Weltschmerz und Selbstjustiz: Franziska Gänslers dritter Roman

Über einen Nebenjob geraten die zwei jugendlichen Freundinnen Cora und Olympia in das Haus des „Elsons“. Wie sich herausstellt, ist der nicht nur ein verwitweter Mann, dessen Garten in seiner Abwesenheit Pflege braucht, sondern jemand, der eine Art Untergrund-Selbstversorger-Netzwerk aufbaut – für den Fall des „Kipppunkts“, zum Beispiel eines Klimakollapses. Cora besucht weiterhin eine Elite-Schule, während Olympia sich immer mehr in die Gemeinschaft des Elsons eingliedert. Und es eskaliert.
Pointiert erzählt die in Berlin und Augsburg beheimatete Autorin Franziska Gänsler in „Orca“ von Gefühlen im Kleinen: vom jugendlichen Drang, dazuzugehören, von der intensiven Beziehung zwischen Cora und Olympia. Aus der Sicht der hochbegabten Cora analysiert sie zwischenmenschliche Interaktionen schmerzlich ehrlich. Ihre größte Angst ist es, Olympia und den Bezug zum Rest der Aktivistengruppe zu verlieren. Gleichzeitig geht es um die Weltlage, die sich mit den Gefühlen der Teenager vermischt: Hoffnungslosigkeit, Weltschmerz, zunehmende Radikalisierung und die Suche nach ihrer Rolle in der Welt. Und auch um brutale Selbstjustiz.
Die Themen des Romans sind allgegenwärtig – und sowohl die Storyline als auch die Protagonistinnen vielschichtig und nicht immer nur sympathisch. Die Zeit der Corona-Pandemie schwebt über der Geschichte und gibt den Ängsten vor der Zukunft noch einen unangenehmen Beigeschmack aus der Vergangenheit. Kein Feel-Good-Buch auf jeden Fall – und auf der Longlist für den Deutschen Buchpreis.
Franziska Gänsler: „Orca“ Kein & Aber, 368 S., 25 €
