Walter Schels im C/O: Würdigung eines großen Fotografen der Bundesrepublik

Kann man mit der Fotografie philosophieren? Walter Schels hat es wohl getan. Der inzwischen 90-Jährige hat Fragen gestellt wie: Bleibt man ein Leben lang derselbe? Haben Tiere eine Persönlichkeit? Sagt das Gesicht eines Menschen etwas Wahres? Wenn Schels die Handflächen von Babys und Greisen mit ihren Schicksalslinien einander gegenüberstellt oder die im Alter wie nach der Geburt oft so ähnlichen Physiognomien, die einmal in die Zukunft schauen, das andere Mal die Vergangenheit in sich tragen, dann stellen sich Sein- und Schicksalsfragen. Oder: Wenn Schels einen Dobermann in der Pose eines jungen Wilden porträtiert oder Menschen kurz vor und nach ihrem Sterben, dann stehen wir vor der Frage, ob die Augenblicklichkeit des Lebens oder die Endgültigkeit des Todes mehr vom Wesen des Kreatürlichen zeigt.
Schels hatte nie vor, Fotograf zu werden. Ende der 1960er reiste er nach New York, und die Stadt verführte den jungen Schaufensterdekorateur aus Landshut dazu, sich mittels Fotografie der formalen wie existentiellen Grandiosität der Stadt zu stellen. Andy Warhol, von dem auch einige Porträts in dieser 300 Arbeiten umfassenden Retrospektive zu sehen sind, gab ihm damals auf den Weg: „You got to sell these photos.“ Schels wurde einer der großen Zeitschriftenfotografen der Bundesrepublik. Die Retro bei C/O Berlin hat nun vor allem die formalen Manipulationen am Foto von Schels in den „Fokus“ gerückt.
Walter Schels: Offenbarung des Seins
Vielleicht, weil die analogen Techniken wie Montage, Solarisation, Schwammentwicklung oder Mehrfachbelichtung in digitalen Zeiten paradoxerweise eine Art von Neuigkeitswert haben. Dennoch, die existentiellen Fragen stehen den formalen Experimenten nicht nach. Es sind die zwei Seiten von Walter Schels eigener Persönlichkeit, wie sie ihm möglicherweise das Schicksal aufgegeben hat. Der seltsame Titel der Retro „16° Fische“ als Konstellation aus seinem Horoskop deutet das an.
Walter Schels benutzt für sein philosophisches Fragen nicht Worte und Begriffe, sondern die formalen Eigenschaften der Fotografie, die dazu erforscht, zugerichtet und erweitert werden mussten. In wissenschaftlicher Manier hat Schels Halbbilder erstellt, wo die je linke oder rechte Gesichtshälfte gedoppelt wird, um die rationalen wie emotionalen Anteile des Wesens eines Menschen sichtbar zu machen. Er hat aber auch einen gleichsam malerischen Umgang mit der Fotochemie betrieben, um ein Mehr an subjektivem Ausdruck ins (Ab-)Bild zu bringen. Kurzum, Walter Schels wollte stets mehr wissen: was ein Foto vom Sein zu offenbaren vermag.