Umfassend, spektakulär: Neue Frau. Neues Sehen. Fotografinnen des Bauhaus

Der Bauhaus-Peak schien 2019 mit dem 100-jährigen Gründungsjubiläum erreicht, die (kurze) Geschichte dieser beispiellosen deutschen Avantgarde auserzählt. Und zumindest in Berlin wirkten zuletzt andere Ausstellungsthemen aufregender. Bis jetzt.
Denn mit „Neue Frau, Neues Sehen. Fotografinnen des Bauhaus“ holt das Bauhaus-Archiv zu Gast im Museum für Fotografie den Vibe zurück: das Aufregende, das Avantgardegefühl – und die Ambivalenz, die sich ergibt, wenn Behauptung und Realität nicht immer kongruent sind. Gerade, wenn es um die Frauen am Bauhaus geht. Dort war sicher einiges besser, wenn es um die Gleichstellung von Künstlerinnen ging, vor allem im Vergleich zu allen anderen Institutionen der Zeit. Aber auch hier waren die Männer sichtbarer, ihre Arbeiten gefeierter und ihr Sendungsbewusstsein war größer. Wer jetzt den großen Hauptausstellungsraum des Museums für Fotografie betritt, fragt sich ernsthaft, wie das sein kann.
Alle 300 hier gezeigten Arbeiten von 29 Fotografinnen sind der Inbegriff des Neuen Sehens, egal, ob Porträt-, Architektur-, Sozial- oder Landschaftsfotografie, und egal, ob von den heute endlich zu Ehren Gekommenen Lucia Moholy, Marianne Brandt und Florence Henri oder von den immer noch Unbekannteren Irene Hoffmann oder Grit Kallin-Fischer. Licht und Schatten, Technik, Perspektivverschiebungen, neue, ungewohnte Motive und dazu der Mut zum Experiment: Die vielen Frauen, die von Anfang bis zum Ende am Bauhaus fotografierten, nahmen sich die Kamera und verarbeiteten ihre Motive mit einem Selbstverständnis, das bis heute aus ihren Bildern spricht. „Und wir hätten noch so viel mehr zeigen können“, sagt Kuratorin Kristin Bartels vom Berliner Bauhaus-Archiv in Tiergarten, das nach Fertigstellung seines Erweiterungsbaus Ende 2027 wieder öffnen soll. Es hat die umfassendste Fotosammlung dieser Zeit.
Für die Räume des Museums für Fotografie hat Bartels eine gute Auswahl getroffen, hat gerade in den großen Kapiteln „Das Selbst im Blick“ und „Das Bild der Frau“ den Fokus klar auf die Porträtfotografie gelegt, ohne im weiteren Verlauf die Landschafts-, Reportage- und Archivfotografie auszusparen. Der Eindruck, der bleibt, ist umfassend, und er kontert jede vorschnelle Kritik an einer gleichgeschlechtlichen Ausstellung, die Frauen erneut eine Sonderrolle zuweist. Denn erst in dieser Dichte der Arbeiten wird klar, was da lange verborgen war.