• Kultur
  • 12 Lokale der Berliner Kunstszene: Hier traf und trifft sich die Bohème

Kultiviert

12 Lokale der Berliner Kunstszene: Hier traf und trifft sich die Bohème

Kaffee trinken, Menschen im Café beobachten, sich inspirieren lassen, später ein Glas Wein, oder zwei (oder drei) und Diskussionen bis spät in die Nacht – ein Bild von Künstler:innen, wie man es vielleicht mit der Wiener Kaffeehausliteratur verbindet. Das Leben der Kunstschaffenden war bestimmt nicht immer so romantisch, aber Lokale waren und bleiben Orte, an denen Schriftsteller:innen, Musiker:innen und Leute vom Theater und Film zusammenkommen, diskutieren und feiern. Wir wissen, in welchen Berliner Cafés und Bars sich die Kunstszene seit mehr als 100 Jahren herumtreibt.


Aufstreben im Romanischen Café

Erfolgseifrige Künstler:innen versuchten im Romanischen Café Kontakte zu ihren bereits renommierten Vorbildern zu knüpfen. Foto: Gemeinfrei

Sehen und gesehen werden wollte die aufstrebende Bohème der Weimarer Republik im Romanischen Café am Breitscheidplatz. Nach Ende des ersten Weltkriegs entwickelte sich das Café zum literarischen Zentrum Berlins. An den Bistro-Tischen im Hauptraum, dem „Bassin für Nicht-Schwimmer“ tummelten sich angehende Künstler:innen, die sich den Einstieg in die Szene erhofften. Im Nebenraum, dem „Bassin für Schwimmer“, diskutierten Intellektuelle und renommierte Kunstschaffende.

Als gegen Ende der 20er Jahre politische Auseinandersetzungen in der Umgebung des Cafés gewaltsam ausgetragen wurden, verlor das Romanische Café allmählich seinen Status als künstlerischer Treffpunkt. Im Zweiten Weltkrieg wurde das neoromanische Haus zerstört. Danach stand die Fläche einige Zeit verschiedensten Zwecken zur Verfügung, bis in den 1960er-Jahren das Europa-Center errichtet wurde.


Knutschen und tanzen im Kakadu

Die Kakadu Bar lud in den 1920er- und 1930er-Jahren zum Trinken und Tanzen ein. Foto: Nationaal Archief/Wiki Commons/CC BY-SA 3.0

An der Joachimsthaler Straße amüsierte man sich in den Nächten der 1920er- und 1930er-Jahre im Kakadu: Fünf Geschäfte wurden zusammengelegt und machten den Kakadu zur längsten Bar Berlins. Künstler:innen, Schauspieler:innen, Börsenhändler und Prostituierte zog es bei einer Atmosphäre, die „auf Rotlicht und Sinnlichkeit abgestimmt“ war, an den Tresen oder in die „Logen und Knutschecken“, wie der Schriftsteller Konrad Haemmerling erzählt. Ein Ausbau um 1930 machte die einst kuschlige Kneipe zu einem wilden Tanzlokal mit Jazz- und Swing-Programm – bis es unter dem Nationalsozialismus geschlossen wurde.

In dieser Bar hat Heinrich Mann wohl auch Nelly, seine zweite Frau, kennengelernt, und auch der Komponist Nico Dostal und der japanische Haiku-Dichter Yamaguchi Seison waren zu Gast in der Kultbar.


Bierausschank bei Mutter Maenz

In den 1920er-Jahren säumten zahlreiche bekannte Adressen wie auch das Lokal der legendären Mutter Maenz die Augsburger Straße. Foto: Imago/Arkivi

„Man saß unbequem, man konnte überhaupt nicht sitzen“ schreibt der Regisseur Ernst Lubitsch – nicht als Kritik gemeint – über Maenz’ Bierhaus: So überfüllt war das Lokal gegenüber vom Kakadu. Auch hier trafen sich ab 1918 Literat:innen, Film- und Theaterleute. Die Wirtin Änne Maenz und der Kellner Adalbert „Papa Duff“ Duffner bedienten neben Lubitsch Gäste wie Bertolt Brecht, Ernst Rowohlt und die Sängerin Fritzi Massary.


Glamour im Hotel Eden

In der Dach-Etage des Hotel Eden können die Gäste Minigolf spielen – in einer Zeit, in der Minigolf noch keine übliche Freizeitbeschäftigung war. Foto: Bundesarchiv/Wiki Commons/CC BY-SA 3.0 de

Diejenigen, die den Durchbruch geschafft hatten und mit ihrer Kunst das große Geld machten, konnten die 1920er-Jahre im Luxushotel Eden genießen. In der Bar gingen Heinrich Mann, Gustaf Gründgens und Marlene Dietrich ein und aus, und auch der Schriftsteller Jakob Wassermann war Stammgast. Nach den Premieren der UFA kamen die Promis zu rauschenden Feiern ins Hotel Eden. Ein Highlight: die Minigolf-Anlage auf dem Dach – eine der ersten ihrer Art.

Heute erinnert an das im Zweiten Weltkrieg zerstörte Hotel nur noch eine Gedenktafel am Olof-Palme-Platz vor dem Elefantentor des Berliner Zoos – allerdings nicht in Gedenken an den Rausch der sogenannten Goldenen 1920er-Jahre: Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht wurden im Hotel verhört und zusammengeschlagen, bevor sie ermordet wurden.


Eldorado: Queer in den 1920er-Jahren

„Hier ist’s richtig“ lädt das Eldorado die Feierwütigen der 1920er-Jahre ein. Foto: Bundesarchiv/Wiki Commons/CC-BY-SA 3.0

Das Eldorado an der Lutherstraße war vor allem als Treffpunkt für die frühe Queer-Community bekannt. Auch renommierte Berliner Künstler:innen feierten im legendären Tanzlokal: Marlene Dietrich und ihr Mann Rudolf Sieber, die Sängerin Claire Waldoff oder der Schriftsteller Egon Erwin Kisch – bald zog das Eldorado europaweit Tourist:innen an, bis es im Zuge der Machtergreifung der Nazis schließen musste.

Die berühmt-berüchtigte Bar ist Motiv vieler Kunstschaffender geworden: Otto Dix zum Beispiel zeigt auf seinem Großstadt-Triptychon den goldenen Rausch der 1920er-Jahre im Eldorado – und die nicht ganz so goldenen Kehrseite der Medaille: Prostituierte und Invaliden in Armut.


Restaurant Schlichter: Kultur durch Kontakte

1917 eröffnete Max Schlichter sein Restaurant an der Marburger Straße – sein Bruder, der Maler, Rudolf Schlichter, holte künstlerische Kundschaft in das Lokal. Schon bald machten Bertolt Brecht, der Maler George Grosz und der Schriftsteller Carl Einstein das Restaurant zum Treffpunkt der Szene.

Die Kontakte in die Kunstwelt lockten die Gäste zwar in das Restaurant, aber Walter Gabriels Kochkunst ließ sie zu Stammkunden werden: Claire Waldoff schwärmte noch 30 Jahre später von der Zeit im Schlichter.


Die Marburger Straße zwischen 1897 und 1908. Später gingen hier im Schlichter und Mutzbauer Kunstschaffende ein und aus. Foto: Landesarchiv Berlin/Fotograf: unbekannt/wikimedia commons/wahrscheinlich gemeinfrei

Österreichische Kundschaft und Küche im Mutzbauer

In den 1920er-Jahren war die Marburger Straße Ort künstlerischen und offen homosexuellen Lebens. Neben dem Restaurant Schlichter und zwei lesbischen Clubs war das Mutzbauer vor allem für Theaterleute ein beliebtes Lokal. Die österreichische Küche war sehr gut und nicht zu teuer – österreichstämmige Künstler:innen wie Billy Wilder, Elisabeth Bergener und Fritz Lang fühlten sich in der wienerischen Atmosphäre besonders wohl. Aber auch die Schriftsteller Carl Zuckmayer undd Klabund sowie zahlreiche Film- und Theaterleute verkehrten in dem entspannenden Restaurant.


Josty: Ein traditionsreiches Touri-Restaurant

Das damalige Café Josty am Potsdamer Platz wurde im Zweiten Weltkrieg zerstört. Foto: Imago/Arkivi

„Ihr Götter des Olymps, wie würde ich euch euer Ambrosia verleiden, wenn ich die Süßigkeiten beschriebe, die dort aufgeschichtet stehen“, schwärmte 1822 Heinrich Heine über das Café Josty am Potsdamer Platz. Das Café konnte sich nicht nur mit seiner langjährigen Tradition rühmen – die Gebrüder Josty boten schon ab 1792 ihren Kaffee an –, sondern auch mit seiner prominenten Kundschaft: Neben Heine waren auch Joseph von Eichendorff, die Gebrüder Grimm und dann Theodor Fontane und Adolph Menzel im Café zu Gast. Erich Kästner schrieb sein Kinderbuch „Emil und die Detektive“ an einem der Tische, und das Café Josty hat es sogar als Spielort in den Roman geschafft. Weitere Kinder- und Jugendbücher, die in Berlin spielen, findet ihr hier.

Das traditionsreiche Josty öffnete noch einmal im Sony-Center, ist aber inzwischen auch geschlossen. Foto: Imago/Joko

Im Zweiten Weltkrieg wurde das Gebäude zwar zerstört, später lud das Josty im Sony-Center wieder zu guter Küche ein: Die Tische füllten inzwischen hauptsächlich Touristen – aber einmal im Jahr zur Berlinale tummelten sich dann doch wieder zahlreiche Schauspieler:innen in dem Restaurant nahe des Potsdamer Platzes.


Vom Café des Westens zum Kranzler-Eck

Nachdem das Café des Westens 1920 schloss, bezog das Kabarett Größenwahn für zwei Jahre die ehemaligen Café-Räume. 1932 eröffnete das Café Kranzler seine Filiale hier. Nach der Zerstörung im Zweiten Weltkrieg baute der Architekt Paul Schwebe das neue Café Kranzler. Foto: Imago/Hanke

„Café Größenwahn“ schimpften Kritiker das Café des Westens, das zu Beginn des 20. Jahrhundert zum kulturellen Treffpunkt wurde. Es bildeten sich Kreise um den Maler Max Liebermann, Literaten wie Alfred Kerr und den Komponisten Max Reinhardt. Größenwahnsinn oder tatsächlich wahnsinnig großartig? Im Café des Westens kamen Ideen für heute weitbekannte Werke wie die „Dreigroschenoper“ zustande. Auch emanzipierte Frauen trafen sich hier und zeigten sich im neuesten modischen Chic. Heute befindet sich an der Stelle das Kranzler-Eck, in dem inzwischen eine Filiale der Café-Kette The Barn eröffnet hat. Schick, mutig, modern: Frauen in Berlin der 1920er-Jahre.

  • The Barn im Café Kranzler, Kurfürstendamm 18, Charlottenburg, tgl. 11-18 Uhr, thebarn.de

Picheln im Bundeseck

Wo sich in der Bundesallee 75 heute die Lobby des Hotels Klee befindet, tranken und diskutierten in den 1960er- und 1970er-Jahren Schriftsteller wie Günter Grass und Max Frisch im Bundeseck. Auch Erich Kästner und Kurt Tucholsky haben in Friedenau gewohnt. Foto: Imago/Schöning

In Friedenau, dem Literaturkiez der 1960er- und 1970er-Jahre, lebten viele Schriftsteller, die sich bis spät in die Nacht im Bundeseck zum Literaturpalaver, aber vor allem auch Zechen trafen. Dazu gehörten unter anderen Günter Grass und Max Frisch. Bei so einer Nacht hat sich hier wohl auch der „ARSCH“ gegründet: ein ironischer Name für den Arbeitskreis Revolutionärer Schriftsteller. Wo früher der Treffpunkt der Literaten war, können die Gäste des Klee-Hotels heute ihr Frühstück genießen.

  • Klee-Hotel Bundesallee 75, Schöneberg, online

Theater-Stammtische im Diener Tattersall

Im ehemaligen Pferdebetrieb hängen heute Porträts zahlreicher Promis an den Wänden. Foto: Kai von Kotze

Von den Wänden im Diener Tattersall schauen neben Billy Wilder, Ulla Meinecke und Helmut Newton inzwischen mehr als 500 Prominente auf die Gäste an den Tischen herab – und hin und wieder schauen auch Prominente zu den Porträts hinauf. Das mehr als 100 Jahre alte Lokal ist seit der Nachkriegszeit Treffpunkt für Kunstschaffende, Sportler:innen und Journalist:innen. Hier gebe es drei Stammtische, erzählt Lars Eidinger, als er uns „seinen“ Ku’damm vorstellt: einen für die Komödie am Ku’damm, einen für das Schillertheater und einen für die Schaubühne. Dort würden sich die Kollegen über ihre Premieren unterhalten, oft mit einem schadenfrohen Spruch, wenn es mal nicht so gut lief.

Der Name Diener Tattersall ist auf den Boxer Franz Diener zurückzuführen, der das Restaurant 1954 übernahm. Davor gehörte es zum Tattersall, einem Reitbetrieb in den S-Bahn-Bögen.

  • Diener Tattersall Grolmanstraße 47, Charlottenburg, Mo-Sa ab 18 Uhr, diener-berlin.de

Kunst an den Wänden der Paris Bar

Die Kunstszene genießt gehobene französische Küche in der Paris Bar in Charlottenburg. Foto: Imago/Stefan Zeitz

Dicht mit Bildern behangene Wände, Bistro-Tische und Korbstühle auf schwarz-weiß-gekacheltem Boden: Auf der Kantstraße findet man Flair und Cuisine à la Parisienne. In der Paris Bar trifft sich die Berliner Kunst- und Filmszene, besonders während des Gallery Weekends und der Berlin Art Week gehen Künster:innen, Sammelnde und Galerist:innen hier ein und aus. Die legendäre Bar, in der selbst David Bowie schon gespeist hat, wird sogar von einem Künstler betrieben: Michel Würthle, ein echtes Unikat, zeichnet, malt und schreibt selbst.

  • Paris Bar Kantstraße 152, Charlottenburg, tgl. ab 12 Uhr, parisbar.net

Mehr erfahren

Es war eine besondere Zeit: 1920er-Jahre in Berlin: 12 Fakten aus dem beliebtesten Reiseführer der Ära. Auch hier hat man einiges gesehen: Diese 12 alten Berliner Kneipen schenken seit mehr als 100 Jahren aus. Hunger nach all den Diskussionen: Schicke bis bodenständige Restaurants in Charlottenburg.

Berlin am besten erleben
Dein wöchentlicher Newsletter für Kultur, Genuss und Stadtleben
Newsletter preview on iPad