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Gangs of Schöneberg: Michael Wildenhains Roman „Das Ende vom Lied“

Der Berliner Schriftsteller Michael Wildenhain erzählt das West-Berlin anno 1969 in seinem neuen Roman „Das Ende vom Lied“ fesselnd und detailpräzise
Text: tipBerlin Redaktion
Veröffentlicht am: 25.03.2026
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Michael Wildenhain im Heinrich-Lassen-Park: Nahe am Geschehen seines West-Berlin-Romans. Foto: Jana Vollmer 

Michael Wildenhain kommt etwas zu spät. Er hat einen Platten gehabt. Nicht er natürlich. Sein Fahrrad. Auf dem Weg vom Literaturagenten zum Restaurant. Der Treffpunkt: „Älteste Pizzeria Berlins“. So zumindest steht es über dem Eingang. Das Rad ist Wildenhains Hauptverkehrsmittel. Ein Mann mit Sportsgeist. Wie zur Unterstreichung trägt er einen Hoodie, blauer Stoff, weißer Schriftzug in Versalien: „NO RACISM“. Wer sich im Berliner Fußball auskennt, weiß, dass sich dahinter der Fußballverein FC Internationale verbirgt. Wildenhain ist dort seit einer gefühlten Ewigkeit Mitglied, als Spieler, eine Zeitlang auch als Jugendtrainer. Man kann das auf Anhieb sehen: stramm geformte O-Beine, wie die von Pierre Littbarski.

Wir verlassen kurz die Pizzeria, schlendern durch den Heinrich-Lassen-Park. Der ist einer der Schauplätze von Wildenhains neuem Roman „Das Ende vom Lied“. Der Autor zeigt auf ein Haus in der Belziger Straße, direkt am Park: „Dort wohnt der Protagonist mit seiner Familie.“

Der Roman spielt im West-Berlin des Jahres 1969, besonders in Schöneberg, das der heranwachsende Ich-Erzähler als Pulverfass erlebt: Ortswechsel, Schulwechsel, die gezeichnete Nachkriegs- und Mauerstadt, die sich gegen das „Kuriositätenkabinett DDR“ abzugrenzen versucht, die vom Krieg traumatisierten Eltern, der mit einer Beinprothese gezeichnete Vater, die Gangs und die Gewalt des Kiezes, Boxkämpfe, militante Protestbewegungen, ein mysteriöser Untermieter, der dem Anarchisten Georg von Rauch ähnelt. Aber natürlich gibt es auch das andere: das süße Gift, die Liebe. In Gestalt von Alina. Die ist so schön wie unerreichbar. Sie gehört zu Koschi, dem „Chef des Lassen-Parks“. Der ist älter, stärker, mächtiger. Keine Chance für den heimlichen Anbeter, der mit einem Fernglas das sprichwörtliche Treiben unter ihm im Park beobachtet. Doch die Zeiten werden sich ändern.

Mutter erzählte vom Krieg

Wildenhain, Jahrgang 1958, wuchs selbst in Schöneberg auf. Seine Mutter stammte aus Friedrichshain, aus einer sozialdemokratischen Arbeiterfamilie. Der Vater war an der Ostfront, wurde interniert, arbeitete im Steinbruch. „In der Familie“, sagt Wildenhain, „gab es sehr viele politische Diskussionen. Außerdem hat meine Mutter in penetranter Weise vom Krieg erzählt, das war schwer zu ertragen.“ Auch die DDR war ein Dauerthema. „Wenn man etwas Positives über die DDR sagte, dann explodierte der Raum.“

Politisches Engagement zeichnet Wildenhains Leben aus. Hausbesetzerszene, Mansteinstraße, 1981. Dann Anti-AKW-Aktionen, Brockdorf, Gorleben. Später Antifa und antirassistische Aktivitäten, Hoyerswerda. Das heutige Berlin betrachtet er kritisch. Zu teuer, vor allem die Mieten, zu abgehoben, vor allem die Politik, und eine „Infrastruktur, die kaum funktioniert“.

Aber aus diesem Spannungsverhältnis lässt sich schöpfen. Das Schreiben begann Wildenhain 1981. In seiner WG-Zeit leistete er sich ein Büro in der Dieffenbachstraße – Schreibtisch, Außenklo, mucho bescheiden, aber immerhin ein Raum für kreative Prozesse. Inzwischen blickt er auf zahlreiche Romane zurück und diverse Preise. Vom neuen Roman sollen zwei weitere Teile folgen. Wildenhain spricht von „Tryptichon“. Trotz vieler Ideen bleibt das Schreiben mühselig. „Du lebst ja nicht von den Büchern. Du lebst von Lesungen und Dozenturen und von Schreibwerkstätten.“ Wo liest er am liebsten? „Ich bin dem Literaturforum im Brechthaus verbunden, lese aber auch gerne im Buchhändlerkeller und in Buchhandlungen. Zum Beispiel der am Bayerischen Platz.“

Mitte März stellte er sein neues Buch in der Theodor-Heuss-Bibliothek vor. Direkt neben dem Lassen-Park. 

Text: Andreas Burkhardt

Michael Wildenhain: „Das Ende vom Lied“, Klett-Cotta, 416 S., 26 €

 Foto: Klett-Cotta Verlag

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