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Zweifaches Risiko: Freiraum Kunst im Schloss Bellevue

Während das Schloss Bellevue saniert wird, zieht eine Ausstellung ein. So wird der Sitz des Staatsoberhaupts zum Ort für künstlerische Autonomie
Text: Claudia Wahjudi
Veröffentlicht am: 01.06.2026
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Als Möbel und Flügel noch im Bellevue standen: Wolfgang Tillmans, Schlossbesuch, 2026 © Wolfgang TIllmans

Schnell musste es gehen. Erst einen Monat vor Eröffnung stand die Finanzierung, nur eine Woche durfte der Aufbau dauern. „FREIRAUM KUNST“ heißt die Ausstellung, die die Akademie der Künste ab 13. Juni für 14 Tage in Schloss Bellevue, dem Amtssitz des Bundespräsidenten, zeigt, mit Arbeiten renommierter Künstler:innen wie Monica Bonvicini, Jochen Gerz und Boris Mikhailov. Was nach Tag der offenen Tür klingt, ist ein hochsymbolisches Vorhaben unter Sicherheitsauflagen: Einlass gibt es nur mit Zeitfenster-Ticket und Ausweis.

Anlass für die Schau bietet die Sanierung des Schlosses. Alle Möbel, Leuchter, Teppiche sind aus den Sälen und Salons fortgeräumt, in denen Bundespräsidenten seit 1994 Gäste empfangen und Gesetze unterschreiben. Das mehrfach überholte Gebäude samt benachbartem Amt haben Mängel. Acht Jahre sollen die Bauarbeiten dauern. Derweil finden Staatsoberhaupt und Mitarbeitende Unterschlupf in einem Bürohaus am Spreebogen.

Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier (SPD) ist Schirmherr der Ausstellung, die Akademie der Künste verwirklicht sie. Die Schau zieht sich vom Haupteingang durch Salons über das Treppenhaus in den ersten Stock zu weiteren Salons und zurück. Am Schluss liegt ein Saal mit einem „Büro der öffentlichen Sache“: einer Bühne für Texte, Performances, Musik sowie Abendgespräche über Teilhabe, Wirtschaft und Umwelt. Diesen Part verantwortet Akademiepräsident Manos Tsangaris. Die Ausstellung kuratiert Vizepräsident Anh-Linh Ngo mit Cécile Wajsbrot, der stellvertretenden Direktorin der Literaturabteilung an der Akademie.

Kuratorische Freiheit in einer Zeit des Drucks

Express-Aufbau von Kunst im Zentrum der Macht: Das klingt riskant. Die Reihe umstrittener Kunst an politischen Bauten ist so lang wie divers: Sie reicht von dem 2025 vor der Berliner CDU-Parteizentrale auf Zeit errichteten Denkmal des Zentrums für politische Schönheit, das an den ermordeten Kasseler Regierungspräsidenten Walter Lübcke erinnert, bis zu Hans Haackes bleibender Installation im Reichstagsgebäude, „Der Bevölkerung“ von 2000. In der Parlamentsdebatte über das Werk sagte der damalige Bundestagspräsident Wolfgang Thierse (SPD): „Kunst ist Freiheit“.

Sie haben alle kuratorische Freiheit, sagen Ngo und Tsangaris, nichts müsse vorgelegt und abgenommen werden. Alle Exponate stammen von Akademie-Mitgliedern – bis auf die der Street-Art-Künstler Christian Awe und El Bocho sowie des Malers Christopher Lehmpfuhl. Sie waren es, die dem Bundespräsidialamt Kunst im Schloss vorgeschlagen hatten. Für die Umsetzung fragte das Amt die vom Bund geförderte Institution an: „In einer Zeit, in der die Künste so unter Druck stehen, mussten wir diese Chance ergreifen“, sagt Anh-Linh Ngo.

Steinmeier als Gegenbeispiel zu Weimer?

Selbstverständlich geht es darum, Bürger:innen das Schloss zu öffnen und zeitgenössische Kunst vorzustellen. Das Interesse ist groß: Über die Hälfte des ersten Zeitticket-Kontingents war nach 24 Stunden vergeben. Ein zweites Kontingent soll im Juni folgen. Und selbstverständlich geht es darum, dass Künstler:innen Geschichte und Funktion des repräsentativen Gebäudes reflektieren. Das 1786 errichtete Haus hat viele Nutzer gesehen, Mitglieder der preußischen Königsfamilie, später Militärs und NS-Politiker, auch eine Volksküche soll es gegeben haben. In der Kürze der Zeit können die Künstler:innen jedoch kaum ortsspezifische Werke schaffen. Nur von Fotograf Wolfgang Tillmans ist bekannt, dass er eine neue Arbeit entwickelt hat (siehe Foto.).

Doch hinter all dem geht es um etwas anderes: Politik und Künste tun sich zusammen, um eine Fahne für die Autonomie von Kultur zu hissen. Darin besteht die Widersprüchlichkeit des Vorhabens. Es beinhaltet genauso das Risiko, dass sich Kunst im Schloss zum Hofnarren macht, wie die Gefahr, dass sich die Ausstellung medial getrieben gegen den Bundespräsidenten und die Kurator:innen kehrt. Beide Seiten gehen die Risiken ein. Denn indirekt werben sie dafür, bei den Landtagswahlen Parteien zu wählen, die die grundgesetzlich verankerte Freiheit von Künsten und Wissenschaften garantieren, anders als die AfD, die beispielsweise in Sachsen-Anhalt der Stiftung Bauhaus Dessau droht. Und Frank-Walter Steinmeier schickt sich an, ein Gegenbeispiel zum Kulturstaatsminister zu geben, der Misstrauen gegenüber Berlinale, Buchhandlungen und Kunst­jurys in Szene setzt. Gelingt Steinmeier das, rutscht Wolfram Weimer (CDU) aus seiner selbsterfundenen Rolle eines Protagonisten in die eines Antagonisten, eines Gegenspielers von Vertrauen und Verantwortung.

Schloss Bellevue Spreeweg 1, Tiergarten, Mo–Fr 11–19, Sa+So 10–19 Uhr, Eintritt frei, 13.–28.6., Zeitfenstertickets online


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