Ein Koffer voller Schätze

Die Frau trägt ein kurzärmliges Kleid und einen Fascinator auf der akkurat gelegten Wasserwelle. Den Handspiegel vorm Gesicht, schminkt sie sich gerade noch die Lippen. Diese Momentaufnahme gelang Fide Struck (1901-1985) vor etwa 90 Jahren in einer Straßenbahn der Linie 176, die damals den Grunewald mit Lichtenberg verband.
In der Ausstellung „Ein Berliner Koffer“ zeigt der Freundeskreis Willy-Brandt-Haus (FkWBH) 124 Fotografien, die Struck in den 1930er-Jahren in Berlin schoss. Die Bombenangriffe werden es gewesen sein, die den Buchhalter und autodidaktischen Fotografen 1941 bewogen, seine Bilder in einem Holzkoffer zu verstauen: 3000 Negative, die Hälfte davon Glasnegative, die andere Hälfte auf Rollfilmen. Im selben Jahr zog er für eine neue Arbeitsstelle von Berlin nach Hamburg. „Der Koffer überstand den Krieg und eine Odyssee durch die Nachkriegszeit“, berichtet Mirja Linnekugel, künstlerische Leiterin beim FkWBH. Anfang der 2000er-Jahre habe ihn ein Verwandter zu Strucks jüngstem Sohn Thomas gebracht. Der verbannte das hölzerne Ungetüm in den Keller. Erst 2015 wuchtete er es die Stufen hoch in seine Berliner Wohnung – und entdeckte den fotografischen Schatz. Seitdem erforscht Thomas Struck den Nachlass seines Vaters. Gemeinsam mit Mirja Linnekugel wählte er die Fotos aus, die im Willy-Brandt-Haus zu sehen sind.
Mit seiner „Plaubel Macina“ fing Fide Struck den Alltag in Berlin ein. Eine Straßenszene am Nollendorffplatz. Oder drei Männer und eine Frau, die an Deutschlands erster Verkehrsampel auf dem Potsdamer Platz auf „Grün“ warten, im Hintergrund der Vergnügungstempel „Haus Vaterland“. „Struck interessierte sich für Menschen“, sagt Mirja Linnekugel, „und für die Arbeitswelt“. Davon zeugt eine Bilderserie, die in der früheren Schultheiss-Brauerei an der Landsberger Allee entstand. Struck dokumentierte nicht nur die Arbeitsschritte beim Bierbrauen, sondern lichtete auch Veterinäre in den Ställen der Brauereipferde ab. Mirja Linnekugel ist beeindruckt von Strucks Fähigkeit, besondere Momente festzuhalten. „Er hatte einen Blick dafür, wann er auf den Auslöser drücken musste“, sagt die Kuratorin. „Bei der Glasplattenfotografie hatte er nur eine einzige Chance, eine Sequenz einzufangen.“
Viele Aufnahmen lassen sich nicht zuordnen
Auffällig sei, dass Struck keine Aufmärsche, keine Hakenkreuze, nicht den Pomp der NS-Diktatur fotografiert habe, so Linnekugel. „Das ist ja auch ein Kommentar.“ Stattdessen fotografierte er Szenen, die andere übersahen – einen Mann mit Kopf- und Augenverband auf einer Parkbank, eine blinde, an einer Hauswand lehnende Frau. „Er schaute an den Rand der Gesellschaft.“ Manche Aufnahmen lassen sich bis dato nicht ganz entschlüsseln. Wie das Foto der Menschenschlange vorm Reichstagsgebäude. Erst nach dem Vergrößern war der Text auf dem abgebildeten Schild zu entziffern: „Betreten auf eigene Gefahr“. Möglicherweise sei die Aufnahme nach dem Reichstagsbrand entstanden. „Es gibt bislang keine Dokumentation, dass es solche Besichtigungen des Brandherdes gab“, erklärt Linnekugel. „Vielleicht möchte das ja ein Historiker recherchieren.“
Ein Berliner Koffer
Immer wieder fotografierte Struck Menschen in der Tramlinie 176, die vor Wohnung in der Lützowstraße verkehrte. Einige Aufnahmen lassen sich klar lokalisieren, darunter das Bild eines jungen Mannes – schlafend, während die Bahn an einer Häuserzeile vorbeifährt. An einer Fassade ist der Name Adam zu lesen. „Das Sportmodengeschäft ,Fritz Adam‘ befand sich am Leipziger Platz. Ende 1933 emigrierte die jüdische Familie nach England“, weiß Mirja Linnekugel.
Von der sich schminkenden jungen Frau, die Struck in der Linie 176 fotografierte, gibt es ein zweites Bild. Es zeigt sie händchenhaltend mit einem Mann. Obwohl Struck seine Kamera nur auf die Hände richtete und der Bildausschnitt unterhalb des Kopfes endet, ist es eindeutig dieselbe Frau. „Am Kleid ist sie erkennbar“, sagt Mirja Linnekugel. „Es lohnt, sich beim Betrachten die Zeit zu nehmen für Details.“


