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Kunst

Wie „Die Drei Grazien“ beinahe zum Symbol der Wiedervereinigung geworden wären

Niki de Saint Phalles Nanas sind weit mehr als farbenfrohe Gute-Laune-Skulpturen. Eine Ausstellung zeigt in Berlin erstmals jene drei Figuren, die eigentlich auf dem Lützowplatz stehen sollten
Text: Ina Hildebrandt
Veröffentlicht am: 09.07.2026
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Installationsansicht „Nikifizierung – Niki de Saint Phalle“, 4 July – 22 August 2026, Galerie Judin (Mercator Höfe), Berlin © 2026 NIKI CHARITABLE ART FOUNDATION, alle Rechte vorbehalten. Courtesy Galerie Judin, Berlin 

Am liebsten möchte man mithopsen, wenn man die fröhlich ungezwungenen Nanas im Kreis tanzen sieht. Mindestens lächeln, ein bisschen loslassen, sich locker machen. Selten strahlt statische Materie so viel Lebensfreude und Dynamik aus wie Skulpturen „Les Trois Grâces“ der Künstlerin Niki de Saint Phalle.

Die sogenannten Nanas, dem normschönen Körper nicht entsprechende Frauenfiguren in knallbunten, verspielten Badeanzügen, sind das Markenzeichen der französischen Künstlerin (1930–2002), mit denen sie ab Ende der 1960er Jahre die Welt eroberte. Wie oft bei populärer Kunst wandeln die Nanas an der Grenze zum Kitsch, sind durch ihre zeitweilige Omnipräsenz zum Dekorationsobjekt im Wohnzimmerschrank zusammengeschrumpft oder auf Kaffeetassen gelandet.

Dass hinter ihrer kommerzialisierten Verharmlosung eigentlich Kunstwerke mit Aussagekraft und gesellschaftlicher Sprengkraft stecken, lehrt die Schau „Nikification – Niki de Saint Phalle and Germany“ in der Galerie Judin. Und dass „die drei Grazien“ eigentlich nicht in einer Galerie, sondern auf dem Lützowplatz in Berlin stehen sollten.

Nikki de Saint Phalle entfacht einen Kunstskandal

Zunächst betreten wir den großen Ausstellungsraum, dessen längste Wand eine Collage aus Zeitungsartikeln, Leserbriefen, Plakaten und Flyern überzieht. Sie beziehen sich auf verschiedene Projekte von Kunst im öffentlichen Raum von Niki de Saint Phalle, genauer: im deutschen Raum.

Nach Hannover wurde die Pariserin in den 1970er Jahren eingeladen, drei monumentale Nana-Figuren für das Leibnizufer zu gestalten. Dieses progressive Projekt der Stadtverwaltung erregte Unmut in, ja vornehmlich männlichen Teilen der Bevölkerung. Drei unförmige, kurvenreiche Frauengestalten mit Glatze, die auch noch so lustig herumtoben! Kunst, schreiben da empörte Bürger:innen ihren Lokalzeitungen, sei das nun wirklich nicht. Ein Frauenbild und eine Formensprache, die damalige Normen sprengten. Ein regelrechter Kulturkampf entbrannte in Hannover, wie sich anhand der Zeitungsartikel, Protest- und Gegenprotest-Flyer ablesen lässt. Heute gelten die Nanas als ein Wahrzeichen der niedersächsischen Landeshauptstadt.

Saint Phalle wurde von dieser heftigen Kontroverse angestoßen, ihre Kunst entschieden in den öffentlichen Raum und zu den Menschen zu bringen. Überdimensional, aber nie überwältigend, sondern stimulierend – das zeichnet Saint Phalles Werk an den Straßen und Plätzen aus. Neben internationalen Metropolen wie Paris oder San Diego bemühten sich in den 1980er- und 1990er-Jahren weitere deutsche Städte um ihre Kunst. In Duisburg steht ein riesiger Vogel, für Hamburg waren kolossale Drachen geplant. Und in Berlin eben jene drei Nanas, die heute in der Galerie Judin stehen.

Installationsansicht zu „Nikifizierung – Niki de Saint Phalle“ in der Galerie Judin (Mercator Höfe), Berlin. Foto: © 2026 NIKI CHARITABLE ART FOUNDATION, alle Rechte vorbehalten. Courtesy Galerie Judin, Berlin

Im hinteren Raum stehen die „Drei Grazien“ auf einem großen Podest einander gegenüber, in ausladend tänzerischen Posen, mit schimmerndem Mosaik aus farbigem und spiegelndem Glas überzogen. Die zahllosen kleinen reflektierenden Elemente verleihen den voluminösen Körpern eine bewegte, fast flirrende Oberfläche. Dass eine Figur mit ihrer Oberfläche wie eine Discokugel anmutet, passt nur zu gut zu dieser Stadt, für die sie ursprünglich gedacht war.

Anfang der 1990er Jahre wurde Karin Pott die neue Direktorin des Hauses am Lützowplatz und lud Saint Phalle ein, den kriegsbedingt trostlosen Platz zu gestalten. Was hat diesem Ort für eine schöne Zukunft geschienen! Durch die ausgestellten Pläne des beteiligten Architekten Mario Botta erfahren wir von einem ambitionierten Gesamtkonzept für den Lützowplatz mit Bäumen, Brunnen und den drei Skulpturen. Kurz nach der Wiedervereinigung waren sie als Symbole für die Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft Deutschlands von der Künstlerin gedacht.

Doch echte Berlinerinnen sind sie leider nie geworden. Bezeichnenderweise fehlte es in Berlin nicht an Enthusiasmus für das Projekt, aber an politischer Verantwortlichkeit und Geld. Trotzdem arbeitete die Künstlerin noch bis zu ihrem Tod an den Figuren, die postum 2003 fertiggestellt wurden. In Berlin sind sie nun erstmals zu sehen.

Nach der Ausstellung fahren die drei Grazien nach Süddeutschland ab, wo sie ab 2027 in die Sammlung Würth des Unternehmers und Kunstsammlers Reinhold Würth übergehen. Eine vorerst einmalige Gelegenheit also, mit Niki de Saint Phalle eine besondere Künstlerin wiederzuentdecken und sich von ihrem Werk verzaubern – oder verärgern – zu lassen.


Galerie Judin Mercator Höfe, Potsdamer Str. 83, Schöneberg, Di–Sa 11–18 Uhr, bis 22.8., galeriejudin.com


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