„Ruin und Rausch“: Ein Wiedersehen von Kirchner bis Laserstein

Die Neue Nationalgalerie hat einen Kummerkasten. Und in den sind, per Mail oder Kärtchen, in den letzten Jahren viele Bitten eingegangen, ob nicht Ernst Ludwig Kirchners „Potsdamer Platz“ wieder einmal präsentiert werden könne, so erzählt Uta Caspary – und das Haus wird diesen Wunsch, der von der großen Verbundenheit Berlins mit dessen Sammlung zeugt, bald erfüllen. Caspary kuratiert gemeinsam mit Irina Hiebert Grun die Ende April beginnende Sonderschau „Ruin und Rausch. Berlin 1910–1930“. Und der Kirchner wird natürlich dabei sein, diese Ikone des Großstadt-Expressionismusʼ, die zwei Kokotten fast lebensgroß auf einer Verkehrsinsel am Potsdamer Platz zeigt, schemenhafte Männer stellen ihnen nach, dahinter die Stadt, die mit ihren spitzen Winkeln und giftigen Farben kein Wohlfühlort ist.
Auch Uta Caspary gerät ins Schwärmen. „Diesem Bild wohnt die ganze Nervosität und Zerrissenheit der Zeit inne“, sagt sie, „die ungeheure Dynamik der wachsenden Metropole, aber auch die Vereinsamung und Verelendung.“ Das 1914 entstandene Bild – Kirchner ergänzte nach Kriegsausbruch noch einen Witwenschleier vor dem Gesicht einer der beiden Frauen – bildet den Auftakt und setzt auch schon die Themen dieser mit 35 Exponaten kompakten Ausstellung. Sie erzählt in drei Kapiteln von einem zwischen krassen Gegensätzen oszillierenden Berlin, von Glanz und Elend, Aufstieg und Abgrund, Exzess, Extremismus und Emanzipation, von einer goldenen, wilden und in die Katastrophe des Nationalsozialismus führenden Zeit.
Ruin und Rausch. Berlin 1910–1930
Es sind bekannte Gemälde dabei wie Lesser Urys postimpressionistischer „Nollendorfplatz bei Nacht“ (1925) und natürlich Otto Dix, von dem nicht nur „Die Skatspieler“ gezeigt werden, sondern das Kunstmuseum Stuttgart schickt auch das „Bildnis der Tänzerin Anita Berber“ (1925). Dix hat der damals erst 26-Jährigen ein verlebtes Gesicht gemalt, das kalkweiß aus dem gefährlichen Rot des Gemäldes heraussticht – sie hat sich zwischen Lebensgier und Skandal, Kunst und Kokain regelrecht verbrannt. Flankiert wird das Bild von einer Filmsequenz, die Berber beim Tanz zeigt. An anderer Stelle ergänzen Filmausschnitte aus „Metropolis“ und „Berlin – Sinfonie der Großstadt“ die Gemälde und Skulpturen.
Lotte Laserstein: Vorahnung des Faschismus
Neben den bekannten Werken haben die Kuratorinnen nach der Durchforstung der Depots auch unbekanntere Arbeiten dazugenommen, von Gustav Wunderwald und Paul Fuhrmann beispielsweise. Und sie haben darauf geachtet, dass möglichst viele Künstlerinnen in der Ausstellung dabei sind. Die im Bereich Klassische Moderne exzellent aufgestellte Neue Nationalgalerie zählt bis 1950 in der Sammlung 1.650 Werke, davon 157 von Frauen, eine Quote von 9,5 Prozent. Filmsequenzen und Hörstationen mit Gedichten nicht mitgezählt, sind in „Ruin und Rausch“ unter 31 Gemälden und Skulpturen sieben von Frauen, immerhin etwas mehr als 20 Prozent.
Zu ihnen gehören Hannah Höch, Jeanne Mammen, deren Atelier in Berlin sich besichtigen lässt, und Tamara de Lempicka, deren „Porträt“ 2010 über die Schenkung Ulla & Heiner Pietzsch in die Sammlung kam. Und, als Abschluss, Lotte Laserstein mit „Abend über Potsdam“ (1930). Dieses Großformat, das eine sommerliche Tischgesellschaft zeigt, über der jedoch eine schwere Melancholie liegt, wird meist als Vorahnung des aufziehenden Faschismus interpretiert. Ein eindrückliches Bild. Auch eine Begegnung, auf die sich viele freuen dürften.



