Minna und die Furien

Die Beine zu einem fast zwei Meter langen Spagat gespreizt, sitzt die Frau auf einem Eisentisch, Brüste und Scham genau mittig. „Die Überlebende“ heißt die Skulptur, die NÄNZI aus Beton schuf. Die Figur wirkt verletzt. Aus ihrer rechten Wade ragt Eisen, NÄNZI hat die Bruchstelle blutrot angemalt. Die rechte Hand fehlt, aus dem Armstumpf staken Armierungseisen, die Linke ist in einen Verband gewickelt. Eine Brille und ein Tuch verdecken, an Darstellungen der Göttin Justitia erinnernd, die Augen.
Rund 300 Kilo soll diese Arbeit wiegen, zu schwer, zu fragil für einen Transport. Wenn der Verein Berliner Künstlerinnen 1867 (VdBK) NÄNZI ab 6. August eine Ausstellung widmet, wird daher stellvertretend eine Farbaufnahme von der Skulptur zu sehen sein. Doch auch deren Wirkung ist noch drastisch. Ohnehin will Kuratorin Helen Adkins, die den Nachlass der Berliner Künstlerin betreut, dieses Mal weniger Rücksicht auf mögliche Empfindlichkeiten nehmen als in der Schau der Kunststiftung K52 in Prenzlauer Berg 2024, nicht ganz exakt zu NÄNZIS zehntem Todestag. Sybille Reichert, wie NÄNZI bürgerlich hieß, war 2013 mit 51 Jahren an einem Aneurysma gestorben.
NÄNZI: Punk und Yogaposen
In der K52 zeigte Adkins vor allem neoexpressive Mischtechniken und Collagen auf Papier sowie freundlichere Skulpturen wie die einander zugewandten, bemalten Gipsfiguren mit dem Titel „Zwei Handbreit unterm Herzen“ (2004). In den Räumen des VdBK nahe Nollendorfplatz werden nun unter dem Titel „NÄNZI (1962–2013). Wenn ich schwach bin, bin ich stark. Schneewittchen“ rund 40 Arbeiten zu sehen sein, darunter Drucke, Collagen, Fotografien.
Die Skulpturen werden in der neuen Schau wichtiger, gereiht etwa auf langen Borden. Die „Rachefurie“ (2010) soll dabei sein, eine davoneilende Frau, die zwei mit Schwertern durchstoßene Menschenleiber zurücklässt, „Minna muss zum Film“ (2010), eine dralle Göre wie aus Zilles Milieu, und „Menstruation“ (2011), eine Badende, die sich forschend zwischen die Beine greift. In NÄNZIs Ouevre wirken manche Frauenfiguren wie geschlagen und traumatisiert, manche scheinen in Yoga-Posen in sich zu ruhen, einige lassen mit starken Make-up an die Künstlerin selbst denken. Einen Einblick in deren Assoziationen gibt eine „Ich-Wand“: eine Mind-Map mit Notizen sowie Abbildungen aus Kunstgeschichte und Populärkultur.

Sybille Reichert nannte sich NÄNZI ausgerechnet nach Nancy Laura Spungen, Partnerin des Punkmusikers Sid Vicious, die 1978 mit tödlichen Stichverletzungen im New Yorker Chelsea Hotel aufgefunden wurde. NÄNZI dagegen studierte, ohne Abitur und nach mehreren Bewerbungen, an der Hochschule der Künste Berlin Bildhauerei, ein Fach, in dem Männer den Ton angaben, bei Joachim Schmettau, dem Gestalter des „Erdkugelbrunnen“ am Breitscheidplatz.
Neue Blickwinkel
Ein Durchbruch blieb ihr verwehrt. Als NÄNZI ihr Studium 1996 abschloss, gab nicht mehr Punk, sondern elektronische Musik den Rhythmus vor. Der Nachruf auf sie, der im „Tagesspiegel“ erschien, erwähnt sexuelle Belästigungen durch Galeristen, die sie nicht ins Programm aufnahmen. In Ausstellungsräumen dominierten Konzeptkunst, Videoarbeiten sowie Installationen. Subjektiver Ausdruck, gar einer, der mögliche Verletzungen der Urheberin zeigt, stand nicht auf dem Programm. Im Gegenteil: Künstlerinnen bildeten sich in Recht, Vermarktung und professionellem Auftreten fort, um den Gender Show- und Pay-Gap zu verringern.
Womöglich aber ist die Zeit jetzt reif, ein figürliches Werk neu zu betrachten, das zwischen Ironie und Brachialität, Subjektivität und Allegorie changiert, das Freude und Schmerz, Liebe, Sexualität, Verletzungen und Verletzlichkeit thematisiert. Die #MeToo-Bewegung sowie medial genau beobachtete Gerichtsverfahren gegen Sexualstraftäter haben etwas Druck von Frauen genommen, Gewalterfahrungen zu verschweigen. Hinzu kommt: Über Kunst aus dem sogenannten Globalen Süden ist die Figürlichkeit in hiesige Säle zurückgekehrt, nicht zuletzt auch über die wiederbelebte Nähe zwischen Theater und Kunst, wie sie die konzeptuellen Puppen der Künstlerin und Regisseurin Gisèle Vienne auf der Berlin Art Week 2024 verkörperten. Im Oktober nun wird ein „International Forum“ der Interessengemeinschaft Sculpture Network in Berlin stattfinden, unter anderem im Hamburger Bahnhof. Sein Titel: „Bodytalk – Die Rückkehr der menschlichen Figur in der zeitgenössischen Bildhauerei“.
Nach ihrem Tod hat es in kürzeren Abständen mehr Einzelausstellungen zu ihrem Werk gegeben als zu NÄNZIs Lebzeiten. Kuratorin Helen Adkins hofft, dass der Nachlass eines Tages an ein Museum geht. Der Weg dorthin ist lang, er führt über Werkverzeichnis, Veröffentlichungen und Ausstellungen. Der gastgebende VdBK, in dem NÄNZI übrigens nicht Mitglied war, könnte eine gute Adresse dafür sein. Der 1867 gegründete Verein bot Frauen, als diese nicht an Akademien zugelassen wurden, künstlerische Ausbildungen an, und er fördert, wie mit dem Marianne-Werefkin-Preis, Künstlerinnen bis heute.