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Exil heißt, nicht landen zu können

Widerstandsgeist und Durchhaltevermögen: Davon erzählt die wandernde Kyiv Biennial. Mit Kunst, Text und Musik spannt sie einen Bogen von Sibirien bis Berlin.
Text: Johannes Wendland
Veröffentlicht am: 04.06.2026
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Nach Berlin emigriert: Gulnur Mukazhano – va, hier ein Detail aus ihrer Recherche für „Material as Memory“, 2026. © Gulnur Mukazhanova, Detail aus der Recherche für Material as Memory, 2026. Courtesy die Künstlerin © die Künstlerin

Die Kyiv Biennial macht erneut Station in Berlin. Bereits vor zwei Jahren gastierte das nomadische Projekt in der Neuen Gesellschaft für bildende Künste (NGBK) und im Projektraum Between Bridges des Künstlers Wolfgang Tillmans. Diesmal sind ab 10. Juni die Kunst-Werke (KW Institute for Contemporary Art) zentraler Veranstaltungsort – von der großen Halle bis unter das Dach.

Dass das Kunsthaus in der Auguststraße einen Sommer lang Biennale-Standort wird, ist eingeübt. Genau ein Jahr später wird hier die nächste Berlin Biennale starten. Ein biografischer Kreuzungspunkt für Vasyl Cherepanyn, den Gründer und Motor der Kyiv Biennial: Cherepanyn wird diese Berlin Biennale leiten. Vor zwei Jahren kuratierte er die Berliner Ausgabe der Kyiv Biennial. Bei dieser arbeitet er nun nicht als künstlerischer Leiter, sondern als Kurator für das umfangreiche Wortprogramm, das wie das Musikprogramm Bestandteil der Kyiv Biennial sein wird.

Verantwortlich für die Kunst ist diesmal Sofie Krogh Christensen, seit 2023 assoziierte Kuratorin an den Kunst-Werken. Christensen hat die Aufgabe, der Wanderausstellung ein an Berlin angepasstes Gesicht zu geben. Diese sechste Biennale ihrer Art hat bereits mehrere Stationen absolviert. Nach dem Start im Oktober 2025 im Warschauer Museum für moderne Kunst und im M HKA, dem Museum für zeitgenössische Kunst in Antwerpen, folgten zwei kleinere Etappen in zwei ukrainischen Kunstinstitutionen von Dnipro und Kiew sowie eine in Linz. Neben Übernahmen aus den früheren Stationen zeigt Christensen auch zahlreiche Neuproduktionen.

Die Erfahrung der Maidan-Revolution prägt die Kyiv Biennial seit ihrer Gründung

„A Bird That Cannot Land“, so heißt das Berliner Kapitel der Kyiv Biennial. „Das Projekt thematisiert das Leben im Exil und den Verlust von Sprache“, erklärt die Kuratorin. „Nicht landen oder ankommen zu können bedeutet, keine Wurzeln schlagen zu können. Man bleibt in einem Verhandlungsmodus mit der neuen Umgebung: Was denken die Menschen über einen und was denkt man selbst über sie? Wie verändert sich die eigene Sprache? Das Projekt thematisiert, wie heutige Konflikte, Technologien und Kriege unser globales Denken, Begegnen und Verständnis verschieben.“

Berlin drängt sich als Stadt der Diaspora und des Exils dafür geradezu auf, auch wenn zahlreichen Berliner:innen dieser Status wenig bewusst zu sein scheint. Es liegt nahe, dass sich das Thema auf geflüchtete Menschen aus der Ukraine bezieht, von denen viele in der Stadt leben. Doch die Biennale schlägt einen viel weiteren Bogen – von Ost- und Mittelosteuropa über den Nahen Osten nach Zentralasien und Sibirien.

Besucher:innen werden erfahren können, wie vielfältig Exilerfahrungen sind. Manchmal machen Menschen diese Erfahrungen sogar in ihrem eigenen Land. Einen von zahlreichen Themenschwerpunkten der Biennale bilden die sozialen Folgen von Rohstoffgewinnung und Extraktivismus. So untersucht der ukrainische Dokumentarfilmer Oleksiy Radynski (Fotos oben) die Ausbeutung der Naturschätze in Sibirien, die häufig mit der Vertreibung der dortigen indigenen Bevölkerung verbunden war und ist. Die Berliner Videokünstlerin Hito Steyerl (Foto ganz rechts) schließt mit ihrem Videoessay praktisch direkt an. Sie bezieht die deutsche Politik und Wirtschaft unmittelbar ein: „The Leak“ (2024) setzt sich mit der unseligen Nord-Stream-Pipeline auseinander, die neben politischen auch massive ökologische und soziale Schäden verursacht hat. Ein Thema, mit dem sich der Kulturwissenschaftler Philipp Goll ebenfalls befasst. Er hat für das Diskursprogramm einen Flyer über die deutsch-russischen Gasverträge verfasst.

Einen nur auf den ersten Blick rein ­ästhetischen Zugang bieten die Arbeiten von Samia Halaby (Fotos unten), in den 1980er-Jahren eine Pionierin der Computerkunst in New York. Immer auf der Spur der neuesten Technik, kaufte sie sich 1986 einen Amiga-1000-Computer und begann, ihn als Instrument für digitale Malerei zu nutzen. So entstanden ihre bis heute großartigen ­„Kinetic Paintings“. Vor lauter Begeisterung für diese Kunst, die in den vergangenen Jahren wiederentdeckt wurde, mag man fast vergessen, dass Samia Halaby – heute 90 Jahre alt – 1948 ihre Heimat Palästina verlassen musste und mit ihrer Familie in die USA emigrierte. Die Suche nach neuen künstlerischen Ausdrucksformen kann so auch als Suche nach einer Identität in neuer Umgebung verstanden werden.

Die Berliner Station der Kyiv Biennial wirft Fragen wie diese mit den Formen der Kunst, aber auch akustisch auf. Die Liste der beteiligten Musiker:innen und Performer:innen ist genauso lang wie die der Künstler:innen: Sie reicht von anatolischen und bulgarischen Chören bis zu Sänger:innen ukrainischer Vokalmusik. Und im Diskursprogramm sind Namen wie der des Politologen Ivan Krastev und der Journalistin Ulrike Herrmann zu finden.

„Wir möchten ein Netz der Solidarität aufspannen – zwischen den beteiligten Künstler:innen, zwischen Berliner diasporischen Communities aus den verschiedensten Regionen der Welt, aber auch zwischen Kunstinstitutionen, mit denen die Kyiv Biennial zusammenarbeitet“, sagt Sofie Krogh Christensen. Dies war – neben Sicherheitsaspekten – immer schon einer der Gründe, warum sich die Kyiv Biennial nicht auf die ukrainische Hauptstadt beschränkte, sondern über mehrere Stationen quer durch Europa wanderte. Und solch eine Vernetzung würde sehr wichtig, wenn sich durch politische Umstände die Meinungskorridore verengen könnten. Dann käme der Kunst eine ganz besondere Funktion zu, meinen die Biennale-Veranstalter: „Wenn verschiedene staatliche und gesellschaftliche Bereiche durch Austeritätsmaßnahmen, Rechtspopulismus oder Zensur unter Druck geraten, ist es oft die Kunst, in der man sich noch frei ausdrücken kann“, sagt Vasyl Cherepanyn.

Zu den Personen

Foto: Víctor Fernández Hernández

Sofie Krogh Christensen, 1988 geboren, kommt aus Kopenhagen. Seit September 2023 ist sie Assoziierte Kuratorin am KW Institute for Contemporary Art (Kunst-Werke) und ­kuratierte dort unter anderem Kameelah ­Janan Rasheeds Ausstellung zum Schering-Stiftung-Preis für künstlerische Forschung 2022. Sie verantwortet die Ausstellung der ­Kyiv Biennial in Berlin.

Vasyl Cherepanyn, 1980 geboren, ist promovierter Philosoph, Kurator und Mitbegründer des ­Visual Culture Research Center in Kyiv. Er hatte Lehraufträge an verschiedenen europäischen Universitäten. Cherepanyn lebt derzeit in Berlin, wo er die 14. Berlin Biennale 2027 kuratieren wird. Er verantwortet das Wortprogramm der Kyiv Biennial.

Diese Erfahrung prägt die Kyiv Biennial seit ihrer Gründung 2015. Frisch waren damals die Erfahrungen von der Maidan-Revolution, als es der Massenbewegung in der Ukraine gelungen war, den russlandfreundlichen Präsidenten Janukowytsch aus dem Amt zu jagen. Cherepanyn, der damals das Visual Culture Research Center in Kyiv betrieb, richtete mit seinem Team die erste Kyiv Biennial an 16 verschiedenen Orten in der Stadt ein. „Wir wollten nicht einfach nur ukrainische Kunst zeigen, sondern internationale Kunst, in die ukrainische Künstler:innen als fester Bestandteil eingeschrieben waren“, erklärt Cherepanyn. „Wir wollten uns mit den neuen emanzipatorischen Erfahrungen auseinandersetzen, den revolutionären Geist festhalten, der bis heute im kulturellen Bereich bewahrt wurde.“

Zugleich bleibt es aktuell, den Übergang aus einer unfreien Vergangenheit in eine freie Gegenwart zu gestalten – in der Ukraine wie in anderen Ländern. Es geht um Bilder und Begriffe, die von alten, ideologischen Bedeutungen gereinigt und neu gefüllt werden müssen. Und es geht um die Aufarbeitung einer gemeinsamen, von Kolonialismus und Imperialismus geprägten Gewaltgeschichte – ein Kernthema des von Cherepanyn geplanten Diskursprogramms.

Ein anderes wird der Zustand der öffentlichen Debatte sein, nicht zuletzt im Kunstbetrieb. „In der heutigen Medienlandschaft ist es wichtig, Rahmenbedingungen zu schaffen, die verschiedene Migrant:innen und Opfergruppen nicht zu einem ‚Wettbewerb des Leidens‘ zwingen, bei dem sie um Aufmerksamkeit buhlen“, sagt Cherepanyn. „Auch hier gilt es, eine Basis für Solidarität zu finden, auf der alle Migranten ihren Platz und ihr Zuhause finden.“

KW Institute for Contemporary Art (Kunst-Werke) Auguststr. 69, Mitte, Mi–Mo 11–19 Uhr, 10/6 €, bis 18 J., ALG II + 1. Do im Monat ab 16 Uhr frei, 11.6.–3.9., Eröffnung: 10.6., 19 Uhr, Infos und Programm online


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