ABO
LiteraturTipPlus Logo

Poesiefestival Berlin 2026: Mythos, Trauer, Othello

Das Poesiefestival Berlin bearbeitet die Themen Mythos, Trauer und den Literatur-Kanon. Und hat früh Superstar Anne Carson zu Gast. Diese Highlights müsst ihr sehen
Text: Erik Heier
Veröffentlicht am: 13.05.2026
Home » Kultur » Literatur » Poesiefestival Berlin 2026: Mythos, Trauer, Othello
So voll war es beim Poesiefestival vor zwei Jahren. 2026 erwarten euch wieder etliche Höhepunkte © Foto: Andrea Vollmer

Der Höhepunkt des Berliner Lyrikjahres dauert dieses Jahr wieder satte vier Wochen. Das Poesiefestival Berlin 2026, geleitet von der Lyrikerin und Kulturwissenschaftlerin Katharina Schultens, ist zweigeteilt in ein dezentrales Vor- und ein zentrales Hauptprogramm (im Silent Green in Wedding). Das interdisziplinäre Fest der Verse kümmert sich zu dessen 100. Todestag um Rainer Maria Rilke („Im Juniversum von Rainer Maria Rilke“, Mo 8.6., LCB am Wannsee), widmet sich in thematischen Festivalabenden den Mythen als lebendigen Erzählformen („Writing Myth“, Di 9.6., Silent Green), setzt sich mit dem zumeist weiß und männlich geprägten „Kanon“ europäischer Literatur auseinandere („Re-Writing a Canon“, Mi 10.6., Silent Green) und ergründet neue Sprachräume beim Spannungsfeld von Trauer und Verlust („Writing Grief“, Do 11.6., Silent Green).

Wir empfehlen euch im Detail 12 Highlights aus dem Programm, in dem sehr früh auch ein Superstar nach 20 Jahren erstmals wieder in Berlin zu erleben ist: Anne Carson.


Zum Auftakt: Der haitianische Dichter James Noël

James Noël © Foto: Diana Pfamatter/DAAD, Berlin

Die Veranstaltungen der ersten beiden Poesiefestival-Wochen, die mit den letzten beiden Mai-Wochen zusammenfallen, sind unter dem Titel „Poets’ Corner“ dezentral über die Stadt verteilt. Die „Poet‘s Corner“ finden dieses Jahr zum 20. Mal statt. Das ursprüngliche Prinzip, dass Dichter:innen überall in der Stadt ausschwärmen und Lyrik an alltäglichen Orten unter die Leute bringen, hatten sich seinerzeit zwei unserer Berliner Versfavoriten ausgedacht: der spätere Georg-Büchner-Preisträger Jan Wagner und sein mittlerweile auch als Fotograf sehr interessanter Kollege Björn Kuhligk.

Anders als in den Vorjahren gibt es diesmal keine explizite Auftaktveranstaltung. Das Festival kommt einfach von jetzt auf gleich in die Gänge. Zum Auftakt reist mit James Noël einer der bedeutendsten zeitgenössischen Dichter aus Haiti, der in kreolischer und französischer Sprache schreibt, mit einer Buchpremiere nach Berlin. Teile seines neuesten Gedichtbandes „Paons“ (zu deutsch: Pfauen) hat Rike Bolte übersetzt. Darin geht es unter anderem um die Stadt Port-au-Prince, „diese […]von Kugeln tätowierte / (…) von Banden zerfressene / von Sternen-Totengräbern zersetzte Stadt“, wie es in der Ankündigung heißt. Bei der deutsch-französisch-sprachigen Veranstaltung befragt Cornelius Wüllenkemper den Dichter zu Werk und Leben.

daadgalerie Oranienstr. 161, Kreuzberg, Fr 15.5., 19.30 Uhr, Eintritt frei


Trauerwege: Max Czollek und Jo Frank im Volkspark Friedrichshain

Max Czollek © Dirk Skiba

Drei thematische Schwerpunkte bearbeitet das Poesiefestival Berlin 2026: Trauer, Mythos und ein „kritisches Ent-Schreiben eines zumeist weiß und männlich geprägten europäischen Literatur-,Kanons’”. Der Trauerthematik verschreiben sich der Dichter, Kurator und Essayist Max Czollek und der Verleger und Schriftsteller Jo Frank. Die langjährigen Freunde begeben sich unter dem Titel „Trauer ist das Ding mit dem Messer“ auf einen Spaziergang durch den Volkspark Friedrichshain und lesen passende Texte aus ihrem Werk vor.

Czollek hat sich vielfach mit privater Trauer und politischer Verzweiflung befasst, beispielsweise in seinem Gedichtzyklus „Gute Enden“ (2024). Und Frank schreibt in seinem Essay „Trauer“: „Trauer lässt sich nicht einladen. Sie steht im Türrahmen, zieht einen eng an sich heran, nimmt einen mit in einen Raum, den man ihr nicht gebaut hat.“

Treffpunkt für den Spaziergang mit Kopfhörern ist der Märchenbrunnen im Volkspark Friedrichshain.

Volkspark Friedrichshain Am Friedrichshain, Friedrichshain, Di 19.5., 17 Uhr, Eintritt frei, Anmeldung zwingend erforderlich unter [email protected]


Knochenjob: Vier Dichter im Naturkundemuseum

Brandon Kilbourne © Jamilia K. Grote.

Ein weiterer Spaziergang, der sehr ungewöhnliche Eindrücke verspricht: Einen Nachmittag lang durchstreifen vier Dichter:innen das Naturkundemuseum – „Walking among Berlin’s exhibited bones“. Besonders gut aus kennt sich hier Brandon Kilbourne, Evolutionsbiologe am Berliner Naturkundemuseum, der gleich mit seinem Debüt-Lyrikband „Natural History“ Ende 2025 den Cave-Canem-Preis gewann.

Die Leipziger Lyrikerin Lara Rüter dichtete schon über „romantisch dumme“ Tiere wie Delfinen, Grönlandhaien und einem weißen Mammut und verarbeitet in ihrem aktuellen lyrischen Essayband „Affenliebe“ (Hanser 2026) ihre Eindrücke und Erkenntnisse aus einer fünfjährigen Arbeit an einem Primatenforschungsinstitut. Ebenfalls mit Tieren befasst sind die Münchener Autorin Elvira Steppacher und die Berliner Dichterin Sabine Scho, die ihre Poesie gern interdisziplinär auslegt und auch schon literarische Erfahrungen mit dem Naturkundemuseum hat.

Naturkundemuseum Invalidenstr. 43, Mitte, Do 21.5., 16 Uhr, deutsch & englisch, 5 €, Anmeldung vorab unter [email protected] ist notwendig


Superstar: Die kanadische Lyriklegende Anne Carson

Anne Carson © Christopher Sherman

Frühes Highlight des Poesiefestivals: Anne Carson ist Klassizistin und Lyrikerin – zwei Disziplinen, die sie immer wieder miteinander vereint. Die Kanadierin übersetzte Sophokles, Euripides und Sappho ins Englische und ließ klassische Motive in ihre eigenen Gedichte einfließen. Für ihr Werk erhielt sie Stipendien der Guggenheim- und MacArthur-Stiftungen – letztere wird umgangssprachlich „Genie-Stipendium“ genannt.

Im Rahmen des Poesiefestivals Berlin beehrt Carson gemeinsam mit ihrem Lebensgefährten Robert Currie die Hauptstadt, ihr letzter Besuch liegt fast 20 Jahre zurück. Ihr Auftritt ist Teil eines eintägigen Festivalblocks in der Akademie der Künste in Tiergarten. Die Lesung und Werkschau der Lyriklegende „Before the creation of creation, I kept some notes – Anne Carson: Lecture & Performance on the History of Skywriting“ ist zwar schon längst ausverkauft, aber manchmal gibt es bekanntlich Zufälle, Umstände, Möglichkeiten. Und also immer noch einen Rest Hoffnung.

Akademie der Künste Großes Parkett, Hanseatenweg 10, Tiergarten, So 24.5., 19 Uhr, ausverkauft


Kanonarbeit: Das alte Gilgamesch-Epos neu denken

Esther Kinsky © Heike Steinweg Suhrkamp Verlag

Vom dritten Schwerpunkt des Poesiefestivals, den oft als weiß und männlich gesprägten europäischen Literatur-„Kanon“ kritisch zu „ent-schreiben“, war schon die Rede. Eine der in diesem Kontext zu lesenden Veranstaltungen gilt dem mutmaßlich ältesten überlieferten Epos der Menschheit. „Der die Tiefe sah – Re-Writing & Re-Translating Gilgamesh“ bringt dabei Esther Kinsky, Jenny Lewis und Philip Terry zusammen.

Vom Gilgamesch-Epos, das aus zwölf Tontafeln in akkadischer Sprache, verewigt in Keilschrift besteht und vermutlich zwischen 1.300 und 1000 v. Chr. entstand, wobei die sumerischen Erzählungen, auf denen es beruhen soll, deutlich älter sein dürften. Zu den zahlreichen Übersetzungen, die es bereits gibt, kommen nun drei weitere hinzu, die an diesem Abend präsentiert werden.

Lewis‘ englischsprachige Fassung gilt der Ankündigung zufolge als die leserfreundlichste Version. Queneau-Übersetzer Terry wagt einen radikalen experimentelleren Ansatz. Und Kinskys prosaische Nacherzählung beginnt mit der auch den Veranstaltungstitel inspirierenden Passage: „Der die Tiefe sah – einst, so erzählte man, gab es einen, der so genannt wurde. Er blickte bis in die Grundfesten des Landes.“

Im Haus für Poesie in der Kulturbrauerei moderiert Asmus Trautsch.

Haus für Poesie Knaackstr. 97 (Kulturbrauerei), Prenzlauer Berg, Mo 25.5., 19.30 Uhr, 8/5 €


Nächster Halt Hermannplatz: Ozan Zakariya Keskinkılıç

Ozan Zakariya Keskinkılıç © Mirko Lux

Mit seinem fulminanten Sommerroman „Hundesohn“ zwischen Freundschaft, muslimischer Identitätssuche, schwulem Grindr-Begehren, den Städtepolen Berlin und Adana bewirkte der in Berlin lebende Dichter unlängst einige Staunmomente in den Kulturredaktionen des Landes. Zum Poesiefestival bringt Ozan Zakariya Keskinkılıç nun bislang unveröffentlichte Gedichte bei der Poets‘ Corner im Kotti-Shop vorbei.

Thematisch bleibt sich der Mann mit der Sprachbalance eines Hochseilartisten dabei treu, Fallhöhe meets Reflexionstiefe. Und immer eine catchy line obendrauf. Man nehme nur mal den Titel dieses Termins: „binde mich odysseusgleich an die ubahnstange“. Endlich verstehen wir Bahnhof!

Passenderweise spielt etwa sein Gedicht „U8“ aus dem Gedicht-Zyklus „Elefantengeister“ natürlich auch in Kreuzberg, findet doch die Kombination aus Lyriklesung und Filmpräsentation im Kotti-Shop statt. Außerdem stellt Keskinkılıç nämlich seinen Film „Burak“ vor, der in Zusammenarbeit mit dem Regisseur Sami Morhayim, dem Musikkünstler Fabian Saul und dem Schauspieler Benyamin Reich entstanden ist.

Die Moderation übernimmt Melina Brüggemann.

Kotti-Shop Adalbertstr 4, Kreuzberg, Fr 29.5., 19.30 Uhr, Eintritt frei


Kriegsgrauen und Zärtlichkeit: Ukrainische Lyrik

Gedichte und Drohnen: Yaryna Chornohuz © privat

Mit dem Juni bezieht das Poesiefestival zum Hauptfestival sein Domizil in den diversen Räumlichkeiten des Weddinger Kulturquartiers Silent Green. Am ersten Tag dieses zweiten Festivalsteils, dem 2. Juni, widmen sich zwei Lyrikerinnen aus der Ukraine dem Schrecken der Vollinvasion, mit dem ihr Heimatland seit Februar 2022 durch Putins Russland konfrontiert ist – beim gleichzeitigen Drang, das Bewusstsein für das Verletzliche, die Nähe und die Würde des Einzelnen zu bewahren: „Versuche, in einem minenfreien Feld zu säen“.

Yaryna Chornohuz ist Dichterin, meldete sich bereits 2019 freiwillig als Sanitäterin, ging dann zu den Marines und kämpft seit der russischen Vollinvasion in den ukrainischen Streitkräften an der Front, wo auch viele ihrer Gedicht entstehen. Mittlerweile steuert sie Drohnen. Vor zwei Jahren wurde sie mit dem Taras-Schewtschenko-Nationalpreis für Literatur ausgezeichnet. Kateryna Kalytko hat bereits sechs Gedichtbände und einen Roman veröffentlicht. Sie ist Mitglied von PEN Ukraine. Ihr präzisen Gedichte ergründen Formen des Weiterlebens in einer beschädigten Welt.

Es verspricht ein sehr intensiver erster Abend des Hauptprogramms zu werden.

Silent Green Kuppelhalle Gerichtstr. 35, Wedding, Di 2.6., 19.30 Uhr, 14/9 €


Palästinensische Poesie: „Keine dieser Nachrichten stört die zivilisierte Welt“

Alaa Alqaisi © Dirk Skiba

Ein Abend, der viele Räume aufmacht, viel Hall entwickelt. Drei aktuelle palästinensische Stimmen, Oud-Improvisationen des Musikers Bakr Khleifi und (vom Band) die Stimme des großen, 2008 verstorbenen Dichters Mahmoud Darwish bilden das Gerüst dieses Abends, der mit einer Zeile aus Darwishs berühmte Gedicht „Belagerungszustand“ betitelt ist: „Keine dieser Nachrichten stört die zivilisierte Welt“.

Aus Gaza kommen die Lyrikerinnen und Übersetzerinnen Batool Abu Akleen und Alaa Alqaisi. Abdalrahman Alqalaq, gleichzeitig Kurator dieses Abends, ist ein palästinensischer Lyriker, Schriftsteller und Performancekünstler, der zuletzt sein Stück „Absentee Law“ am Hildesheimer Burgtheater auf die Bühne brachte.

Die Tonaufnahmen von Mahmoud Darwish sind übrigens seiner Performance beim Poesiefestival 2004 entnommen, als er bei der damaligen Auflage von „Weltklang – Nacht der Poesie“ las.

Silent Green Kuppelhalle Gerichtstr. 35, Wedding, Mi 3.6., 19.30 Uhr, 14/9 €


Gras drunter: Lesungen im Grünen

Horch, Lyrik. Lesungen im Grünen im Silent Green © Michael Kuchinke Hofer

Auf dem Rasen des Silent Green kann man trefflich herumlümmeln und Löcher in die Luft starren, den Flausen im Kopf ein bisschen Auslauf verschaffen. An drei Tagen gibt‘s dazu noch Verse im großen Maße obendrauf. Insgesamt 50 Lyriker:innen lesen an drei Terminen aus ihren Werken: am 6. und 7. Juni sowie zum Lyrikmarkt am 13. Juni.

Am Samstag, 6.6., ab 14 Uhr, lauschen die Gäste dabei unter anderem Helwig Brunner, Sophia Barthelmes, Nadja Küchenmeister, Monika Rinck, Dženana Vucic, Widad Nabi, Abdulkarim Alahmad und Rasha Habbal. Dabei geht es auch sprachlich sehr breit gefächert zu: auf Arabisch, Deutsch, Englisch und Farsi (übersetzt ins Deutsche). Gelesen wird jeweils eine Viertelstunde lang.

Am Sonntag, 7.6., gleichfalls ab 14 Uhr, werden Gedichte auf Deutsch, Lettisch, Spanisch und Türkisch (übersetzt ins Deutsche) kredenzt, unter anderem von Mirko Bonné, Nico Bleutge, Sonja vom Brocke, Veronika Mortissandi, Regina Riveros, Ramona de Jesús, Ulf Stolterfoht, Ron Winkler, Dilek Mayatürk und Efe Duyan.

18-fache Poesie gibt‘s am dann letzten Festivalsamstag, 13.6., ab 13 Uhr: auf Arabisch, Chinesisch, Deutsch, Englisch, Niederländisch, Slowenisch und Spanisch. Yang Lian, Nancy Hünger, Tristan Marquardt, Armeghan Taheri, Bohdan Piasecki, Logan Februar, Aurélie Maurin und Annie Rutherford gehören zu den Lesenden.

An diesem Samstag schlägt auch der Lyrikmarkt mit 35 Verlagen und Magazinen aus dem deutschsprachigen Raum seine Stände im Außenbereich des Silent Green auf, von 13 bis 18 Uhr. Derweil läuft in der Kuppelhalle ein Best-of des Zebra Poetry Film Festivals, zwischen 14 und 17 Uhr.

Und das alles bei freiem Eintritt. Die reinste Wünsche-frei-Wiese.

Silent Green Außenbereich Gerichtstr. 35, Wedding, Sa 6.+7.6., jeweils 14 Uhr, Sa 13.6., 13 Uhr, Eintritt frei


Hello Othello: Dichter dran an Shakespeare

Jason Allen-Paisent © Andrea Vollmer

„Othello, der Mohr von Venedig“ ist bekanntlich eines der berühmtesten Werke von William Shakespeare. Unter dem Titel „What Shakespeare did not write about“ treffen sich mit Judith Kiros und Jason Allen-Paisant zwei Dichter:innen zum Poesiegespräch, um ihre jeweils eigenen Debattenzugänge zur legendären Bühnenfigur vorzustellen.

Der jamaikanische Dichter Jason Allen-Paisant, der im Vereinigten Königreich lebt, nahm in seinem zweiten Gedichtband „Self-Portrait as Othello“ das Erbe einer imperialistischen Vergangenheit ins Visier, transferierte die Stationen der Hauptfigur in die Gegenwart und erschuf daraus eine poetische Autobiografie. Er liest aus diesem Buch und stellt zudem eigene Gedichte vor.

Die schwedische Dichterin Judith Kiros wählte für ihren hoch gelobten Debütband „O“ einen ähnlichen Zugang, trat dem Phänomen Othello jedoch mit einer stilistischen Breite und Vielfalt aus vielerlei Perspektiven entgegen, die jegliche Gattungs-Einengungen zum Fenster hinauswirft. Da geht es von Lyrik über Dialoge bis zu essayistischen Zugängen. Ein Zitat: „Race and sexuality appear as projections, playing over the players like dark light. Through other eyes, the white woman becomes impure; the black man becomes the Moor.” Auch sie liest daneben aus eigenen Gedichten.

Die Moderation des Gesprächs übernimmt Léonce W. Lupette.

Silent Green Kuppelhalle Gerichtstr. 35, Wedding, Sa 13.6., 17 Uhr, 9/7 €


Wir hören Stimmen: Weltklang der Poesie

Milena Markovic © Milan Stošić

Stets ein Höhepunkt des Festivals, in vergangenen Jahren meist eher zu Beginn, dieses Jahr (fast) zum Finale: „Weltklang – Nacht der Poesie“ bringt sieben internationale Dichter:innen auf die Bühne, die in Originalsprache ihre Werke performen. Und die Anthologie mit den Gedichten, die diesen Abend begleitet, macht die Eindrücke noch bleibender. Ein intensives Erlebnis, intensive Stunden, ein Wechselbad großer Sprachgefühle, ein Best-of ohne Anspruch auf Vollständigkeit, aber dafür auf Extraklasse.

Beim Weltklang 2026 lesen der ebenso subversive wie witzige deutsche Dichter Rudi Burkhardt, die jamaikanische Ausnahmelyrikerin Lorna Goodison, der polnische rising star der queeren Literatur Stanisław Kalina Jaglarz, die auch als Dramatikerin sehr bekannte serbische Lyrikerin Milena Marković, die aus Belarus stammende und seit mehr als 20 Jahren in den USA lebende preisgekrönte Schriftstellerin Valzhyna Mort, die zu den wichtigsten Stimmen der jungen französischen Gegenwartspoesie zählende Laura Vazquez und die im südkoreanischen Seoul geborene und jetzt im holländischen Utrecht lebende Dichterin Mia You, die K-Pop, Wittgenstein, Freud und Sparkling-Heart-Emojis mischt.

Vorgestellt werden die Dichter:innen von Julia Cimafiejeva, Odile Kennel, Awuor Ouma, Tomasz Różycki, Lea Schneider, Alexander Schnickmann und Verica Tričković.

Silent Green Kuppelhalle Gerichtstr. 35, Wedding, Sa 13.6., 19 Uhr, 20/12 €


Berliner Rede zur Poesie: Valzhyna Mort

Valzhyna Mort © Marco Giugliarelli for the Civitella Ranieri Foundation 2023

Wie der Weltklang war die Berliner Rede an die Poesie in vorangegangenen Jahren eher zu Beginn des Festivals als zum Ende programmiert. Die elfte Rede, gehalten von der Dichterin Valzhyna Mort, beschließt in diesem Jahr das große Lyrikfest. Valzhyna Mort, 1981 im seinerzeit noch sowjetischen Minsk geboren, heute Belarus, lebt seit 2005 in Washington D.C. und schreibt in belarussischer und englischer Sprache. Für ihren 2020 erschienen Gedichtband „Music for the Dead and Resurrected“, der im Jahr darauf in der Übersetzung von Katharina Narbutovič und Uljana Wolf unter dem Titel „Musik für die Toten und Auferstandenen“ bei Suhrkamp erschien, wurde sie mit einem der wichtigsten Preise für Poesie geehrt, dem International Griffin Poetry Prize.

Ihr Redetext „Long Lines, Long Days“ ist ein Prosagedicht, das seinen Ursprung in einem Foto hat: eine Frau, die vor den Wassermassen des Kachowkaer Staudamms flüchtet, in den Armen ihr Kind. Jenen Staudamm, den die russischen Invasoren am 6. Juni 2023 in der Ostukraine zerstört hatten. Dieser Text verweist, in verdichteter Bildsprache, dabei auf ihre eigene Kindheit, ihre eigene Familiengeschichte. Zur Großmutter Janja, Waisenkind im Zweiten Weltkrieg. Zur Urgroßmutter Jusefa, jung gestorben, die auf einem Gehöft gelebt hatte, Alexandrowitschi, das zwangsgeräumt und niedergebrannt wurde. Wo jetzt ein Hügel ist, den Mort vom nahem Ort ihrer Kindheit sehen konnte. Eine Horizontlinie. „Alles, was ich schrieb, maß ich an dieser von Jusefas rundem Gesicht gehaltenen Horizontlinie“, schreibt Mort in dem Text, übersetzt von Katharina Narbutovič.

Silent Green Kuppelhalle Gerichtstr. 35, Wedding, So 14.6., 19 Uhr, 12/9 €

Alle Infos zum Festival, Zeitplänen und Tickets findet ihr hier


Mehr Literatur aus und über Berlin

Neuer Essayband: Alice Hasters über „Anti-Opfer“, Social Media und Post-Hoffnungslosigkeit. Frage an die Lesebühnen-Legende: Sag mal, Ahne: Warum berlinert Gott? Unser Mai-Gast in der tipBerlin Literturkapelle: Bestsellerautor Kristof Magnusson mit seinem rasanten Roman „Die Reise ans Ende der Geschichte“. Was würde wohl Denis Scheck über Christiane Rösinger und ihr neues Buch „The Joy of Ageing“ sagen? Bonuskonsonanten: Ein wunderbares Buch über das Stottern von „Zeit“-Redakteur David Hugendick – „Jetzt sag doch endlich was“. Eine Comic-Trilogie würdigt den französischen Philosophen Gilles Deleuze. Hört doch mal rein: Unser tipBerlin-Podcast Literaturkapelle – zweite Folge, zu Gast: Alena Schröder.

Das könnte dich auch interessieren