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Videokunst

Lawrence Abu Hamdan in der daad Galerie

Echokammern: Die größte Überraschung unter den Art-Week-Eröffnungen: Lawrence Abu Hamdan zeigt in „Walled Unwalled“, wie Wände zu Waffen und Klänge zu Beweismitteln werden

Foto: Jens Ziehe / Courtesy Berliner Künstlerprogramm des DAAD and Lawrence Abu Hamdan

Dumpf dröhnende Schläge erschüttern Wände und Böden. Sie richten sich nicht nur gegen die Körper der Folteropfer, sie erreichen im Saidnaya Gefängnis in Syrien auch bewusst die Menschen, die dort auf ihre Verhöre warten. Trakt für Trakt, Zelle für Zelle. Insgesamt 13.000 Menschen wurden in diesem Militärkomplex laut Amnesty International seit 2011 ermordet. Dass sie zuvor die menschenverachtenden Vorgänge um sie herum hören mussten, ist kein Zufall, das ist „by design“, wie der Beiruter Künstler Lawrence Abu Hamdan sagt und belegt. Es hat mit der speziellen Architektur ebenso zu tun wie mit der Beschaffenheit der Wände, mit Schallreflexion sowie einer ausgeklügelten Luftzirkulation, die teilweise weit entfernte Geräusche wie nebenan erscheinen lässt.

Aufgenommen hat Abu Hamdan seine aktuelle Arbeit dazu, das gut 20-minütige Video „Walled Unwalled“, in den Tonstudios des ehemaligen Funkhauses der DDR in der Nalepastraße, was neben der perfekten Kulisse und der tonalen Möglichkeiten auch deshalb interessant ist, da diese Anlagen in entfernten Gegenden ironischerweise nur die „Mercedesse unter den Gefängnissen“ heißen. Diese Art, Menschen durch Geräusche zu zermürben, wurde in der DDR perfektioniert und dann weltweit exportiert.

Dieser syrische Abschnitt ist sicher der am schwersten zu ertragende Part von Abu Hamdans mehrteiliger Videoarbeit, die gerade in der daad Galerie zu sehen ist. Allerdings machen auch die anderen Aspekte von „Walled Unwalled“, wie Hamdans Schallanalysen zum Mordprozess Oscar Pistorius, die eher im Bereich häuslicher Gewalt anzusiedeln sind, trotz oder gerade wegen des unaussprechlichen Schreckens diese Arbeit zu einem Kunstwerk, dem man sich nur sehr schwer entziehen kann.

Dass das so ist, hat mit den verschiedenen Ebenen zu tun, die Hamdan einzieht, und mit denen er reine Soundphänomene visualisieren kann. Modernste Technik wie Echo-Profiling und 3D-Modelling machen Schall sichtbar und unterstützen den mit ruhiger Stimme vorgetragenen Text, in dem er neutral über Wände, Räume, Mauern und ihre Nutzung für Überwachung, Gewalt oder Propaganda referiert.

Abu Hamdam ist auch als Klangexperte für das Institut für forensische Architektur (Goldsmith College, London) tätig, einer unabhängigen Institution, die unter anderem Tatszenarien für den NSU-Prozess rekonstruiert hat. Seine Arbeit und die der „Forensic Architects“ ist zwingend wichtig, gerade in einer immer weniger an wissenschaftlichen Fakten interessiert zu scheinenden Welt – aber auch, weil staatliche Organisationen gleichgültig arbeiten oder gar vertuschen.

Anders gesagt: Wer nach dem Hören und Sehen der Sound-Rekonstruktion in der daad Galerie immer noch glaubt, Oscar Pistorius habe seine um ihr Leben schreiende Freundin hinter der geschlossenen Badezimmer nicht hören können, wird auch immer noch glauben, der Verfassungsschutzmitarbeiter Andreas Temme habe in einem Internetcafé in Kassel nicht hören können, wie das NSU-Opfer Halit Yozgat 2006 im Nebenraum erschossen wurde, auch wenn das Team der forensischen Architekten vor Gericht und als Installationen auf der documenta 14, unter Mithilfe des Berliner HKW, das Gegenteil bewiesen hat.

Lawrence Abu Hamdan: Walled Unwalled in der daad Galerie, Oranienstr. 161, Kreuzberg, Di–So 12–19 Uhr, bis 18.11., Eintritt frei

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