Briefwechsel über Grenzen: Neuer Band des Projekts „Weiter schreiben“

Text: Laura-Jane Walzel
Zunächst flohen die Familien aus den Dörfern in die Berge und ließen sich in Höhlen nieder. Später wählten einige, so wie wir, den Weg der Migration. Als wir gingen, war ich neun Jahre alt.“ Das schreibt der afghanische Dichter und Schriftsteller Zia Qasemi an Ali Abdollahi, der, im Iran geboren, heute als Dichter, Übersetzer und Literaturkritiker in Berlin lebt.
Es ist einer von vielen bewegenden Briefwechseln des Berliner Tandem-Projektes „Weiter Schreiben“, in denen sich seit 2017 renommierte deutschsprachige Autor:innen wie Judith Hermann, Katerina Poladjan oder Mithu Sanyal mit Schriftsteller:innen im Exil austauschen. Über Kindheiten im Schatten des Krieges und Erinnerungen an die verlorene Heimat. Über eine dramatische Flucht aus Kabul oder die Ruinen Tbilissis. Einige dieser Briefwechsel sind nun in einem Band gesammelt erschienen, herausgegeben von Annika Reich und Mirjam Wittig: „Wenn ich deine Worte lese, finde ich den Weg zurück nach Hause“.
Die Briefform schafft hier eine ganz eigene Dramaturgie: Zunächst liest man hier Fremde, die dann nach und nach Intimität aufbauen – durch kulturellen Austausch voller Sensibilität und Verständnis füreinander. So schreibt die belarusische, heute in München lebenden Autorin Sabina Brilo an die eritreische Lyrikerin Yirgalem Fisseha Mebrahtu: „Beim Lesen konnte ich die Tränen nicht zurückhalten. Es gibt so viel Gemeinsames in unseren Schicksalen (…).“
Diese Texte wirken wie Momentaufnahmen einer fragilen Gegenwart, in der die Sprache Halt gibt und Verbindung schafft. Und nichts ist doch wichtiger, als weiter zu schreiben.