufgehübscht zum Handtäschchen; eine Gasmaske mit Flachmann. „Hieroglyphen“ hat Naumann diese bizarren Objekte genannt, und wahrscheinlich werden sie sich eines Tages nicht mehr dechiffrieren lassen. Doch noch lässt sich aus ihnen lesen: Bauernstube meets Arbeiterdatsche meets Trash-Westen. Naumanns Raum ist eine begehbare Enzyklopädie des Kitschs, in dem sich Ideologien und Epochen überlagern. Vor lauter entzückend-schrecklichen Details lässt sich das Offensichtliche leicht übersehen: Der zentrale Raum des Pavillons, mit dem sich NS-Deutschland in Venedig präsentierte, ist grün geworden. Und zwar matt lindgrün, sowjetgrün. In diesem Farbton sollen in der DDR Baracken der Roten Armee gestrichen worden sein. Giftig sieht das aus und färbt jedes Gesicht wie kränklich.
Der Raum ist gelungen, stimmig, und laut wurde es dann doch einmal: an den Eröffnungstagen Anfang Mai, als Henrike Naumann es posthum mit der Performance „Trümmerfrau“ krachen ließ. Zum Soundtrack von Bastian Hagedorn, einer Folge aus EBM und Arbeiterkampflied, stiegen zwei Mitglieder des italienischen Vertikaltanz-Ensembles Il Posto durchs Oberlicht und ließen sich an der Wand und durch die Luft tanzend an Seilen herab. Das eine Mitglied mit Kopftuch und roter Schürze gekleidet wie eine Sowjetbäuerin oder eben eine Trümmerfrau, das andere mit Blouson, Tarnhose, Barett und Stiefeln wie ein Milizionär oder Neonazi, strampelten beide an ihren Seilen – mit Pflaster beklebt wie versehrte Marionetten. Großartig. Dennoch könnte diese innerdeutsche Auseinandersetzung befremdlich wirken auf einer Biennale, die weiß der Himmel andere Themen hat als deutsch-deutsche Geschichte.
Deutscher Pavillon der Venedig Biennale 2026 in Bildern
Biennale der Kriege und Konflikte
Russland nimmt wieder teil, Pussy Riot protestiert vor dem Pavillon. Seitdem stehen italienische Polizisten davor und gucken gefährlich. Im polnischen Pavillon traten Kulturpolitikerinnen aus Polen und der Ukraine und Polen und verwahrten sich gegen die Teilnahme des Aggressors. Maryia Kalesnikava, die belarussische Oppositionspolitikerin, besuchte die Biennale. Der traditionelle israelische Pavillon ist angeblich wegen Renovierung geschlossen, ein Ausweichquartier soll sich ganz am Ende des Ausstellungsgeländes finden lassen, ist aber auf vielen Lageplänen nicht verzeichnet. Ein Künstler:innenstreik wegen der Teilnahme Israels ist angekündigt, die Jury wegen Russland und Israel zurückgetreten, und Koyo Kouoh, die künstlerische Leiterin der Biennale, im vergangenen Jahr gestorben.
Angesichts der auf dem Biennale-Gelände gespiegelten Konflikte interessiert die binnendeutsche Auseinandersetzung mit Geschichte nur peripher. Aber es gibt die Beiträge von Sung Tieu. Wie eine Membran legen sich die Räume mit den Arbeiten der 1987 in Vietnam geborenen Künstlerin um Naumanns Halle, schützend und zugleich durchlässig für eine Osmose mit dem Weltgeschehen.
Sung Tieu bleibt ihren Themen treu: Lebens- und Arbeitsbedingungen vietnamesischer Vertragsbeschäftigter in der DDR und den Folgen für das Hier und Jetzt. Die Künstlerin tut das hier mal in zwei mehrere Meter langen, liegenden, vierkantigen Metallstangen, deren halbrunde Aussparungen die Maße von Tieus Hals und Handgelenken haben sollen, also als Pranger dienen könnten, mal ganz figürlich mit je einem Paar gläsernen Füßen und gläsernen Händen, die an den Wänden hängen und aussehen wie nicht ganz gesund. Tatsächlich handelt es sich bei den Plastiken, sagt Tieu, um Abformungen der Gliedmaßen ihrer Mutter, die durch Arbeit in deutschen Wäschereien krank geworden sei, mit Rheuma, Arthritis und mehr. Die Gewalt – ob direkt oder indirekt ausgeübt – bleibt im und am Körper. Beim Pressetermin und zur Eröffnung trug Tieu einen spektakulären Anzug: schwarz auf weiß bedruckt mit internationalen Zeitungsartikeln von Anfang der 90er Jahre über rassistische Gewalt in Deutschland.
Plattenbau schlägt Germania-Tempel
Und dann hat auch Sung Tieu eine Arbeit geschaffen, die so stark ins Auge springt, dass sie sich fast übersehen lässt. Drei Außenwände des Pavillons hat sie komplett mit Mosaiksteinen überziehen lassen. Von den benachbarten Pavillons lässt sich klar erkennen: Der faschistische Tempelbau ist unter der Fassade eines sozialistischen Plattenbaus verschwunden. Konkret handelt es sich um die Wände eines Wohnkomplexes in der Gehrenseestraße von Berlin-Hohenschönhausen. In ihnen dort zugewiesenen Wohnungen lebten viele Vertragsarbeiter:innen. Auch Sung Tieu, die 1992 aus Vietnam nach Deutschland kam, wohnte noch mit ihrer Familie hier. In den Biennale-Gärten aber macht die sandbraun-graue Fassade inklusive reproduzierter Graffiti noch einen ganz anderen Punkt. Zwischen all die Pavillons ehemaliger Großreiche und westlicher Nachkriegsdemokratien mogelt sich einer dieser Wohnriegel, wie sie zwischen Ost-Berlin und Jakutsk gebaut wurden. Ein wunderschöner Schandfleck. Er weist darauf hin, dass die Folgen dessen, was zwischen Ost-Berlin und Jakutsk geschah, auf dieser Venedig-Biennale allzu kurz kommt.
Biennale von Venedig bis 22.11., Website, Performances wieder im September, in der letzten Ausstellungswoche Bildungsprogramm, hier geht’s zur Website des Deutschen Pavillons
Ein Tiefpunkt: Die guten Beiträge auf der 61. Biennale von Venedig lassen sich an einer Hand abzählen. Was sich nicht in Venedig, sondern in Berlin tut, erfahrt ihr im Kunst-Überblick mit aktuellen Ausstellungen. Bauklötze staunen: Lina Lapelytė und 400.000 Holzklötze im Hamburger Bahnhof. Der Andrang ist groß: Über Marina Abramovićs Ausstellung im Gropius Bau lest ihr hier mehr. Im Überblick: Kunstjahr 2026 in Berlin – die wichtigsten Ausstellungen des Jahres. Immer gut über das Leben in Berlin informiert: tipBerlin Newsletter – hier anmelden. Noch nichts vor? Was heute los ist, lest ihr bei den Tageshighlights mit den besten Veranstaltungen in Berlin. Was läuft wann? Hier ist das aktuelle Kinoprogramm für Berlin.










