Plötzlich so viele Räume für die Kunst

Erstaunlich viele neue Räume erhält die freie Szene. Und die drei entsprechenden Gebäude, das Haus der Statistik am Alexanderplatz sowie in Moabit das Zentrum für Kunst und Urbanistik (ZK/U) und die Atelierhäuser in der Lehrter Straße, haben so viel Strahlkraft, dass sich kurz denken lässt, Berlin sei wieder das große Möglichkeitsfeld, das es einmal war. Doch der Reihe nach.
Da ist das Haus der Statistik, ein soziokulturelles, genossenschaftliches Modellprojekt, das ab Ende 2026 in Haus A allmählich Räume aller Art für Kunst, Kultur und Soziales öffnen wird, die die Nutzer:innen selbst verwalten werden. Die landeseigene Immobiliengesellschaft BIM hat das Haus sanieren lassen und ist bereits im hinteren Teil des Ensembles eingezogen. Jetzt führt die gemeinnützige AndersBauen gGmbH in Absprache mit den neuen Nutzer:innen die Ausbauten in Haus A in Teilen durch.
Keine klassischen Ateliers entstehen so, eher Büros, Gemeinschafts- und Workshop-Flächen. Hier werden unter anderem die Kulturanstifter:innen von Berlin Mondiale und das Performance-Team Gob Squad Artists einziehen. Für die Kunst ist das Kulturwerk des Berufsverband Bildender Künstler*innen Berlin (BBK Berlin) mit Proberäumen und Medienwerkstatt am Start.
Ein Atelierhaus für die Zivilgesellschaft
Die Flächen werden in modularer, ressourcenschonender und zirkulärer Bauweise fertiggestellt. „Trennwände sind hier zum Beispiel aus gepresstem Stroh. Und die Gangfenster, die Licht in die Flure bringen, waren früher im Nato-Hauptquartier, in Heidelberg, verbaut“, sagt der Künstler und Aktivist Harry Sachs, Vorstandsmitglied der Stadtentwicklungsgenossenschaft ZUsammenKUNFT Berlin. Und die Türen kämen aus einem Verwaltungsbau des Landeskriminalamts. Man kann Sachs, der mit einer wohl eher nicht angemeldeten Transparent-Aktion 2015 auf eine mögliche Nutzung des leer stehenden Hauses aufmerksam machte, ansehen, dass er das für eine gelungene Pointe hält.
Sachs ist ein guter Gesprächspartner, wenn es um zivilgesellschaftliches Engagement und Kunst geht. Er zählt zu den Mitbegründern des 2012 eröffneten Zentrum für Kunst und Urbanistik ZK/U. Und das hat mit einer spektakulären, sehr energieeffizienten Erweiterung des alten Güterbahnhofsgebäudes seine Ausstellungs- und Arbeitsflächen verdoppelt, etwa für das Residency-Programm, in dem bis zu 15 Künstler:innen für ab 650 Euro im Monat arbeiten, wohnen und netzwerken. Der Anbau von Peter Grundmann Architekten hat 2026 den DAM Preis für Architektur in Deutschland erhalten. Die Gesamtbaukosten von rund sechs Millionen wurden aus Fördertöpfen der EU und des Landes Berlin finanziert. Auch hier gibt es jetzt Flächen, die von der Stadtgesellschaft genutzt werden können. Das Haus mit der neuen Dachterrasse und der Reihe „Openhaus“ ist ein hoch frequentierter Anlaufpunkt weit über die Nachbarschaft hinaus.
Wenn man sich dagegen klassische Atelierhäuser mit kontemplativer Atmosphäre vorstellt, könnten sie wie das historische Gerichts- und Gefängnisensemble in der Lehrter Straße aussehen, das als einer der Spielorte der Berlin Biennale 2025 diente, danach denkmalgerecht saniert wurde, außen mit Backsteincharme und innen mit gut strukturierten Einzelateliers für die bildende Kunst. Im angrenzenden Zellengebäude sind die Studios für Musik, ergänzt um moderne Schallschutztechnik. Das Team von Renner Architekten hat hier im Auftrag der BIM behutsam alte Substanz und neueste Anforderungen zusammengebracht. Der Senat spricht von einem „Leuchtturm im Arbeitsraumprogramm“ – was sicher stimmt. Es könnte nur sein, dass es einer der letzten Leuchttürme in diesem Programm ist.
Ateliers in einem ehemaligen Gefängnis
Eigentlich sollen bis 2030 in dem Anmietprogramm, das von dem bis 2023 amtierenden Kultursenator Klaus Lederer zum Arbeitsraumprogramm für alle künstlerischen Sparten ausgebaut wurde, 1.000 neue Plätze entstehen. Sollten. Heute steht das Programm unter dem gleichen starken Kürzungsdruck wie die gesamte Kultur. „Die Lehrter Straße ist ein Projekt aus den Zeiten, als es Konsens war, vor allem landeseigene Immobilien für die kulturelle Infrastruktur weiter auszubauen“, sagt Julia Brodauf, Atelierbeauftragte im Kulturwerk des BBK Berlin. „Seit November 2024 ist das Budget des Arbeitsraumprogramms um über die Hälfte eingedampft, der weitere Ausbau abgesagt. Die Lehrter ist einer der wenigen Orte, die daraus heraus noch fertig werden.“
Atelierhäuser
Brodauf muss nicht nur mit dieser Misere umgehen, sondern auch mit Räumen, für die Mietverträge auslaufen, die renovierungsbedürftig sind oder mit denen Eigentümer:innen schlicht etwas anderes vorhaben. Eine Karte dazu, welche der rund 60 Häuser mit öffentlich geförderten Ateliers bedroht sind, findet sich auf der Internetseite des Kulturwerks. Als kurzfristig gefährdet gelten dort rund 25 Standorte, die meisten davon in der Innenstadt. Es ist eine realistische Darstellung. Ateliers, deren Entstehung in den Sternen stehen wie die im Konzept für ein künftiges ICC, sind hier nicht zu finden.
Erschwerend kommt hinzu, dass die Künstler:innen bisher eine vom Land Berlin garantierte Fördermiete von 4,09 Euro warm (bei einem Jahreseinkommen unter 22.000 Euro) und 6,50 Euro warm (bis 35.000 Euro) zahlen. „Und wir gehen davon aus, dass dieser Mietanteil auf Dauer steigen wird, da die Mittel für die Vermietungen ebenfalls begrenzt wurden. Was aber nicht steigt, ist das Durchschnittseinkommen von 14.000 Euro netto der Künstler:innen“, sagt Brodauf. „Was uns natürlich große Sorgen macht, ist, wie das von den einzelnen Künstler:innen finanziert werden soll.“ Ob das auch Sorgen eines neuen Senats sind, wird sich nach den Wahlen im September zeigen.





