Schillernde Schmerzprosa: Ronja von Rönne erzählt von Lebenslügen

Ronja von Rönne macht ernst. Und dieser Ernst steht ihr richtig gut.
Es ist ja nicht so, dass die Bücher der Schriftstellerin, Moderatorin und Journalistin bislang reinen Frohsinn offeriert hätten, vom rotzigen Debütroman „Wir kommen“ (2016) über die liebenswert lebensmüde Roadnovel „Ende in Sicht“ (2022) bis zum Essay „Trotz“ (2023). Aber irgendwo haute sie oft dann eine mitunter auch nur so halbsubtile Kracherpointe rein. Ein bisschen Licht.
Ihr neues Buch „Alles Liebe“ beeindruckt dagegen mit intensiven, sensiblen, abgrundtiefen Charakterstudien um Lügen und Selbstbetrug, Hochstaplerei und Projektionen. Es ist eine Sammlung von fünf lose verknüpften Storys über schwer malade Freundschafts- oder Paarkonstellationen.
Ronja von Rönnes seismografische Präzision
Da ist Barbara, die sich als Kind in fremde Welten träumte und es nun nicht fertigbringt, von der Selbsthilfegruppe für Eltern schwerkranker Kinder am Mittwoch in die für Angehörige verstorbener Kinder am Donnerstag zu wechseln, während sie sich eine Romanze mit einemKatalog-Model imaginiert. Oder Heike, die mit ihrem Norbert ins Haus der herrischen Schwiegermutter gezogen ist und nach 30 mürben Ehejahren einem fernen Gartenblogger verfällt. Oder auch Mattis, der in einem Lokalblatt arbeitet und seiner Überflieger-Kollegin Laura ein zusammengelogenes Leben nachweisen will.
Ronja von Rönne breitet ihre Geschichten mit seismografischer Präzision aus, in einer intelligent getakteten, düster schillernden Prosa, die viele Wege tief ins Schmerzzentrum kennt. Und jeder Satz ein Wirkungstreffer.
Ronja von Rönne: „Alles Liebe“ dtv, 240 S., 23 € ab 2.7.
Buchpremiere Babylon, Rosa-Luxemburg-Str. 30, Mitte, Mi 1.7., 19.30 Uhr, 18 €
