Von der Pfaueninsel in den Balkan: Unsere Tipps für den Bücherurlaub

„Träume aus Feuer“ von Florian Illies: Einmal Pfaueninsel und zurück
Florian Illies’ neues Buch „Träume aus Feuer“ führt zu einem der schönsten und sagenumwobensten Berliner Ausflugsziele, der Pfaueninsel. Und da es nur 143 Seiten schmal ist, sollte man es tatsächlich bei einer Tagestour an dem Ort lesen können, wo es spielt, und in die Jahre 1686 bis 1688 abdriften, als dort der Alchemist Johannes Kunckel in seiner neu errichteten Glashütte experimentierte. Sein Gönner, der Große Kurfürst, hattet ihm die Insel geschenkt und erwartete dafür nicht nur goldrubinfarbenen Glaszauber, sondern auch Ware für den Sklavenhandel. Nein, die alte Zeit war nicht gut. (Stefanie Dörre)
Was man mögen sollte Intrigen am Hofe. Realität und Fiktion ganz charmant verwebt
Florian Illies „Träume aus Feuer“ Pfaueninsel Verlag, 143 S., 20 €

„Die Straße“ von Robert Seethaler: Fest des feinen Blicks
Beinahe wäre aus der lange leer stehenden Kohlenhandlung eine im Viertel ersehnte Frittenbude geworden. Jetzt will dort ein Mann ein Antiquariat eröffnen. In der Heidestraße 24. Robert Seethalers neuer Roman „Die Straße“ ist ein Fest des feinen Blicks. Aus der 14 tritt ein junges Mädchen. Zwischen der 22 und 23 steht die Statue des heiligen Jolander. Leblose Person vor der Bäckerei in der 17. Und eine Stadt im Wandel, auch hier, in der Straße. Ein Buch, das die Sensibilität für die kleinen Dinge schult. Was man ja nun in jedem Urlaub brauchen kann. Und dabei meinen wir nicht die Souvenirstände im Touriviertel. (Erik Heier)
Empfohlen für Stadturlaube: in preiswerten Pensionen
Robert Seethaler „Die Straße“ Claassen, 240 S., 25 €

„Reisen“ von Felicitas Hoppe: Die Weltreise ist nicht genug
Fast 30 Jahre ist es her, dass die Berliner Literatin Felicitas Hoppe auf dem Frachtschiff „Contship Lavagna“ rund um die Welt schipperte, wie wir ihrem neuen, flirrend klugen Essayband „Reisen“ entnehmen. Aus dem heimatlichen Hameln trieb sie einst ein „hässliches Astma“ zum ersten Mal raus in die noch nicht so weite Welt (die Insel Langeoog). Aber aus Hameln nahm sie den Rattenfänger als Paten mit. Weil der Flötenverführer die drängendste Frage stellt: „Wollen wir bleiben, oder ziehen wir aus?“ Und Hoppe resümiert: „Unserem reisenden Irrsinn sind keine Grenzen gesetzt, denn als erprobte Anbieter wissen wir: Die Welt ist zwar klein und schrumpft täglich, aber keiner von uns hat bis dato alles gesehen.“ Na denn: Gute nächste Reise! (Erik Heier)
Empfohlen für Reisesehnsüchtige. Ob die Reise nun über Schienen, Highways, Ozeane führt. Oder durch den eigenen Kopf. Weiter, immer weiter.
Felicitas Hoppe „Reisen“
Hanser Berlin, 128 S., 20 €

„Balkanblut“ von Frank Willmann: Balkan mit Ballern
An der Stadionmauer des Fußballclubs FK Obilić Belgrad begegnet dem Berliner Journalisten Frank Willmann im Jahr 2014 das Konterfei von Arkan, einem serbischen Gangster, Kriegsverbrecher und Volkshelden, der in den 70ern in diversen Ländern per Haftbefehl gesucht wurde, in den Niederlanden „Babyface-Metzger“ hieß und 1993 in Serbien wie ein Halbgott verehrt wurde. „Scarface ohne Narben“: Willmanns Buch „Balkanblut“ legt faszinierend die Abgründe und Mythen bloß. Und geht dorthin, wo es weh tut.
Hier lesen Nachtzug nach Belgrad.
Frank Willmann „Balkanblut. Leben und Sterben des serbischen Mafiosos und Warlords Arkan“ Tropen, 304 S., 24 €

„Palastplatte“ von Maren Flore: Ferien der Mädchen
Ein Buch wie ein Argument für das Teenager-Kind, das Handy wegzutun. Eine Mädchenfreundschaft in den Ferien im Hochhausviertel, aus der eine zarte Liebe werden kann. Ein stolzer Vater, dessen Blick plötzlich „eigenartig schaulich“ wird und der berserkerhaft den Garten niederwütet. Erste Küsse mit Jungs, die weh tun. Und die Liebe zur Literatur, immer. Der zarte, sich mit leiser Dringlichkeit auffächernde Roman „Palastplatte“, deren Autorin unter Pseudonym schreibt, wurde als Jugendbuch des Monats Juni von der Deutschen Akademie für Kinder- und Jugendliteratur ausgezeichnet. (Erik Heier)
Passend für Familienurlaub im Funkloch.
Maren Flore „Palastplatte“
Schöffling & Co., 224 S., 23 €

„Harte Strandparty“ von Inga Machel: Messer, scharf
Gegen Ermattung in Urlaubswoche drei knalle man sich dieses Wahnsinnsding auf die Synapsen. Drei Storys, die wild um sich schlagen, meilenweit weg von „lauwarm“. Linda wächst auf im Nirgendwo. „Freunde: keine/Feinde: Fast alle/Größter Traum: von hier weg“. Redet mit: einem Messer. „Menschen sind für Messer gemacht, nicht für Maschinen”, sagt der Ganove – Suff, Drogen, Sehnsüchte – mit einem abgeknallten Jungen im Kofferraum. Dazu eine Mörderin mit „ungünstiger Herkunftsgeschichte“ in der Todeszelle. Mit Inga Machel wird jeder Hotelpool zum Abgrund. (Erik Heier)
Geeignet zum All-inclusive-Aufrütteln.
Inga Machel „Harte Strandparty
Rowohlt Hardcover, 224 S., 24 €

„Manchmal muss man sich entscheiden“ von Domenico Müllensiefen: Straße der Albträume
Sandra fährt Schweine oder Schrottelektronik von A nach Irgendwo. Ihr Konto ist fast leer, ihr Partner im Auslandseinsatz in Afghanistan gestorben, neben ihr sitzt ihre Teenager-Tochter. Und wo ihr Zuhause war, ist jetzt ein Tagebau. Und dann steigt Dirk bei ihr ein, ihr Ex, ein Reichsbürger, gerade aus dem Knast raus. Und in ihrem Lkw sind zwei afghanische Flüchtlinge. Kaum ein Romancier erfasst derzeit die Gemütslage im deutschen Osten mit derartiger Wucht wie Domenico Müllensiefen. Sein dritter Roman ist ein packender Roadtrip durch Europa. Und die (ost-)deutsche Seele. (Erik Heier)
Wo lesen On the road. Per Anhalter. Durch Europa.
Domenico Müllensiefen „Manchmal muss man sich entscheiden“ Kanon, 192 S., 22 €

„Du, hier“ von Julia Wolf: Mitten der Leben
Aus schwer erklärlichen Gründen haben es Kurzgeschichten in diesem Land schwerer als Romane. Diesem Umstand wollen wir hier diesen wunderbaren Kurzgeschichtenband der Berliner Schriftstellerin Julia Wolf entgegenhalten. „Du, hier“ erzählt in elf Storys von Frauen um die Mitte des Lebens herum, die zeigen, dass Komfortzonen eben oft auch Sackgassen sind. Irgendwann sind Lebensentwürfe jedenfalls auch nicht mehr das, was sie mal waren. Dann kippt etwas. Ob es die Party zum 40. der Freundin ist, der Tod der Schwiegermutter oder ein Dinner zu Hauseinweihung. Feinsinnige Storys, die nicht viel Zeit brauchen, um in die Tiefe zu gehen. (Erik Heier)
Geeignet für Kurzstrecke im Regio, Warteschlange am Freibad.
Julia Wolf „Du, hier“ dtv, 256 S., 24 €

„Tote auf Urlaub. Berlin 1919“ von Klaus Gietinger: Stadturlaub mit Mordslaune
Mal unter uns: Historische Berlin-Krimis sind doch meistens Mist, entweder schlecht recherchiert oder die Charaktere verhalten sich komplett ahistorisch. Nicht so bei diesem Werk des Filmregisseurs Klaus Gietinger. Der hat die Ereignisse rund um die Novemberrevolution akribisch in bisher sechs Sachbüchern erforscht. Jetzt also ein Krimi über die Morde an Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg, aber abgesehen von den beiden Hauptfiguren sind alle Protagonisten belegt. Als wäre Döblins „Berlin Alexanderplatz“ plötzlich ein Politthriller geworden. (Lutz Göllner)
Besonders empfohlen für Stadturlaub in Balkonien
Klaus Gietinger „Tote auf Urlaub. Berlin 1919“ Die Buchmacherei, 492 S., 18 €

„The Joy of Ageing“ von Christiane Rösinger: Generationengruß am Sonnenstrand
Im Liegestuhl behaglich gegen alle Arthosenwahrscheinlichkeiten die Glieder weit von sich strecken und den reichlich stilles Wasser in sich reinkübelnden Nachbarn der Generationen Millennial und jünger zuprosten: So stellen wir uns das Urlaubsglück einer „Senagerin“ (aus „Teenager“ und „Senior“) sein, wie sie Christiane Rösinger in ihrer gut gelaunten Altersfibel „The Joy of Ageing“ beschreibt: jugendliches Lotterleben, aber ohne Schullast, Akne, Verhütungsbedarf. In Würde altern? My ass! Ein „moderat drogenakzeptierender Hedonismus“ mit 70? Yes, warum denn nicht! Komme da ja keiner mit Spätfolgen. Dafür ist es spät. Gut so. (Erik Heier)
Hier lesen Ostseestrand, Prinzenbad.
Christiane Rösinger „The Joy of Ageing“ Rowohlt, 288 S., 24 €

„Der Westen. Eine ostdeutsche Empfindung“ hg. von Cornelia Geißler: Westreisebürotalk
In einem vom damaligen Kanon-Verleger Gunnar Cynybulk angeregten und von der Journalistin Cornelia Geißler herausgegeben Lesebuch sortieren ostdeutsche Literaten ihr Bild vom Westen. Ein Westreisebüro der Denklust. Tom Jonas Müller schreibt – im stärksten Text – über die Sprachlosigkeit der „Generation Golf GTI“ („GTI“ wie „Ganztagsidioten“), Annett Gröschner über die 90er-Herkunftsverleugnung Ostdeutscher, Thomas Brussig über westliche Verständnisprobleme mit DDR-Komödien. Genau hier könnte ein fruchtbarer Urlaubsdialog beginnen. Das wäre doch gelacht. (Erik Heier)
Hier lesen Bei Tischgesprächen in der Raststätte Marienborn.
Cornelia Geißler (Hg.) „Der Westen. Eine ostdeutsche Empfindung“ Kanon, 176 S., 22 €

„Die Verluste“ von Florian Scheibe: Familienreisebegleiter
Wenn es am Familientisch mit dem wunderlichen Bruder oder dem schwadronierenden Onkel hakt: Woanders isses auch nicht dufte. Wie im Familienroman des Berliner Autors Florian Scheibe, der in Braunschweig, Berlin und am Bodensee spielt. Klaus wird 80, aber der Patriarch hat Angst. Er will einen Bunker gegen die wirre Welt bauen. Im Spiegel sieht er einen Greis. Seine Frau Kaja, zehn Jahre jünger, ist das Alphaweibchen der Familie. Die drei Kinder – Augenarzt, Schriftsteller, Umweltaktivistin – haben auch ihre Kämpfe. Die Brüche der Zeiten in einer verhaltensauffälligen Familie. (Erik Heier)
Besonders empfohlen für Jedweden Familienurlaub.
Florian Scheibe „Die Verluste“ btb, 512 S., 25 €
