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Literatur

Özge İnan im Interview: „Wahrhaftigkeit ist für mich wichtiger als alles andere“

In ihrem neuen Roman „Die Dichterin“ erzählt Özge İnan von einem Literaturskandal, es geht um Anerkennung, Macht und die Frage, wer welche Geschichten erzählen darf
Text: Marit Blossey
Veröffentlicht am: 31.07.2026
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Foto von Özge Inan
Die Berliner Schriftstellerin, Juristin und Journalistin Özge İnan legt mit „Die Dichterin“ ihren zweiten Roman vor. © Paul Schwenn

Frau İnan, in Ihrem neuen Roman geht es um einen Skandal: Die Dichterin Emma Rodenstock hat es aus der Unterschicht zum Literaturstar gebracht, doch dann kommen Zweifel daran auf, ob ihre Geschichte echt ist. Gab es einen konkreten Vorfall oder eine Debatte, die Sie inspiriert hat? 

Ich habe ein Faible für Hochstaplergeschichten – also die echten. Ich habe nie Felix Krull gelesen oder so. Und Menschen, die so tun, als wären sie geil und reich, finde ich nicht so spannend, das ist so naheliegend. Wenn Leute aber so tun, als wären sie klein und schwach, obwohl sie es nicht sind, dann wird es interessant. Zum Beispiel hat mich die Geschichte der Bloggerin Marie-Sophie Hingst fasziniert, die sich als Enkelin von Auschwitz-Überlebenden ausgab – eine sehr tragische Geschichte, denn sie hat sich das Leben genommen, als herauskam, dass alles ausgedacht war. Oder natürlich der Fall von Fabian Wolff [ein deutscher Journalist und Autor, der über seine angeblich jüdische Familiengeschichte schrieb, bevor öffentlich Zweifel an seiner Herkunft aufkamen und er seine Darstellung daraufhin selbst zurückzog, Anm. d. Red.].

Was genau fasziniert Sie so an diesen Fällen?  

Einerseits fragt man sich: Warum legen sich Menschen eine Identität zu, die sozial schwächer gestellt ist als ihre eigentliche Identität? Eigentlich widerspricht das doch dem Konzept des Hochstapelns, das steckt ja schon im Wort drin. Andererseits fand ich auch die Reaktionen spannend, weil von krasser Empörung bis hin zu „Ich fand die Geschichten trotzdem schön“ alles dabei war. 

Die junge Journalistin Nazanin arbeitet fieberhaft daran, den Fall von Emma aufzudecken. Sie arbeiten selbst als Journalistin – wie sind Sie beim Schreiben vorgegangen?

Ich habe mich daran entlang gehangelt, was ich darüber weiß, wie eine investigative Recherche funktioniert. Stellenweise habe ich mir Hilfe geholt, von Daniel Drepper, einer der Top-Investigativjournalisten in Deutschland. Außerdem haben mein Lektor, Hannes Ulbrich, und ich viel darüber diskutiert, ob die ganze Geschichte nur auf den Moment der Enthüllung zusteuert. Und uns dann dagegen entschieden. 

„Das ist es, was Klassenunterschiede mit Menschen machen. Wir stehen nicht mal zur gleichen Uhrzeit auf! Natürlich gibt es vieles, was universelle menschliche Erfahrung ist. Aber die Klassengesellschaft spaltet uns.“

Özge İnan

Wie war es, die Gedichte der „Dichterin“ zu schreiben? Haben Sie zuvor schon mal Lyrik geschrieben? 

Ich habe als Teenagerin viel Lyrik geschrieben, deswegen war es nicht schwer, mich hineinzuversetzen. Ich habe einfach schamlos die ganze Dramatik da reingeschmissen, die man nur mit 17 spüren kann. Das hat sehr viel Spaß gemacht. 

Im Roman wechselt die Perspektive immer wieder zwischen Emma, der Dichterin, und Nazanin, der Journalistin. Warum wollten Sie beide Perspektiven erzählen? 

Am Anfang wollte ich eigentlich ein Dreieck erschaffen zwischen Emma, Nazanin und der Frau, die behauptet, die Gedichte wirklich geschrieben zu haben. Ich wollte, dass diese drei Frauen eigentlich viel gemeinsam haben. Aber irgendwie hat das mit der „zweiten“ Dichterin nicht funktioniert. Ich habe dann viel darüber nachgedacht, was es über mich aussagt, dass ich mir wünsche, so jemand wäre eigentlich wie ich – dabei ist es genau das, was Klassenunterschiede mit Menschen machen. Wir stehen nicht mal zur gleichen Uhrzeit auf! Natürlich gibt es vieles, was universelle menschliche Erfahrung ist. Aber die Klassengesellschaft spaltet uns. 

Stattdessen projizieren sowohl Emma and auch Nazanin wahnsinnig viel in diese dritte Person hinein. 

Ja, genau! Für die beiden ist die zweite Dichterin eine krasse Projektionsfläche. Beide wollen der jeweils anderen beweisen, dass sie eigentlich der bessere Mensch sind. Deshalb bin ich bei den Perspektiven von Emma und Nazanin geblieben. Außerdem konnte ich so die zwei Anteile meiner Persönlichkeit, die Journalistin und die Schriftstellerin, gegeneinander ins Rennen schicken. 

Haben Sie dabei etwas über sich selbst gelernt?  

Ich habe gemerkt, wie sehr ich den Journalismus hinterfrage und manchmal auch mit ihm hadere. Auf der Seite der Schriftstellerin hat mich meine eigene Eitelkeit beschäftigt – die hässlichen Anteile daran, in der Öffentlichkeit stattzufinden und das auch zu mögen. Im Roman gibt es einen Moment, in dem Emma sagt, dass sie an Gruppen, von denen sie erkannt werden könnte, extra langsam vorbeigeht. Dieses Gefühl kenne ich selbst. Es ist natürlich total peinlich, das irgendwo zu schreiben – außer in einem Roman. (lacht) 

Ein Gefühl, das Emma und Nazanin eint, ist Neid. Beide vergleichen sich ständig mit ihren Kollegen. Was hat Sie daran gereizt, diesem Gefühl literarisch nachzuspüren?  

Neid ist einfach so urmenschlich. Oft heißt es: „Okay, ich bin neidisch, aber wenigstens nicht missgünstig.“ Ganz ehrlich, ich bin manchmal auch missgünstig, bei Leuten, die ich nicht mag. Ich glaube nicht, dass es irgendjemanden gibt, der allen alles gönnt. Und ich glaube nicht, dass man einen Roman schreiben kann, der im Medien- und Literaturbetrieb spielt, ohne Neid zu thematisieren. Kaum eine Branche arbeitet so sehr mit Listen und Circles: Wer ist bei welchem Verlag, wer hat welche Auflage? Wenn sich zwei Schriftsteller hinsetzen, könnten sie wahrscheinlich eine Stunde lang nur Zahlen vergleichen. 

„Neid ist einfach so urmenschlich. Ich glaube nicht, dass man einen Roman schreiben kann, der im Medien- und Literaturbetrieb spielt, ohne Neid zu thematisieren.“

Özge İnan

Wenn Sie als Journalistin an Nazanins Stelle gewesen wären, was hätten Sie getan?  

Ganz ehrlich: Ich weiß nicht, ob ich so verbissen hinter dieser Geschichte her gewesen wäre. Sie pokert da übertrieben hoch, solche Recherchen verlaufen ja oft einfach im Sande. Ich bin sehr viel bequemer als sie. Sie hat aufgehört zu rauchen, ich nicht – daran erkennt man disziplinierte Leute. 

Zur Person

Özge İnan, geboren 1997 in Berlin, ist Journalistin und Schriftstellerin. 2023 erschien ihr Debütroman „Natürlich kann man hier nicht leben“, der die politische Migration aus der Türkei in den 1980er Jahren thematisiert. Am 31. Juli 2026 erscheint ihr zweiter Roman „Die Dichterin“ bei Piper. İnan lebt in Berlin.

Haben Sie beim Schreiben mehr Sympathie für Emma oder für Nazanin empfunden? 

Zum Ende hin hatte ich mehr Sympathie für Emma, weil ich ihre Motivation besser verstanden habe. Klingt komisch für jemanden, den ich mir selber ausgedacht habe, aber es war mir wichtig, dass Emma wirklich glaubhaft denkt, dass sie nichts falsch gemacht hat. Für mich persönlich ist Wahrhaftigkeit wichtiger als alles andere – das ist eine Überzeugung, die ich mit Nazanin teile. Es sollte auch niemand Journalist werden, der nicht so denkt. Aber ich kenne Leute, die das anders sehen. Nicht, weil sie schlechte Menschen sind, sondern weil Täuschung für sie ein legitimes Mittel ist, wenn es einem höheren Zweck dient. 

„Für mich persönlich ist Wahrhaftigkeit wichtiger als alles andere. Aber ich kenne Leute, die das anders sehen. Nicht, weil sie schlechte Menschen sind, sondern weil Täuschung für sie ein legitimes Mittel ist, wenn es einem höheren Zweck dient.“

Özge İnan

Warum haben Sie Klasse zum zentralen Thema des Romans gemacht?

Ich fand es spannend, weil über Herkunft vergleichsweise häufiger gelogen wird. Dabei sollte man meinen, dass sich Klasse besser faken lässt, aber wenn der Habitus und so weiter nicht zusammenpassen, kommen schnell Fragezeichen. Abgesehen davon finde ich, über Klasse zu sprechen lohnt sich immer.

Der Roman spielt in Berlin, Ihrer Heimatstadt. Wie haben Sie die Orte ausgewählt, die vorkommen?  

Komplett nach Intuition. Spandau, weil es ein klassischer Arbeiterbezirk ist, aber nicht so klischeebeladen wie Marzahn. Ich habe in Spandau als Schülerin viel Nachhilfe gegeben, deswegen weiß ich, wie viele Hochhaussiedlungen es dort gibt, die einem nicht als allererstes einfallen würden, wenn man über strukturschwache Orte in Berlin spricht. Dass Emma in Kreuzberg wohnt, war relativ random. Im Wirtschaftswunder waren wir früher oft, in meiner Uni-Zeit. Die fiktive Zeitung hat ihren Sitz ungefähr da, wo das Axel-Springer-Hochhaus ist, aber das hat natürlich nichts mit nichts zu tun. 

In welchem Kiez sind Sie aufgewachsen?  

In Friedrichshain, bis ich zwölf war, dann sind wir nach Lichtenberg gezogen. 

Wie haben Sie die Veränderungen in Berlin in den 2000er und 2010er Jahren erlebt?  

Am eigenen Leibe, weil wir aus Friedrichshain wegziehen mussten. Ich habe letztens geschrieben, es ist, als ob jemand ständig auf deinen Dachboden geht und deine alten Spielsachen wegschmeißt, ohne dass du was dagegen machen kannst, bis nichts mehr übrig ist. So fühlt es sich für mich an, durch Friedrichshain zu laufen. Ich habe nichts dagegen, dass schöne Cafés eröffnen. Aber die Art und Weise, wie mit öffentlichem Raum, und mit Wohnraum sowieso, Spekulation betrieben wird – damit wird einem etwas genommen, und selbst wenn die Investoren wieder abziehen würden, ist die Lücke da. Da kommt nie wieder der vietnamesische Kiosk rein, in dem ich früher immer meine Bonbons bekommen habe.

„Es ist, als ob jemand ständig auf deinen Dachboden geht und deine alten Spielsachen wegschmeißt, ohne dass du was dagegen machen kannst, bis nichts mehr übrig ist. So fühlt es sich für mich an, durch Friedrichshain zu laufen.“

Özge İnan

Was für Klischees über Berlin halten Sie für zutreffend – und welche überhaupt nicht?  

Zutreffend ist auf jeden Fall diese „Mach was du willst, is mir egal“-Haltung, im Positiven wie im Negativen. Ein Klischee, das nicht stimmt, ist, dass hier alle wahnsinnig Techno-begeistert wären. Ja, es gibt diese Szene, aber es ist halt nur eine Szene von sehr vielen. Mich nervt es manchmal, dass es das geworden ist, wofür Berlin international bekannt ist, obwohl unsere Kulturszene noch so viel mehr zu bieten hat.

Also lieber Kneipe als Club? 

Kneipe all the way, IMMER. Vor allem, seit mein bester Kumpel in einer Kneipe arbeitet. Deswegen sind wir da dauernd, auch weil dieser Kumpel so einer ist, den man nicht rauskriegt aus seinem Kiez. 

Welche drei Orte würden Sie jemandem zeigen, der Berlin verstehen möchte?  

Den Viktoriapark, weil man da oben stehen und über Kreuzberg gucken kann. Dann würde ich vielleicht vom Schlesi bis rüber zur Warschauer Straße laufen, für den historischen Abriss, Ost und West. Und ich würde mit der Person in die Kneipe gehen, in der mein Kumpel arbeitet. Das ist so eine West-Berliner Kneipe, wo Rudi Dutschke an der Wand hängt und die Leute drinnen rauchen können. 

„Ein Klischee, das nicht stimmt, ist, dass hier alle wahnsinnig Techno-begeistert wären. Mich nervt es manchmal, dass es das geworden ist, wofür Berlin international bekannt ist, obwohl unsere Kulturszene noch so viel mehr zu bieten hat.“

Özge İnan

An welchem Ort fühlen Sie sich in Berlin so richtig zu Hause?  

Ich bin wirklich Berlinerin mit Leib und Seele. Ich kann von überall nach Hause finden, ich habe fast überall mal was erlebt, habe zu jedem Bezirk, zu jedem Kiez eine Assoziation im Kopf. Ich habe in Charlottenburg gewohnt, in Friedrichshain und Lichtenberg, bin in Reinickendorf zur Schule gegangen und habe an der FU studiert. Jetzt wohne ich im Prenzlauer Berg und wenn ich an der Schönhauser Allee aussteige, dann bin ich zu Hause. Und trotz aller Ur-Berliner Arroganz gegenüber Touristen am Fernsehturm – das ist schon der Fixpunkt meines Lebens. Seit ich ein Kind bin, kann ich mich daran orientieren, den Fernsehturm zu sehen. 

Ihre Top 3 Berlin-Songs? 

Erste Antwort: „Mein Block“ von Sido. Dann, Achtung cringe, der Song aus der Berliner Pilsner-Werbung, dieses „Das ist Berlin, Berlin, Berlin“ – als ich aus München wieder zurückkam, habe ich den eine Weile auf Loop gehört, weil ich so happy war, wieder hier zu sein. Das wäre also die peinliche Nummer zwei. Und Nummer drei… Es gibt so viele geile Rapper aus Berlin. Vielleicht „Rap über Hass“ von K.I.Z. Da gibt es diese Line: „Gewalt ist keine Lösung, und das soll sie auch nicht sein.“ Ich habe ein Thema mit Männern, die im Weg rumstehen oder unnötig Platz einnehmen, da kann ich sehr zickig werden. Ich solchen Momenten channele ich diesen Song. 

Ihre Prognose für die Berlin-Wahl?  

Ich könnte mir leider vorstellen, dass es wieder Schwarz-Rot wird. Die Berliner sind nicht so sauer auf Kai Wegner, wie sie es sollten. [Das Gespräch führten wir, bevor Berlins Regierender Bürgermeister Kai Wegner seine Spitzenkandidatur zurückzog, Anm. d. Red.] 

Sie haben in einem Interview gesagt, dass Sie Deutschland verlassen würden, wenn die AfD an die Macht kommt.  

Ich glaube, ich nehme diese Aussage offiziell zurück. Ich wüsste ehrlich gesagt nicht, was ich machen würde. Es wäre ein extremer Einschnitt in mein Leben und in das von allen, die ich kenne. Ich würde wahrscheinlich probieren, in irgendeiner Form mit dem, was ich kann, Widerstand zu leisten. Und irgendwann auch abhauen, ich bin kein Held oder so. Mein Leben ist mir zu lieb.

Özge İnan: „Die Dichterin“ Piper, 224 S., 24 €
Buchpremiere Pfefferwerk Haus 13, Schönhauser Allee, Prenzlauer Berg, 4. August 2026, 19.30 Uhr, ausverkauft

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