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David Foster Wallace\ „Unendlicher Spaß“ im Literarischen Colloquium Berlin

David Foster Wallace
Als Kurt Tucholsky 1927 versuchte, seinen Lesern „Ulysses“ von James Joyce vorzustellen, begann er: „Wenn 1585 Seiten auf einen heruntergedonnert kommen, dann darf man wohl zunächst eine Weile verdutzt schweigen“, um abschließend legendär zu urteilen: „Liebigs Fleischextrakt. Man kann es nicht essen. Aber es werden noch viele Suppen damit zubereitet werden.“
„Unendlicher Spaß hat 1410 Seiten und 134 Seiten, auf denen sich 388 Anmerkungen und Er­rata befinden. Das ist ein fetter Bro­cken, den der amerikanische Autor seinen Lesern vorgeworfen hat, der sich, um in seinem Jargon zu bleiben, 2008 „seine Karte umdekoriert hat“. Für die vorzügliche, poe­tische Übersetzung brauchte Ulrich Blumenbach volle sechs Jahre.
Sie haben sich gelohnt. Zwar hat der Autor offensichtlich kein Maggi in sich reingezogen, aber die Triebfeder seiner Protagonis­ten ist die Sucht, die, auf die Spitze getrieben, tödlich enden kann. Bei einigen ist es die klassische Drogenkarriere, bei anderen erfährt man viel über die Sucht, erfolgreich sein zu wollen oder auch zu müssen. Im Wesentlichen aber lernt man eine Menge über Amerika, und selbstverständlich auch über westeuropäische Gesellschaften, Menschen, die sich vor den Fernseher setzen, den Computer, oder, wie Wallace meint, den „Teleputer“, die Fortsetzung der Verblödungsindustrie mit anderen Mitteln. Sein Blick in die
Zukunft enthält im Übrigen eine Szenerie, die durchaus beeindru­ckend ist. Die Fortsetzung des Handys, der Erreichbarkeit immer und überall, folgt das Videohandy, das einen immer und überall beim Telefonieren zeigt. Großartig.
Aber der Autor zeigt auch, dass das eine Entwicklung ist, auf die die meisten bald wieder verzichten. Es ist ja schließlich so: Wer will sich schon beim Heucheln zusehen lassen. Die Stimme suggeriert ungeteilte Aufmerksamkeit, das Bild aber zeigt, wie man gähnt, sich in der Nase oder in anderen Körperöffnungen bohrt. Nur dem Prekariat, glaubt der Autor, ist das egal. Der technische Fortschritt muss genutzt werden, gleichgültig, ob man sich dabei lächerlich macht oder nicht, wie bei der Benutzung von Handys ja hinreichend zu sehen und zu hören ist. Vielleicht ist der Roman aber tatsächlich auch ein kleines Tröpfchen Liebigs Fleischextrakt, garniert mit allerlei Drogen, Gewaltfantasien, Kriminalität, Staatsdienern und jeder Menge armen Schweinen, die nicht wissen, wie man überleben soll.

Text: Qpferdach / Foto: Marion Ettlinger

tip-Bewertung: Lesenswert

David Foster Wallace: „Unendlicher Spaß“
aus dem Amerikanischen von Ulrich Blumenbach, Kiepenheuer & Witsch, 39,95 Ђ
Lesung „Unendlicher Spaß“ von David Foster Wallace und „2666“ von Roberto Bolaсo, die Übersetzer Ulrich Blumenbach und Christian Hansen in Lesung und Gespräch mit Ijoma Mangold und Tobias Rapp
Literarisches Colloquium Berlin, Am Sandwerder 5, Zehlendorf, Mo 23.11., 20 Uhr, Eintritt: 6/4 Ђ

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