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Kunstfestivals auf dem Land

MaciaTaubenblaue abgeplatzte Wände mit korrodierten Wasserrohren – der schachbrettartige Fußboden des einstigen Kempinski-Hotels hat schon einige Spritzer abbekommen. Sie rühren von einer herrlich altmodischen Badewanne auf Greifenklaufüßchen mit fein ziselierter Armatur, die mitten im Raum steht und ein bisschen erinnert an elegante Telefone der Dreißiger Jahre. Die Wanne ist übervoll mit Öl beladen, ein Sockel hebt sie auf Augenhöhe. Die Oberfläche spannt. Sachte trieft das schwarze Gold über die Wannenwölbung – und verbreitet im gesamten Haus einen dominanten Duft nach Dubai und Abu Dhabi.

Spätrömische Dekadenz? Man denkt angesichts der melancholisch triefenden Brühe an Marats Tod in der Badebütt, verursacht durch das Küchenmesser der Charlotte Corday. Oder an Udo Barschels ominösen Abgang in einem Genfer Luxushotel.
Die Sommer-Ausstellung „Rohkunstbau“ findet in diesem Jahr erneut auf Schloss Marquardt bei Potsdam statt, das sich bereits im Sommer 1932 für Berliner als regelrechter Hotspot entpuppte. Damals rollten an Sonntagen bis zu 1000 PKWs zum Schloss. Zwischen dem Bahnhof Zoo in Berlin und dem Dorf Marquardt wurde extra eine Buslinie eingerichtet, im Halbstundentakt.

Heute lockt die Arbeit des kolumbianischen Künstlers Oswaldo Maciб, der sich mit seiner Installation „Under the Horizon“ wegbewegt von einem augenzentrierten Wahrnehmen unserer Umwelt hin zum Geruchssinn, der laut Immanuel Kant allen anderen Sinnen unterlegen sei.

Maciб hat eigens den Parfümeur Ricardo Moya beauftragt, ihm einen Duft zu kreieren, in dem das Wort „under“ anklingt. Ein abstrakter Begriff, der seine Bedeutung stets aus dem Kontext bezieht. Die Gerade des Horizonts ist eine inkommensurable Größe, die man verwendet, um von einem zum anderen Ort zu navigieren. Sie ist eine Linie, an der sich das Sehvermögen neu eichen lässt. Das unaufhaltsame Fluten des Rheins, wie es in den Nibelungen vorkommt, wollte Maciб symbolisieren. Der Fluss, der in seinen Tiefen das Rheingold verborgen hält – symbolisiert hier durch die opake schwarze Flüssigkeit.

„Macht/Power“ hat „Rohkunstbau“ 2011 auf seine Fahnen geschrieben. Ein angesichts von Pattex-Politikern wie der EP-Abgeordneten Koch-Mehrin oder testosterongesteuerten Ex-IWF-Direktoren wie Dominique Strauss-Kahn hochaktueller wie fragwürdiger Faktor in unserer Gesellschaft. Der Spiritus Rector des aktuellen „Rohkunstbau“-Mottos, Mitbegründer Arvid Boellert, bezieht sich ausdrücklich auf Wagners „Ring der Nibelungen“.

Bayreuth in Brandenburg also. Die Aufgabe an die Künstler bestand darin, ortsbezogene neue Werke zu den Themen „Macht“, „Moral“, „Revolution“ und „Untergang“ zu schaffen und „damit auch die Wiederkehr im immerwährenden Kreislauf von Aufstieg und Fall im Privaten wie Gesellschaftlichen zu verarbeiten“.

Marc Brandenburg etwa zeigt die gespenstische Weißwerdung Michael Jacksons auf. Mittels Schwarzlicht lässt er den „King of Pop“ aufleuchten. Brandenburg zeigt das Idol der 80er Jahre auf dem Höhepunkt seiner Karriere, bevor er sich unzähligen Operationen unterzog, um sein Aussehen zu korrigieren. Die Macht des täglichen Konsumterrors ist das Thema des Görlitzers Frank Nitsche. Eine Säule aus leeren Getränkedosen, die sich grellbunt vom Boden bis zur Decke stapeln, angereichert durch bunte aufdringliche Aufkleber wie „Ein Herz für Kinder“, beherrscht die Optik.

Eine bizarre Melange aus Statussymbol und christlichem Passionssymbol führt die Bulgarin Mariana Vasileva im Foyer des Schlosses ein. Hier dröhnt der Motor eines Bugatti, über dem wie ein Heiligenschein eine illuminierte Dornenkrone von der Decke baumelt. Insignien der Macht offeriert auch Mariele Neudecker mit ihrem monumentalen Abrieb einer Hercules-Missile-Rakete, die martialisch im Treppenturm des Schlosses über dessen gesamte Höhe hängt.

Wie Nothung, das Schwert der Nibelungen, durchbohrt Katinka Pilscheurs Kupferstange ein fast raumhohes Gemälde. Für poetische Bilder der „Götterdämmerung“ hat sich Christoph Brech entschieden. In seiner Arbeit „Il Ponte“ dreht der Künstler Florentiner Brückenreflexionen um 180 Grad – musikalisch begleitet von Mahlers „Adagietto“. Wagnerliebhaber Thomas Mann mit der Visconti-Verfilmung seines „Tod in Venedig“ lässt grüßen. „Going Nowhere“ nennt der Brite Simon Faithfull sein Schreiten ins Unterirdische: Mit großen Schritten stakt der Künstler in seiner Video-Arbeit unter der Wasseroberfläche des Schlänitzsees vor Schloss Marquardt (in dem man auch baden kann). Eine Anspielung auf den Zwerg Alberich, der das Rheingold an sich nahm, nachdem er aus verschmähter Liebe dieser entsagte und aus dem Gold den „Ring der Nibelungen“ schmiedete, um das nämliche Volk unterjochen zu können – und noch mehr Schätze anzuhäufen. Die ‚Macht der Illusion‘ beherrscht Mariele Neudecker souverän. Man studiere das vermeintliche Spiegelbild einmal ganz intensiv – und wird überrascht sein.

Text: Martina Jammers

Foto: Roland Horn

Rohkunstbau Schloss Marquardt, Hauptstraße 14, Potsdam-Marquardt, Fr 14-19 Uhr, Sa+So 12-19 Uhr,
bis 11.9.2011, www.rohkunstbau.de

 

Weitere tip-Empfehlungen:

Caprimond in der Villa Schöningen
Villa Schöningen
Berliner Straße 86, Potsdam, Di-Fr 11-18 Uhr, Sa+So 10-18 Uhr, „Andy Warhol. Frühe Werke“, bis 24.7.2011

Nachtkahnfahren im Spreewald
Aquamediale
Lübben, bis 11.9., www.aquamediale.de

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