Kultur

Lernen aus zweiter Hand

Lernen aus zweiter Hand

„Terra Geografie 7/8“ oder „Faktor 9. Mathematik für die Sekundarstufe I“: Wenn am 31. August das neue Schuljahr beginnt, sollten die Einkaufs­listen für die neuen Schulbücher, die vor dem Sommerferien­beginn ausgegeben wurden, abgearbeitet sein und sich die Deutsch-, Bio- oder Geschichts­bücher im Ranzen befinden. Zwar haben viele Berliner Schulen Lern­mittel­fonds organisiert – dabei werden gegen einen elterlichen Pauschalbetrag Sammel­bestellungen für Schulbücher aufgegeben und diese zusammen mit bereits gebrauchten Exemplaren an die Schüler verliehen. Wo dies aber nicht geschieht, stehen die Eltern in Sachen Buchbeschaffung in der Verantwortung.

Vor allem für naturwissenschaftliche Bücher muss man dabei oft tief ins Porte­monnaie greifen. Auch wenn der Senat, so Norman Heise, Vorsitzender des Landes­eltern­aus­schusses, nach Abschaffung der Lern­mittel­freiheit vor zwölf Jahren Aus­gaben­höchst­grenzen festgesetzt hat. Bis zur zweiten Klasse sind es derzeit maximal 80, ab der dritten maximal 100 Euro, die von den Schulen je Kind und Jahr für Schulbücher veranschlagt werden dürfen. Hartz-IV-Empfänger bekommen Schulbücher zudem auf Antrag gestellt. Bei den Selbstzahlern jedoch, vor allem denen mit mehreren Schulkindern, addieren sich zum Schulanfang die Ausgaben. Umso ärgerlicher, dass die Bücher nach Ablauf des Schuljahrs oft ungenutzt im Regal liegen bleiben.

Für Michael Baer und Paul Kuhlich, die bei der Abschaffung der Lernmittelfreiheit in Berlin 2003 gerade das Abi in der Tasche hatten, war dieses Dilemma Auslöser für eine Geschäfts­idee: Auf ihrer Webseite www.schulbuch-markt.de können Anbieter und Käufer ­gebrauchte Schulbücher gezielt über ISBN-Nummern handeln. Noch bequemer ist der Kauf in Onlineshops für Gebrauchtmedien, wie dem 2006 von dem Berliner Christian Wegner aus der Taufe gehobenen www.medimops.de, wo man, so eine Sprecherin, in den letzten Jahren eine zunehmende Nachfrage nach Secondhand-Schulbüchern beobachtet hat. Hinzugesellt haben sich aber auch die marktbeherrschenden Online-Buchhändler, die nun ebenfalls Gebraucht­medien anbieten. Beim Schulbuchkauf beträgt die Ersparnis etwa ein Drittel des Neupreises. Noch günstiger wird die Gebrauchtlektüre oft in Kleinanzeigen-Portalen gehandelt. Allerdings ist das aufwendiger und fehler­anfälliger: Die Verständigung über den Zustand der Bücher oder die unterschiedlichen Ausgaben bestimmter Titel für einzelne Bundesländer ist unter Privatleuten nicht immer eindeutig.

Nicht wenige Buchtitel aber sind derzeit gebraucht nicht zu finden. Laut Nico Enger vom Berliner Cornelsen-Verlag, einem der großen Schulbuch-Verlage, liegt dies an der aktuell erfolgten Überarbeitung vieler Titel: Es gilt, der erkannten und gewollten Heterogenität in den Schulklassen – Stichwörter: Inklusion und Migrationsgesellschaft – auch in den Schulbüchern gerecht zu werden. Ging man einst davon aus, dass die Kinder einer Klasse im gleichen Rhythmus und mit gleicher Intensität zu lernen haben, so sollen die Bücher nun auch individueller nutzbar sein.
Am Neukauf führt mitunter also kein Weg vorbei. Macht nichts. In Umlauf bringen kann man die Bücher dann ja später: Etwa nächstes Jahr zur gleichen Zeit, wenn das Schuljahr 2016/2017 beginnt.

Foto: Lena Ganssmann

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