Queere Ikone? Das Schwule Museum thematisiert das Erbe der Autorin Susan Sontag

Berlin, ständig zurück nach Berlin: Die Stadt war für Susan Sontag (1933–2004) ein Sehnsuchtsort, allein schon, weil hier ihr liebstes Kino des „ganzen Planeten“ war: das Arsenal. Heute ist ihr unweit dessen ursprünglicher Spielstätte in Schöneberg eine Ausstellung im Schwulen Museum (SMU) gewidmet: „Susan Sontag. Sehen und gesehen werden“.
Das Framing im SMU überrascht zunächst, betreibt aber kein Zwangs-Outing, sondern liest eine der prägendsten Intellektuellen des 20. Jahrhunderts neu aus queerer Perspektive. Wie sorgfältig recherchiert wurde, zeigt sich gleich am Eingang. Co-Kuratorin Kristina Jaspers bemerkte, wie häufig Sontag ihre Bücher ehemaligen Geliebten, darunter mehreren Frauen, widmete – ein kluger, unaufgeregter Auftakt. Von dort entfaltet sich die Ausstellung in nur einem Raum als Spurensuche: Hinter Porträts von Sontag steckt mal Fotograf Peter Hujar, mal ihre Partnerin Annie Leibovitz.
Susan Sontag verstand die Macht der Bilder
Tagebücher, Filme, Briefe und Listen legen Sontags Leben offen, ohne es nur chronologisch zu ordnen. Die Fragmente machen das Kennenlernen des intellektuellen It-Girl unverhofft persönlich. Zu ihrem 24. Geburtstag etwa notierte sie „Pflichten fürs 24-Sein“: an der Körperhaltung arbeiten, der Mutter mehr schreiben, Sohn David das Lesen beibringen. Dass Sontag sich nie öffentlich als lesbisch oder bisexuell bekannte, dürfte an einem Sorgerechtsstreit um David liegen. Ihr Ex-Mann machte Sontags homosexuelle Beziehungen zum juristischen Argument gegen ihre Eignung als Mutter.
Die Schau überzeugt durch ihren ruhigen Umgang mit Ambivalenzen und durch ihre Diskretion. Kriegsfotografien, zeitlebens prägend für Sontags Aktivismus, sind so präsentiert, dass verstörende Details zunächst verdeckt bleiben. Besuchende entscheiden selbst, wie viel sie sehen. Diese kuratorische Geste wirkt im Sinne Sontags, die früh verstand, welche Macht Bilder besitzen und wie Grausamkeit im Übermaß abstumpfen kann.
Im Zug ihrer Krebsdiagnose wandte sich Sontag gegen die Kriegsrhetorik rund um Krankheit. Wo von Kämpfen und Siegen die Rede war, bestand sie darauf, Menschen nie hinter militärischen Metaphern verschwinden zu lassen. Hier schließt sich der Kreis zum Arsenal: Mit Kurator Alf Bold verband sie neben enger Freundschaft die Krankheitserfahrung. Die Berliner Elemente bereichern die Ausstellung: Das Team des SMU interviewte queere Intellektuelle wie Carolin Emcke und sprach mit Ulrike Ottinger über gemeinsame Kinobesuche. So bringt die Schau neue Details über Sontag ans Licht und rekonstruiert nebenbei ein Stück Berliner Kulturgeschichte.