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Literatur

Kalender der Flüche: Guten Morgen, Gurkenkacker!

Kristina Listau und Jörg Sundermeier, die Köpfe des Berliner Verbrecher Verlags, haben einen Abreißkalender der Flüche herausgegeben. Ist das ihr verdammter Ernst? Ein verflucht heiteres Gespräch
Text: Erik Heier
Veröffentlicht am: 17.08.2026
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Kristine Listau und Jörg Sundermeyer vom Verbrecher Verlag © Nane Diehl
Kristine Listau und Jörg Sundermeier, Ihr habt für die Verlagskollegen von Voland & Quist einen Abreißkalender mit Flüchen für jeden Tag zusammengestellt. Euer f*ing Ernst? 

Jörg Sundermeier Du Delirium-Wanzn, natürlich. 

Wie seid ihr beiden auf diese, nun ja, verfluchte Idee gekommen?

Kristine Listau Jetzt mal ohne zu fluchen: Es gibt große Verlage mit großen Kalendern, womit sie richtig gutes Geld machen und mit dem Geld wiederum schöne Literatur verlegen. Wie Schöffling zum Beispiel mit ihrem berühmten Katzen-Literaturkalender. Da haben wir gesagt: Wir brauchen auch einen Kalender.

Und das Ergebnis dieses Nachdenkens ist dieser Abreißkalender mit täglichen Beleidigungen wie „Stuten-Arsch“, „Alte Knüppel-Tülle“ oder, nun ja, „Ich furze in den Bart deines Vaters”?

Kristine Listau Wir haben zuerst so herumgeflachst: Verbrecher Verlag, also: Waffenkalender!

Wie zeitgeistig! Schöne Grüße an Verteidigungsminister Boris Pistorius.

Kristine Listau Aber dann sagten wir: Waffen sind scheiße, wir sind sowieso Pazifist:innen. Was aber tagtäglich bei uns sehr gern gemacht wird, sind Beschimpfungen.

Aber warum nicht im eigenen Verlag? Weil euch die Idee dazu selbst bekloppt vorkam? 

Jörg Sundermeier  Nee, das ist ganz einfach ein technischer Grund. Wir kennen den Kalendervertrieb noch nicht. Da ist es gut, wenn das jemand mit Erfahrung macht. Voland und Quist verlegt ja zum Beispiel Kalender mit Marc-Uwe Kling oder Nico Semsrott. Dann muss man manchmal an den Experten abgeben. Und der Verleger Leif Greinus war gleich Feuer und Flamme, das lieben wir.

In Berlin ist es ja so, dass die Leute immer weiter schimpfen. Ich glaube, es gibt keine Stadt in Deutschland, wo du so viele Menschen triffst, die, wie es so schön bei Oma Hans heißt (eine Hamburger Punk-Band, Anm. d. Red.), vor sich hin mit der Luft schimpfen.

Jörg Sundermeier
Habt ihr keine Sorge, dass ihr euren eigentlich ziemlich guten Branchenruf mit diesem Kalender ruiniert?

Kristine Listau Unsere Mütter schon! (lacht)

Jörg Sundermeier Alle, denen wir davon erzählt haben, finden es sehr lustig, aber unsere Mütter waren tatsächlich ein bisschen beunruhigt. 

Ich musste tatsächlich bei diesem Qualitätsprodukt der untersten Schublade ziemlich oft laut lachen. Zum Beispiel über diesen serbischen Fluch: „Ich ficke die erste Reihe deiner Beerdigung“. 

Jörg Sundermeier  Das ist ein relativ gängiger Fluch in Serbien, und wie ich jetzt erfahren habe, auch durchaus im Griechischen. Was mich eher überrascht hat, waren Sachen, die ich relativ, oder wie soll ich sagen, fast lieb fand. „Du böses Ei”, so wurde mir gesagt, sollte man im Chinesischen wirklich nicht oft benutzen.

Grast man dann zu Recherchezwecken die Wände der Kneipenklos ab? Einige Beleidigungen gehen ja auch sehr unter die Gürtellinie. 

Jörg Sundermeier Kneipenklos sind nicht so ergiebig, das steht fast immer dasselbe. Nein, wir haben tatsächlich geforscht. Es gibt immer wieder auch, aber das wirklich schon seit dem 19. Jahrhundert, Schimpfwörterbücher. Zum Beispiel das „Deutsche Schimpfwörterbuch“, verfasst von einem Menschen, der sich „Mir. Selbst.“ nannte. Worauf wir geachtet haben: unter der Gürtellinie – gern. Aber keine gruppenbezogenen …

Kristine Listau … also keine rassistischen, keine sexistischen Flüche. Trotzdem gibt es natürlich sowas wie  „Bitch“. Finde ich super, aber das ist für mich zumeist kein Sexismus. Die deutschsprachige Entsprechung fehlt, denn das Wort weckte ganz andere Assoziationen.

Mir kommt ja ein Abreißkalender relativ retro vor. 

Jörg Sundermeier   Dieses Kalenderprinzip hat sich bewährt. Ich habe selber auch einen Abreißkalender neben einer Kaffeemaschine stehen, mit Sinnsprüchen aus dem Diogenes Verlag. Und jeden Morgen reiße ich ab. Beim ersten Kaffeekochen des Tages kriegt das Gehirn schon ein bisschen was zu tun, während es eigentlich noch einen Kaffee braucht. Bei uns ist es dann eher das Schockwecken. Gerade für Leute, die früh aufwachen, kann ich diesen Kalender sehr empfehlen, wenn du abreißt und da steht dann: „Arschgesicht“. Ich glaube, das wird ein großer Bürospaß.

Kristine Listau Man muss aber nicht unbedingt Freund:innen, Familie oder Kolleg:innen beschimpfen. 

Hat sich euer Kommunikationsverhalten im Zuge der Recherche verändert? Zum Schlechteren möglicherweise? 

Jörg Sundermeier Nein. Was sich eher verändert hat, ist unser Verhältnis zu Beleidigungen. Wir fanden das vorher schon auch immer ein bisschen hihihi und schmuddelig. Und dann sind wir unter anderem auf die Malediktologie gestoßen, die Wissenschaft vom Schimpfen. Und da gibt es viele, ich würde noch sagen: mutmaßliche Erkenntnisse der Forschung, dass Schimpfen die Schmerztoleranz erhöht. Wenn du dir den Zeh stößt und danach ordentlich fluchst, kannst du den Schmerz besser aushalten. Das hat mir sehr gefallen. Und es gibt ein Sigmund Freud zugeschriebenes Zitat, das sinngemäß besagt: Derjenige, der geflucht hat, anstatt dass er seinen Pfeil und Bogen gebraucht hat, das ist der Mensch, der die Zivilisation erfunden hat.

Könnte man sagen: Es ist eine Kunst zu beleidigen und es ist auch eine Kunst und eine Fertigkeit, die wir wieder lernen müssen, sich beleidigen zu lassen und damit umgehen zu können?

Jörg Sundermeier Das glaube ich auch. Insofern würde ich sagen: Wir haben einen zivilisatorischen Aspekt bei diesem Kalender.

Inwiefern?

Jörg Sundermeier Dadurch, dass du mit unserem Kalender als erster beleidigt wirst, wenn du eben abreißt, und erst dann diese Beleidigungen weiter verschenken kannst, anwenden kannst. In Zeiten von Social Media wird einem ja selbst freundliche Kritik übelstgenommen. Und wir wissen: Gerade auf Seiten der Rechten und der Extremrechten wird jede Korrektur auch inzwischen als fatalste Beleidigung betrachtet. Und es ist eben das Schöne, dass man da seine eigene Genervtheitsschwelle ein bisschen höherschrauben kann. 

Wir brauchen eine größere Beleidigungstoleranz?

Jörg Sundermeier Eine Beleidigungstoleranz, ganz genau. Die muss man da entwickeln.

Kristine Listau Aber man kann es auch ganz fies verstehen. In heutigen Zeiten wird sich ja leider sehr wenig auseinandergesetzt, diskutiert, gelesen und mit Fakten argumentiert. Sondern es wird gleich drauflosgeschimpft. Auf die Spitze getrieben, teilt man einfach nur Schimpfworte aus. Deshalb könnte man unseren Schimpfkalender auch als Kritik der Zeit verstehen.

Gibt es sowas wie eine deutsche Fluchhauptstadt?

Jörg Sundermeier Ich würde davon ausgehen, dass Berlin sehr weit vorne ist.

Kristine Listau Bayern insgesamt aber auch.

Jörg Sundermeier Aber im Bayerischen ist es da eher kathartisch. In Berlin ist es ja so, dass die Leute immer weiter schimpfen. Ich glaube, es gibt keine Stadt in Deutschland, wo du so viele Menschen triffst, die, wie es so schön bei Oma Hans heißt (eine Hamburger Punk-Band, Anm. d. Red.), vor sich hin mit der Luft schimpfen.

Jetzt mal alle Anwälte herhören! Welche öffentliche Person sollte man dringend eine „Flachzange“ nennen?

Kristine Listau Mir fallen nur Leute ein, für die es zu nett wäre.

Habt ihr mal jemanden probebeleidigt, um zu sehen, wie es ankommt?

Kristine Listau  Nein, aber wir gehen halt zu den Besten zum Essen oder Weintrinken, und dann packen wir aus, was es so für Schimpftiraden gibt. Immer ein großer Lacher. Und dann kommt auch von den Leuten was zurück.

Jörg Sundermeier Auf einem Flohmarkt haben wir einmal gehört, wie jemand einem anderem zugebrüllt hat: „Du hast doch wohl auf der Tanne geschlafen.“ Das benutze ich seitdem auch gerne, auch weil ich nicht ganz genau weiß, was das heißt. Wir kommen beide aus der Sprachwissenschaft, aber einige Sachen kann ich gar nicht erklären. Wie auch die Beleidigung „Pissflitsche“.

Wie meinen?

Jörg Sundermeier „Pissflitsche“. Ich weiß, was Pisse ist, ich weiß, was eine Flitsche ist, aber zusammengedacht kriege ich das nicht. Ich finde es auch wahnsinnig interessant, wie kompliziert manche Beleidigungen sind. Diese wunderschönen jüdischen Flüche!

Zum Beispiel?

Jörg Sundermeier Du sollst ein großes Haus haben. Mit unendlich vielen Zimmern. Und du schläfst jede Nacht in einem anderen Zimmer. Und du gehst jedes Mal über eine andere Treppe zu einem jedes Mal anderen Auto und fährst damit zu jedes Mal einem anderem Arzt, der auch nicht weiß, was mit dir nicht stimmt.

Kristine Listau Wir bewundern diesen Phantasiereichtum der Menschen aus unterschiedlichen Kulturen!

Wie beleidigend kann „Gurkenkacker “sein? 

Jörg Sundermeier Ein Gurkenkacker ist für mich eher mittelprächtig. Wenn du ein Gurkenkacker bist, bist du gar nicht so schlimm. Wenn du ein alter Kacker bist, dann wird es viel problematischer. 

Habt ihr Lieblingsbeleidigungen?

Kristine Listau Tatsächlich ist meine: „Gurkenkacker“. Ich bin auch nicht sicher, ob ich die nicht selbst erfunden habe. Also hier im Verlag werden alle Praktikant:innen und Kolleg:innen immer Gurkenkacker natürlich sehr liebevoll genannt.

Für diesen Kalender habt ihr 365 Beleidigungen gesammelt…

Kristine ListauL 366! Falls ein Schaltjahr kommt.

Habt ihr noch Flüche über für einen weiteren Kalender im 2028?

Jörg Sundermeier Ich dachte, wir wären jetzt erst mal durch. Es gibt viele Beleidigungen, die sich zu sehr ähneln. Ganz Osteuropa fickt einfach alles. Der deutschsprachige Raum scheißt auf alles. Aber da kommen immer noch neue Sachen zu uns. Der Köcher füllt sich wieder. Es sind noch nicht alle Pfeile verschossen.

Kristine Listau & Jörg Sundermeier: „Der Kalender der Flüche“ immerwährender Abreißkalender, Voland & Quist, 367 S., 20 €


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