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Dystopischer Roman „Der Gräber“: Hendrik Otremba reißt Berlin ab

Hendrik Otremba findet Licht im zerstörten Berlin des Jahres 2196. Sein neuer, großartiger Roman „Der Gräber“ wird am 25. März in der neuen Lesereihe tipBerlin Literaturkapelle vorgestellt.
Text: Erik Heier
Veröffentlicht am: 18.03.2026
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Hendrik Otremba liest in einem Neuköllner Café.  Foto: © Mak 

Berlin is over. Diedrich Diederichsen hat diesen Greatest Hit of Berlin-Abgesang unlängst wieder neu rausgehauen. Ein Essay zum endgame. Ruinen des Partyruhms.

Diese Bullshitbingo-Phrase war aber selten so passend wie für den neuen, dystopischen, post-apokalyptischen Berlin-Roman von Hendrik Otremba, diesem fast einschüchternd multitalentierten Schriftsteller, Sänger der Band Messer und Bildenden Künstler aus Recklinghausen, der fast auf den Tag genau vor zehn Jahren nach Berlin zog, allerdings der Liebe zu einer Frau wegen, nicht zur Hauptstadt. Diese andere Liebe hat sich dann ergeben, mit stadtpolitisch bedingtem Kopfsprung ins Abklingbecken der Berlin-Gefühle. Eigenbedarfskündigung. Die macht es derzeit für ihn nicht besser.

Wohnungssuche in Berlin. Auch so ein endgame.

In Otrembas viertem Roman „Der Gräber“, gerade beim März Verlag erschienen, ziehen wir mit einem Mann namens Oswalth Kerzenrauch, genannt „Der Gräber“, durch ein zerstörtes Berlin des Jahres 2196.

Von Frohnau ist nur ein Krater übrig. Im U-Bahnhof in der Residenzstraße steht die Todesangst an der Wand, von Fingernägeln in den Beton gekratzt, „Anrufe an tatenlose Götter“. Auf dem Alexanderplatz liegt der Torso des Fernsehturms. Und vom Raumbahnhof auf dem Tempelhofer Feld starten die letzten Aussiedler gen Nektar 2. Zwei Jahre Raumflug. Ohne Wiederkehr.

Schöner Nebeneffekt von Otrembas soghaft intelligenter Post-Anthropozän-Prosa: Das am Winter kapitulierende Berlin 2026 kommt einem plötzlich ganz erträglich vor, während man sich vorsichtig zum Café-Treffpunkt mit dem Autor über krankenkassenrelevante Eisflächen auf Neuköllner Bürgersteigen hinzittert.

Ein Unsterblicher im Berlin zwischen Gegenwart und Weltuntergang

„Der Gräber“ dringt durch die Jahrhunderte zurück bis in unsere Gegenwart, wo der Weltuntergang noch nur eine düstere Variante unter vielen ist. Denn Kerzenrauch ist, Laune des Schicksals, unsterblich. Für immer Anfang 40. Als einziger Mensch. Oswalth überlebt selbst seine eigene Hinrichtung. Und weiß: Irgendwann begräbt er all jene, die er liebt. Auch seine Tochter Luzie.

Ihre Urne hält 2196 den Gräber auf Erden.

Die, die mit ihm aushalten in der Stadt, Versprengte, Verlorene, Verdammte, tanzen in Ruinen, feiern, vögeln, kreuz, quer. Manchmal jagen sie was hoch. Zum Spaß.

Dass Otremba mit seinem tatsächlich ersten Berlin-Roman die Stadt mit Herzblut in Schutt und Asche legt, ist für ihn nur konsequent. Ästhetisch habe er eine große Affinität zum 80er-Jahren-Berlin, sagt er, diesen Abenteuerspielplatz voller Brachen. Hausbesetzungen, Einstürzende Neubauten, no future. „Ich denke unentwegt, die spannendste Zeit Berlins habe ich verpasst“, grübelt Otremba, selbst Jahrgang 1984, was will man da machen.

Eine Konstante in seinem Werk sind die seismischen Tiefenbohrungen, die seine Arbeiten verzahnen. Mit Figuren wie dem Schriftsteller Krekov, der schon in seinem Detektiv-Debüt „Über uns der Schaum“ (2017) auftauchte, dann im Kryonik-Roman „Kachelbads Erbe“ (2019) eingefroren wurde und jetzt wieder auftaut.

Auf seiner Soloplatte „Riskantes Manöver“ (2023) findet sich das Stück „Der Gräber“, auf dem Messer-Album „Kratermusik“ (2024) heißen Songs „Oswalth (1 2 3 4)“ und „Kerzenrauchers letzte Nacht“. Und im neuen Roman kommt ein Leichenverbrenner vor. Sein Name: Otremba.

Selbst in der Finsternis findet Hendrik Otremba in „Der Gräber“ Licht, Liebe. Zwischen diesen Polen bewegt er sich auch selbst: „Ich gehe 20 Minuten spazieren und beobachte Dinge, die mir Hoffnung geben, und Dinge, die mich zur Verzweiflung bringen“, sagt er. „Dieser Gedanke ist für mich die ganze Zeit da: wie nah das beieinander liegt, Wunderschönes und Schreckliches.“

Eine Gewissheit, die unzerstörbar ist. 

Zur Person

Hendrik Otremba ist Sänger und Texter der Band Messer, Bildender Künstler, Dozent und Schriftsteller. Sein Debütroman „Über uns der Schaum“ veröffentlichte er im Jahr 2017. Sein im Februar 2026 im März Verlag erschiener, dystopisch-faszinierender Roman „Der Gräber“ ist sein erster Roman, der in seiner Wahlheimat Berlin spielt, wo der gebürtige Recklinghausener seit zehn Jahren lebt.

Hendrik Otremba: „Der Gräber“ März Verlag, 274 S., 24 €

Berlin-Premiere in der tipBerlin Literaturkapelle, der neuen Lesereihe des tipBerlin. Kapelle99, Boxhagener Str. 99, Friedrichshain, Mi 25.3., 19 Uhr, 13 € (VVK). Tickets gibt’s hier.

 Foto: März Verlag

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