Roman „Das glückliche Schicksal“: Matthias Nawrat füllt Lücken

Manchmal fühlt es sich so an, als läge hier der Nabel der Welt. Berlin ist die Stadt in Deutschland, die einen am stärksten in Verbindung mit der Welt bringt“, sagt Matthias Nawrat. Seit 14 Jahren wohnt der 46-Jährige hier, nach Stationen in der Schweiz, in Freiburg, Heidelberg und Bamberg. Dorthin war er 1989 als Zehnjähriger mit seiner Familie aus dem polnischen Opole emigriert.
Dass der Schriftsteller, der kürzlich mit dem Berliner Literaturpreis ausgezeichnet wurde, genau hier lebt und schreibt, liegt auch an der Atmosphäre in der Stadt. „In Berlin gibt es so viele Begegnungen mit Menschen oder Dingen, die irgendwie mehr erzählen, als man konkret sieht“, sagt er.
Die Stadt spiele immer eine Rolle in seinen Texten, auch wenn sie nicht – wie in seinem 2019 erschienenen Roman „Der traurige Gast“ – expliziter Schauplatz sei, sagt er. „Auch wenn Berlin seine dunklen Seiten hat, ist es für mich weiterhin eine faszinierende, lebendige und auf eine Art auch hoffnungsvolle Stadt. Es ist gut, die Luft hier zu atmen.“
Die Verortung Berlins in Europa habe Ähnlichkeiten mit seiner eigenen Biografie und seiner Familiengeschichte, sagt er. Dieses „,Dazwischen’ zwischen dem Osten und dem Westen“ habe nicht nur eine geografische, sondern auch eine poetische Bedeutung für ihn. „Man begegnet hier im Grunde genommen ständig sowohl der Gewaltgeschichte Europas und der Welt als auch der Gewaltgegenwart, also den vielen Geflüchteten. Man ist konfrontiert mit der Armut und diesen ganzen Biografien, die durch die Gewalt in der Welt zerstört wurden.“
Alltagssituationen hält er in einem literarischen Tagebuch fest, manchmal entstehen daraus Geschichten.
Nawrat interessiert, wie sich Menschen in moralischen Dilemmata entscheiden
Sich selbst sieht er in einer Tradition des Erzählens, die die Vergangenheit anhand der Gegenwart befragt und umgekehrt. Ihn interessiere vor allem, wie Menschen sich entscheiden, wenn sie durch politische Umstände vor ein moralisches Dilemma gestellt werden, erzählt er.
Sein neuer, am 13. März erschienender Roman „Das glückliche Schicksal“, der 1983 in Krakau sowie während des Zweiten Weltkriegs in einem Gefangenenlager in Russland spielt, verhandelt genau diese Fragen. Matthias Nawrat schreibt auf Deutsch; gelernt hat er die Sprache als Kind in erster Linie über das Lesen von Büchern, als Jugendlicher schrieb er erste eigene Texte.
Seine Beziehung zu Sprache sei eine besondere, vor allem aufgrund seiner polnischen Herkunft, sagt er. „Mein Großvater war in Auschwitz inhaftiert und hat dort auch Deutsch gelernt. Die Sprache hatte für ihn eine völlig andere Bedeutung. Er hat uns Kindern immer wieder Bruchstücke von Liedtexten vorgesprochen, die sie in der Kolonne singen mussten.“
Er selbst lotet die Feinheiten von Muttersprache und Zweitsprache immer wieder aus. Bis heute faszinieren ihn Redewendungen und deren unterschiedliche Assoziationen in den jeweiligen Ländern. „In Polen sagt man auch, das etwas ‚bergab geht‘. Aber damit ist gemeint, dass das Schlimmste geschafft ist und es jetzt leichter wird.“
Vor allem interessieren ihn die Lücken zwischen einem Wort und dem, was es bezeichnet. Diese Zwischenräume sucht er in seinem eigenen Schreiben und findet sie in der Literatur. „Wenn ich lese, lebe ich geistig auf, ich werde zu einem Individuum und muss nicht mehr in einer Maschinerie funktionieren“, sagt der Autor. Er halte sich gerne in einem Text auf, wenn eine gewisse Menschlichkeit aufscheine und eine Sensibilität für Sprache erkennbar sei. „Dann kann ich die Tiefen der menschlichen Existenz trotzdem ertragen.“
Text: Julia Schmitz
„Das glückliche Schicksal Rowohlt Hardcover, 272 S., 24 €
