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Lovis Corinth: Malerpranke mit Zeit für Kinder

Wegen seiner virilen Selbstporträts galt Lovis Corinth als Berserker. ­Dabei spiegeln sie vor allem die Nähe von Theater und Kunst. Die ­Berli­nische Galerie stellt den Maler nun auch als Förderer von Künstlerinnen vor
Text: Katrin Bettina Müller
Veröffentlicht am: 29.09.2026
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Ein kräftiger roter Strich genügt: Lovis Corinth, Dame am Goldfischbassin, 1911 © Belvedere Wien, Foto: Johannes Stoll
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Mit ansteckender Begeisterung kann Stefanie Heckmann über Lovis Corinth und seine Malweise sprechen. Heckmann ist Kuratorin der Ausstellung „Lovis Corinth. Dann kam Berlin!“, die ab 9. Oktober in der Berlinischen Galerie läuft. 1901, im ersten Jahr seines Umzugs von München nach Berlin, malte Corinth die Familie Rumpf. „Das ist ein fantastisches Bild, da ist alles schon drin, was er nachher weiter ausführt: Der lockere Pinsel, wie er die Farben gegeneinandersetzt. Das ist kühn komponiert, jede Figur hat ihr eigenes Licht auf dem Gesicht. Trotz dieser Unverbundenheit ist es ein Gruppenbild. Das ist unglaublich modern“.

Im Katalog zur Ausstellung sind einige Details in Vergrößerung reproduziert. Da kann man erkennen, wie in dem Bild „Dame am Goldfischbecken“ von 1911 ein einziger kräftiger roter Pinselstrich einen Goldfisch durch ein Aquarium ziehen lässt. „Diese unglaubliche Lässigkeit und Sicherheit“ mache „seine Malerei so großartig“, sagt Heckmann. Rund 80 Arbeiten von Corinth wird sie zeigen sowie rund 30 Arbeiten von Schüler:innen und ­­Zeitgenoss:innen wie Charlotte Berend-Corinth und Max Slevogt. Corinths Erfolgsgeschichte ist ein wichtiges Kapitel Berliner Kunstgeschichte zum Übergang zwischen akademischen Traditionen und Moderne. Dafür steht Corinths „Katzenellenbogen-Zyklus“. Entworfen als Dekoration für ein Speisezimmer, werden die großen mythologischen Figuren nach Homer und Ariost den Besucher in der Ausstellung empfangen. Hier wurde Historienmalerei mit Witz und Spontaneität ausgeführt.

Salomes Drama

Neben seiner experimentierfreudigen Ästhetik waren es vor allem Corinths Sujets, die seine Kunst zum Stadtgespräch werden ließen. Schon in München hatte er 1900 eine skandalerregende „Salome II“ gemalt, die ihre Perlenketten und nackten Brüste über dem abgeschlagenen Kopf des Jochanaan baumeln lässt. Der Henker steht noch da mit dem Schwert, der tote Prophet wird gerade aus dem Bild getragen. So dramatisch und drastisch hatte man Legenden und Historien noch nicht ins Bild gesetzt gesehen. Die Münchner Secession wollte das Bild nicht ausstellen. Aber Walter Leistikow, ein Freund Corinths, regte diesen an, es in der Berliner Secession zu zeigen. So betrat Corinth die Bühne der Hauptstadt mit einem Paukenschlag.

Ein weiteres Salome-Bild entstand schon in Berlin, nachdem Corinth Gertrud Eysoldt als Salome in der Inszenierung von Max Reinhardt gesehen hatte. Er porträtierte die Schauspielerin in der Rolle der Femme fatale und borgte dafür von Reinhardts Theater sogar den abgeschlagenen Kopf aus der Requisite aus. Reinhardt begann zu der Zeit, mit bildenden Künstlern zu arbeiten, Corinth malte bald für ihn Kostümentwürfe. Das Neue, was gegen die erstarrten und akademischen Formen gärte, verband die Bildenden und die Darstellenden Künste. Dieser Zusammenarbeit wird ein Raum der Ausstellung gelten, die in der Reihe monografischer Ausstellungen des Museums zur Berliner Moderne steht.

Das Theater Reinhardts bot, wie der Theaterhistoriker Peter W. Marx schreibt, „als sozialer Ort einen Gegenentwurf zur autoritären Exklusivität der wilhelminischen Repräsentationskunst“ an. Mit Licht, Farben und Musik erzeugte der Regisseur atmosphärisch dichte Weltentwürfe. Abseits der Deklamation entwickelten die Schauspieler:innen ein emotionsgeladenes und sinnliches Spiel. Diese neue Unmittelbarkeit findet sich in den Bildern Corinths wieder, auch in vielen Porträts und Selbstporträts.

Lovis Corinth wurde von den Nationalsozialisten gebrandmarkt

Einmal im Jahr malte sich Corinth: als Bacchant, als Fahnenträger und als Ritter in Rüstung. Nicht zuletzt wegen dieser Selbstbildnisse sah man ihn als Malerpranke, als ein betont männliches Genie. Zumal seine 20 Jahre jüngere Frau, die Malerin Charlotte Behrend-Corinth, viel weniger gesehen wurde. Doch die Ausstellung thematisiert auch eine andere Seite des Malers. Er unterrichtete viele Künstlerinnen, denen die offiziellen Akademien noch versagt waren, und sprach sich für Gleichberechtigung in der künstlerischen Ausbildung aus. Zeichnungen und Bildern von Schülerinnen und Schülern Corinths ist deshalb in der Berlinischen Galerie ein Kapitel gewidmet. Corinth galt den meisten als ein zuverlässiger, ernsthafter und respektvoller Lehrer. Er unterstützte seine Frau, eine ehemalige Schülerin, bei Ausstellungen, blieb auch bei den Kindern, wenn sie auf das gesellschaftliche Parkett wollte.

Einer der Förderer von Lovis Corinth war Ludwig Justi, Direktor der Alten Nationalgalerie von 1909 bis 1933. Er schätzte Corinths Modernität, auch noch im Spätwerk, aus dem er mehrere Bilder kaufte. Corinth starb 1925. Da hatte schon eine Kritik an seinem Werk mit nationalsozialistischen Untertönen eingesetzt, die seine Malerei als „krank“ bezeichnete und dafür schamlos einen Schlaganfall anführte, den der Maler erlitten hatte. Zudem warf man ihm vor, dass viele seine Sammler Juden waren. In den nationalsozialistischen Kunstsäuberungsaktionen wurden 359 Werke von ihm konfisziert und als „entartet“ gebrandmarkt.

Dabei fühlte sich Lovis Corinth, 1858 geboren, nach dem Ende des Ersten Weltkriegs weiter als Ostpreuße, der mental eher im Kaiserreich zuhause war als in der Weimarer Republik. Es ist ein häufiger Irrtum späterer Rezipient:innen, Künstler, die ästhetisch Ungewöhnliches wagten, auch politisch für revolutionär Denkende zu halten. Lovis ­Corinth passt nicht in dieses Schema.

Berlinische Galerie Alte Jakobstr. 124–128, Kreuzberg, Mi–Mo 10–18 Uhr, 12/7 €, 1. Mi im Monat alle 7 €, bis 18. J + Geflüchtete frei, Fr 9.10.26–Mo 25.1.27, Eröffnung: Do 18.10., 18 Uhr


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