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Lea-Maria Brinkschulte kommentiert

Lea-Maria Brinkschulte

Gehören Sie auch zu dieser seltenen Spezies von sportorientierten Vielschwimmern, die dazu noch vollzeit-berufstätige Geringverdiener sind und das 27.­ Lebensjahr bedauernswerterweise bereits abgeschlossen haben? Dann herzlich willkommen im exklusiven Club! Den Berliner Bäderbetrieben zufolge sind wir so wenige, dass für uns die Randzeiten des Tages ausreichen. Mit dem „Kurzzeittarif“ erhalten wir 65 Minuten Aufenthalt im Bad für 3,50 Euro, sehr früh morgens oder spät abends. Die früher tageszeitunabhängigen Ein-Stunden-Tickets wurden kurzerhand aus der Tarifsatzung gestrichen. Die ernst gemeinte Begründung: „Das macht es für viele Kundinnen und Kunden angenehmer zu baden, weil sie nicht ständig auf die Uhr schauen müssen.“ Stimmt, dieses lästige Auf-die-Uhr-Schauen bringt einen natürlich aus dem Kraulrhythmus! Mit der zum Jahresanfang als „Tarifreform“ betitelten Preiserhöhung erhebt der größte Bäderbetrieb Europas in einer der ärmsten Städte Deutschlands horrende Eintrittspreise. Selbst in München schwimmt man günstiger! Fraglich, wer die Zeit hat, so lange zu planschen, bis sich der Preis von bis zu 7,50 Euro rentiert. Um den Anschein zu erwecken, dass man faire Ausgleichangebote für die teuren Tickets geschaffen habe, rühmt man den „Basistarif“, der für 3,50 Euro in den Standardhallen für alle Kunden gelten soll – nur werktags von 10 bis 15 Uhr. Kein realistisches Angebot für die zu Bürozeiten arbeitende Bevölkerung. Zumal am Wochenende 18 von den derzeit betriebenen 25 Standardhallen geschlossen haben und keiner der beiden Ermäßigungstarife gilt. Ausgerechnet an den Tagen, die sich die meisten frei einteilen können! Aufgrund der durch Personalmangel stark eingeschränkten Öffnungszeiten kann man den Basistarif ohnehin durchschnittlich nur etwas mehr als zwei Stunden pro Bad täglich nutzen, statt – wie in der Theorie veranschlagt – fünf Stunden. Auf der Suche nach einem Bad mit in den Alltag passenden Öffnungszeiten fährt man quer durch die Stadt, was die Idee der Bezirksbäder ad absurdum führt. Der aktuelle Bäderchef Ole Bested Hensing war früher Geschäftsführer im Tropical Island – damit ist auch klar, in welche Richtung er will. Weg vom Fliesenimage, hin zum Spaßbaden für alle. Der Traum vom lukrativen Badegeschäft erfüllt sich aber wohl erst, wenn die Kunden das Haushaltsdefizit von 2,5 Millionen Euro, das weder Senat noch Betrieb begleichen können, ausgebadet haben. Bis es so weit ist, müssen noch viele Jahreskarten zum stolzen Preis von 539 Euro verkauft werden. An die vermeintliche Randgruppe der Vielschwimmer.

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