Ein Kunstverein leistet Pionierarbeit: „Queere Kunst in der DDR?“ bei KVOST und anderswo

Über die bevorstehende Ausstellung im Kunstverein Ost (KVOST) sagt Leiter Stephan Koal: „Wir müssen das Projekt jetzt machen“. Vielleicht, so lautet seine Sorge, sei eine solche Schau angesichts des Rechtsrucks in Deutschland bald nicht mehr ohne Weiteres umsetzbar. Ein Fragezeichen trägt sie ohnehin: „Queere Kunst in der DDR? – Biografien zwischen Underground und Propaganda“.
Die Forschung zu queeren Lebensrealitäten in der DDR ist lückenhaft – insbesondere im Hinblick auf Frauen. Diese Leerstelle zeigt sich auch in der Kunst. Koal und sein Kollege Valentin Wedde wollen die Erzählung erweitern und übersehene Perspektiven jenseits eines vorwiegend schwulen Kanons sichtbar machen. „Ich kenne keine Ausstellung, die sich so explizit mit dem Thema befasst hat“, so Koal, „da sind wir, glaube ich, die ersten.“ Hinter Koal und Wedde liegt eine Recherche, die an Detektivarbeit erinnert: Besuche bei Zeitzeug:innen und Gedenkstätten, die Sichtung von Stasiakten.
Neun Positionen sind nun in dem Projekt versammelt, das von Hauptstadtkulturfonds und der Berliner Beauftragten zur Aufarbeitung der SED-Diktatur gefördert wird. Das Fragezeichen im Titel markiert ein Dilemma: „Queer“ war in der DDR keine verfügbare Selbstzuschreibung, zumal sich über viele Lebensentwürfe nur mutmaßen lässt. Birgit Bosold vom Schwulen Museum, einem Kooperationspartner, sieht im offenen Titel die Chance, Künstler:innen in queere Kunstgeschichte einzubetten, ohne sie „posthum zu outen“. Auch Kurator Koal betont, keine Position könne auf Sexualität reduziert werden, und ist sich der Provokation bewusst: „Was soll das überhaupt sein, queere Kunst?“
Die Exponate reichen von Skulpturen über Fotografien bis zu Selbstporträts. Einige sind explizit sexuell, andere erzählen von Sehnsucht nach Zugehörigkeit. Mindestens so wichtig wie die Werke sind die mit ihnen verbundenen Biografien. Die Malerin Toni Ebel (1881–1961), eine der ersten hierzulande bekannten Transfrauen, steht am Anfang der Ausstellung, mit dem 1979 geborenen Künstler Harry Hachmeister reicht sie in die Gegenwart.
Ein Zeitstrahl von der ersten Dokumentation des Wortes „homosexual“ bis ins Jetzt rahmt das Projekt – dessen Ausstellung sich über vier Standorte zieht. Neben dem Kunstverein von begrenzter Größe beteiligen sich Neue Gesellschaft für Bildende Kunst, Werkbundarchiv und Mitte Museum. Jeder Ort soll neugierig auf den nächsten machen. KVOST und nGbK bieten Überblicke, während das Mitte Museum etwa Andreas Fux hervorhebt. Der Fotograf zeigt bisher unveröffentlichte DDR-Aufnahmen, die den Blick ins vermeintlich Private öffnen.
KVOST Leipziger Str. 47, Mitte, Mi–Sa 14–18 Uhr, 28.3.–28.6., Eröffnung: 25.3., 18 Uhr
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