Kultur

Kuschelparty im Test

Kuschelparty im Test

Ich brauche einen Drink. Dringend. Was Starkes. Einen Shot. Jetzt, sofort. Gegen dieses überwältigende Gefühl von Befremd­lichkeit. Oder eine heiße Dusche. Damit der Schweiß und der Geruch fremder Menschen nicht länger an meinem Körper kleben. Als ich aus meiner Introspektion erwache und in die Runde schaue, fühle ich mich noch schlechter. Mit zuversichtlichen Blicken und gelassenen Gemütern schlendern die Teilnehmer durch den Raum im Wamos, einem „Zentrum für ganzheitliche Lebensführung“ an der Hasenheide, und umarmen jeden herzlich, der ihnen über den Weg läuft.
Alle scheinen sich auf die Anweisungen der Kuschelparty-Leiterin Rosi Döbner pro­blemlos einlassen zu können. Freudig fiebern sie dem Höhepunkt des „Wohlfühl-Kuschel­abends“ entgegen, der Gruppenkuschelphase. Nur ich schleiche irritiert zwischen den Leuten hindurch. „Und jetzt legen sich bitte ein paar Freiwillige auf die Matratzen und verbinden sich die Augen“, verkündet Döbner. Ich spüre, wie mein Flucht­instinkt immer stärker wird.
„Frauen sagen mir oft, dass die Kuschelpartys für sie ein wichtiges Übungsfeld sind. Sie lernen hier, zu kommunizieren, was sie wollen und was nicht“, erzählt mir Döbner später. Viele wüssten zu Beginn gar nicht, welche Berührung ihnen guttue. Deshalb sei der erste Schritt, sich selbst zu spüren und die eigenen Bedürfnisse zu erkennen.
Welch trauriger Anlass eine solche Ku­schel­party doch ist, denke ich bei mir. Denn aus Döbners Berichten ziehe ich den Schluss, dass viele Teilnehmer offensichtlich in ihrem Leben so wenig Nähe verspüren, dass sie darauf angewiesen sind, sich diese von außen zu holen.
Professor Uwe Gieler, Experte für psycho­somatische Dermatologie an der Universität Gießen, erklärt dazu: „Es gibt hierzu zwar noch keine Studien, ich kann mir jedoch nicht vorstellen, dass bei einer Kuschelparty genauso viel des Wohlfühlhormons Oxytocin ausgeschüttet wird.“Auch die Produktion des Stresshormons Cortisol nehme vermutlich weniger drastisch ab, wodurch der Entspannungseffekt geringer ausfalle. Trotz allem lehnt Gieler Kuschelpartys keineswegs ab. „Sie sind eine Möglichkeit, sich auf eine einfache und nicht sexualisierende Art Berührung zuzuführen, die bei positiver Einstellung sicher auch effektiv ist. Ob sie für Menschen mit Einsamkeit wirklich wirken, möchte ich bezweifeln, weil hier mehr dazugehört, als ritualisiert berührt zu werden.“
Rosi Döbner kennt diese Skepsis nur zu gut. „Man kann das nur beurteilen, wenn man es selbst ausprobiert hat. Dann wird man merken, dass es keine Rolle spielt, ob man den Menschen nun kennt oder nicht. Die Berührung tut einfach gut.“
Das kann ja sein. Aber als Döbner die Gruppenkuschelphase einleitet und die Teilnehmer anfangen, sich auf dem Ma­tratzen­lager zu verknoten, ziehe ich mich zurück. Unmöglich kann ich mich auf diese Nähe einlassen. Alle anderen scheinen dieses Fremdeln nicht zu kennen. Wie in Trance grapschen sie um sich, streicheln und massieren, was ihnen in den Weg kommt.
„Ich fühle mich genährt“, sagt eine Frau hinterher in der Abschieds­runde. „Meine Batterie ist aufgeladen mit menschlicher Wärme“, sagt ein Zweiter. „Ich habe Krebs und bin in den letzten Monaten nur von Pflegern und Ärzten berührt worden“, erzählt eine Dritte. „Nun gehe ich reich beschenkt nach Hause.“ Plötzlich wünschte ich, ich könnte mich auch so darauf einlassen.

Text: Henrike Möller

Foto: Dirk Laessig

Weitere Informationen unter www.die-kuschelparty.de

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