Warum ihr unbedingt in die neue Schau im Hamburger Bahnhof gehen solltet

Sie nennen sich [ materialistin ]. Ein ziemlich sperriger Name, unter dem sich in Leipzig acht Künsterinnen zu einem Kollektiv zusammengeschlossen haben, das aktuell gemeinsam im Hamburger Bahnhof ausstellt. Was auffällt, wenn man ihre Ausstellung „[ materialistin ] Matter of Care, Care of Matter“ betritt, ist, wie unterschiedlich die Skulpturen und raumspezifischen Installationen dieser Bildhauerinnen sind. In der Größe, in der Inszenierung, aber vor allem in der Materialität.
Ein riesige Gebilde aus Kokosfasergewebe und Stahldraht lässt Agnes Lammert von der Decke hängen, es trägt den Titel „Murmuration“, das englische Wort für die fliegenden Starenschwärme, die so frappierend synchron am Abendhimmel bewegte Muster bilden. Lammerts Arbeiten beginnen meist mit dem Studium der Natur, beispielsweise der Höhlen von Hornissen und Nestern von Vögeln. Durchlässig ist ihre Arbeit, als wäre sie noch im Bau und könne jederzeit verändert werden. Was das Innen und das Außen ist, bleibt dabei unklar.

Veränderbarkeit ist auch der Arbeit „Entropy“ von Wibke Rahn eingeschrieben. Diesen urbanen Abenteuerspiel aus Beton und Holz, aus Häusern und Schutt, baut sie immer weiter. Die Unbehaustheit des Menschen ist hier das Thema. Alles bröckelt. Auch ihre Hütten und Häuschen, die als flache Beton-Skuplturen an der Wand hängen, in der Art von Reliefs, sind schon im Stadium des Verfalls. Da ist keine Geborgenheit, keine Sicherheit, Schutz. Das Leben, in dem man sich behaupten muss, ist extrem fragil.
Das Kollektiv [ materialistin ] zeigt: Auch Material kann verletzlich sein
Ebenfalls sehr fragil sind die Werke von Laura Eckert. Sie benutzt die klassischen Bildhauer:innen-Materialien Marmor und Holz. Ihre Skulpturen zeigen Menschen, oder besser, Fragmente von Menschen. Ihre Marmorskulpturen sind Körperteile: Da liegt ein Frauenbein ohne Körper, halb im Stein eingeschlossen, dort ein Torso, auch er im Marmor gefangen. Die bemalten Frauenköpfe aus Holz hingegen sehen aus, als hätte jemand wild auf sie eingehackt. Doch diese Figuren sind stoisch und behaupten trotz der Verletzungen ihren Platz.

In wieder anderer Weise verletzlich wirken die Arbeiten von Elisabeth Howey. Ihre Figuren aus Gips und Holzwolle, schon an sich keine stabilen Materialien, wirken halbfertig, wie schnell zusammen geflickt, und werden von Howey auch weiter bearbeitet. Sie hat ihre künstlerische Karriere im Tanz begonnen. Danach machte Howey eine Ausbildung in Steinbildhauerei und studierte Kunst an der Burg Giebichenstein in Halle. Ihre Figuren haben etwas Ephemeres und Flüchtiges, scheinen in Bewegung zu sein, wie im Tanz, und suchen doch nach der Stabilität der Skulptur. Flexibilität und Sicherheit als zwei Fixpunkte – der Skulpturen wie auch der menschlichen Existenz. Zwei Pole, die auch Howeys spielerisch-suchenden Aquarelle ausmachen.
Minimalismus mit gebrannter Keramik, Maximalismus mit wuscheligen bunten Fellstoffen
Mit zwei völlig unterschiedlichen Materialien arbeitet Enne Haehnle. Einmal sind es Neonröhren, die sie zu Schriftzügen formt. Von ihr stammt die Untertitel-gebende Arbeit „care of matter, matter of care“ aus dem Jahr 2021. Für die aktuelle Ausstellung im Hamburger Bahnhof hat sie eine Installation aus Stahl und wiederverwandbarem Draht gemacht. Wie Wesen aus Haaren wirken die Bündel aus schwarzgeglühtem Draht, auch hier sind wieder viele Leerstellen im Material wie schon bei den Kokosfaser-Objekten von Agnes Lammert, auch hier suggeriert die organische Form, man könne vielleicht in die Skulptur eindringen, den Vorhang aus Haaren beiseite schieben. Nur, dass eben der Rohstoff Stahl ein industrieller und kein organischer ist und widerständig seine Form halten will.
Fehlen noch drei Künstlerinnnen. Lucy König zeigt Installationen aus kleinen Pflanzen und in Marmor gehauene Teller und Becher, die wie auf einem großen Esstisch in den Raum gestellt sind. Ein Dialog auf Augenhöhe zwischen den zarten Blättern und den groß in den Stein gehauenen Instrumenten, die dazu zu dienen scheinen, die Blätter zu verspeisen. Sophie Uchman arbeitet mit Ton, eines der ältesten Materialien der Menschheit, und setzt es ganz minimalistisch ein. Ihre keramischen Objekte sind in den geometrischen Grundformen gehalten, im Hamburger Bahnhof sind es Rechtecke, die allerdings – quasi als trompe l’œil – an andere Materialien und Dinge erinnern. Aufgängt wirken sie wie Papierzettel, in die ein Windstoß fegt. Auf dem Boden wirken sie eher wie Gummimatten, die sich hochwölben, weil sie jemand ungeschickt hingelegt hat. Doch natürlich ist das Material gebrannte Keramik nie formbar, sondern starr. Wollte man die „Zettel“ oder „Matten“ glattdrücken, würde man die Objekte zerstören.

Last but not least – denn alle acht Postitionen stehen gleichberechtigt nebeneinander und werden deshalb hier auch alle behandelt – sind da noch die haarigen Wesen von Theresa Rothe. Im Gegensatz zu Haehnles Drahtskulpturen, die auf Industriekultur verweisen, sind die Figuren von Rothe eher der Pop-Welt entsprungen: Sie sind quietschbunt, flauschig und auf groteske Weise niedlich, auch wenn sie Menschengröße weit überschreiten. Unter anderem Fellstoff, Volierendraht, Pappmaché, Silikon und Glasaugen zählen zu den Materialien, aus denen Haehnle ihre Skulpturen baut. „Trouble Maker“ heißt eine, eine andere „Me as a worm“. Figuren, aus denen sich ein erfolgreicher Disney-Animationsfilm machen ließe? Nein, denn bei den Figuren von Theresa Rothe handelt es sich nicht um selbstbewusste oder vorwitzige Wesen. Sie scheinen menschliche Zustände zu verkörpern, von denen viele schambesetzt sind. Ihre viel zu kleinen Füße sind verdreht und irgendwie gleichzeitig Euter, ihre Körperhaltungen wirken ungelenk, und dabei sie sind so groß, dass sie sich nicht verstecken können. Da ist viel Überforderung, Gefallenwollen, Schutzlosigkeit, unfreiwillige Komik. Und gleichzeitig sind sie unendlich liebenswert.
„Strukturelle Kollektivität“ nennt Kurator Sam Bardaouil die Arbeitssweise des Kollektivs [ materialistin ]
Die Ausstellung mit Arbeiten dieser acht Materialistinnen ist auf der visuellen Ebene also ausgesprochen anregend. Ebenso anregend sind jedoch auch die theoretischen Überlegungen, zu denen das Kollektiv [ materialistin ] dem Direktor des Hamburger Bahnhofs Sam Bardaouil, der gleichzeitig auch Kurator dieser Ausstellung ist, den Anstoß gegeben hat. Seinen Einführungstext im Katalog zu lesen, ist tatsächlich ein großer Gewinn. Er legt darin überzeugend dar, warum dieses feministische Kollektiv nicht primär eine ideologische oder narrative Allianz ist, sondern auf gemeinsamer Arbeit beruht.

„Die physischen Anforderungen der Bildhauerei gehen über das Leistungsvermögen der einzelnen Körper hinaus. Materialien müssen angehoben werden, abgestützt und in stabiler Lage gesichert werden. Im Alleingang sind diese Aufgaben nicht zu bewältigen; so werden Abhängigkeiten erzeugt. Das kollektive Überleben stellt sich als essenzielle Bedingung heraus, durch die eine Produktion erst ermöglicht wird“, schreibt Bardaouil. Deshalb wird das Kollektiv [ materialistin ] eben nicht nur durch eine gemeinsame Idee zusammengehalten, sondern „das Kollektiv selbst wird zur dauerhaften Organisation– einer, die durch wiederholtes kooperatives Handeln aufrechterhalten wird.“ Auch einen neuen Begriff für diese Art von Kollektiv schlägt Sam Bardaouil vor: „strukturelle Kollektivität“. Er schreibt weiter: „Im Unterschied zu konventionellen Formen des Kollektivs ist strukturelle Kollektivität nicht auf Konsens als symbolische Einheit gerichtet. Priorisiert werden vielmehr koordinierte Handlungen als Strategie des Überlebens.“
Natürlich funktioniert die Ausstellung auch ohne diese abstrakten Überlegungen, da alle präsentierten Arbeiten in sich so interessant sind
Tatsächlich kann uns, wenn man Bardaouil folgt, diese Ausstellung helfen, unterschiedliche Formen gemeinschaftlichen Agierens noch einmal genauer zu beschreiben. Warum das wichtig ist? Erstens, weil momentan Kollektivbildung vor allem über Ideologie geschieht und in Opposition zu anderen, Stichwort: Cancel Culture. Ganz anders die [ materialistin ], Sie braucht keinen gemeinsamen Feind, um zu funktionieren, sondern sie funktioniert durch die Erkenntnis, dass das Material gemeinschaftliches Handeln verlangt. Eine Einsicht, die durchaus übertragbar wäre auf die großen Herausforderungen unserer Zeit, von Klimawandel über die Beendigung von Kriegen und Hungersnöten. Auch hier wäre eine stukturelle Kollektivität im Sinne von koordinierten Handlungen als Überlebenstrategie sinnvoll.
Natürlich funktioniert die Ausstellung auch ohne diese abstrakten Überlegungen, da alle präsentierten Arbeiten in sich so interessant sind. Aber es ist trotzdem schön zu wissen, dass sich aus einem kuratorischen Katzensprung von Berlin nach Leipzig so grundlegende Überlegungen ergeben können. Und dass wir hier in Berlin mit Sam Bardaouil und Till Fellrath ein Direktorenteam am Hamburger Bahnhof haben, das die ganze Bandbreite von Kulturtheorie-Produktion bis Familien-Sonntage souverän beherrscht.
Hamburger Bahnhof Invalidenstr. 50, Tiergarten, Di–Fr 10–18 Uhr, Do bis 20 Uhr, Sa+So 11–18 Uhr, 16/8 €, bis 14.3.2027, mehr Infos findet ihr hier
Was erwartet euch bei der Openart Lausitz Biennale? Die Festival-Leiterin gibt Antworten. Kunst und Gegensätze: Zu Besuch bei der Rohkunstbau31 im Schloss Altdöbern. Was sich in den großen und kleinen Häusern tut, erfahrt ihr in unserer Übersicht zu aktuellen Ausstellungen in Berlin. Im Überblick: Kunstjahr 2026 in Berlin – die wichtigsten Ausstellungen des Jahres. Ein neues Quartier: Hamburger Bahnhof, Museum für Naturkunde, Medizinhistorisches Museum und Futurium schließen sich zur MuseumsMeileMitte zusammen. Er hat einige Jugendsünden hinter sich gelassen: 2026 feiert der Hamburger Bahnhof 30. Geburtstag.