Kultur

Lernen anderswo

Lernen anderswo

Vier Monate Reisen. Ins ferne Asien. Ein Trip durch Thailand, Burma und Indien. Und das mit der gesamten vierköpfigen Familie. Alexandra Frohe* hat sich diesen Wunsch vor zwei Jahren erfüllt. Die Planung für eine so umfangreiche Reise ist aber alles andere als einfach. Schon im Vorfeld tauchte eine Kernfrage auf: Kann man seine Kinder für einen temporären Zeitraum so einfach von der gesetzlichen Schulpflicht befreien?
Der Blick auf die Bestimmungen des Gesetzgebers ist erst einmal ernüchternd. Bei der Senatsverwaltung für Bildung, Jugend und Wissenschaft heißt es dazu sachlich: Eine „Herausnahme“ aus der Schule ist nicht vorgesehen. Eltern können aber einen Antrag auf Beurlaubung von der Schulbesuchspflicht stellen. Die Beurlaubung kann erteilt werden, wenn ein wichtiger Grund vorliegt. Letztendlich entscheidet die Schulleitung, ob das Kind freigestellt wird.
Alexandra Frohe war umso überraschter, wie unbürokratisch ihr Antrag auf Beurlaubung ihrer Kinder Anton und Lorenz vonstattenging. „Lorenz ging zu dieser Zeit auf eine Montessori-Schule. Da gab es keine Bedenken seitens der Schulleitung. Anton, damals in der sechsten Klasse, besuchte eine staatliche Grundschule. Auch hier erwies sich der Antragsweg kürzer als gedacht. „Wir haben der Schulleitung in einem formlosen Anschreiben erklärt, warum wir diese Reise unternehmen wollten.“ Es sollte nämlich kein Urlaub unter Palmen sein. „Ich wollte meine Kinder selber unterrichten“, sagt Frohe, „und den Schulstoff mit den Eindrücken der Reise verbinden.“
Dieser Ansatz überzeugte die Schulleitung. Vier Stunden täglich büffelte sie mit ihren Kindern den nötigen Grundschulstoff. „Das war relativ überschaubar. In der Gymnasialstufe wäre das sicher anders“, resümiert sie. Für Anton organisierten sie sogar einen Kurzbesuch in einer indischen Schule. „Diese Reise hat unsere Familie enger zusammengeschweißt. Ich habe einen realistischen Blick auf das bekommen, was meine Kinder können und was nicht.“
Nikolas Kiesler* hat das ganz ähnlich erlebt, auch wenn es für seine Familie aus beruflichen Gründen gleich für ein Jahr nach Boston ging. „Für die Leitung des Gymnasiums in Steglitz war das überhaupt kein Problem.“ Der Wissenschaftsjournalist meldete seine Kinder zum Jahresende ab und in Boston, nach einiger Suche, auf einer deutsch-internationalen Schule an. Zurück in Berlin kehrten seine Kinder in ihre Klassen zurück. „Der bürokratische Aufwand war erstaunlich gering“, sagt Kiesler, nur um hinzuzufügen: „Aber in der Summe ist ein Umzug mit drei Kindern schon ein ziemlicher Kraftakt. Für sie war der Auslandsaufenthalt die beste Zeit, die sie haben konnten.“ Der äußere Blick auf die eigene Kultur und der in eine andere Kultur war eindrücklich. „Sie haben andere Lebensmodelle kennengelernt und aus der Notwendigkeit heraus eine andere Sprache erlernt.“ Kiesler lacht, als er das erzählt. Denn der Englischunterricht war nach ihrer Rückkehr erst einmal ziemlich langweilig.?

* Name von der Redaktion geändert

Text: Martin Daßinnies

Foto: Iakov Filimonov / JackF / Fotolia

Mehr über Cookies erfahren