Von Poesiefestival bis Bücherfest: Speeddating für Berliner Lesefans

Rasant getaktet sind die Kennlernmomente. Jede Literatin, jeder Schriftsteller kriegt zehn Minuten. Ein Abend, zwei Etagen, zehn Lesungen. Treppauf, treppab. „Seitenrauschen“, das Lesefestival der Berliner Verlage im Brecht-Haus, ist auf eine gewisse Art ein literarisches Speeddating.
Wer binnen eines Monats das interessante Ansinnen verfolgten sollte, sich so viele Literaturerlebnisse hintereinander wie möglich zu geben, dürfte im Juni jede Menge Kreuze im Kalender stehen haben.
Es ist ja bekanntlich nicht so, dass in den anderen Monaten im Bücher-Berlin tote Hose wäre. Aber der Juni ist die reinste Literatur-Blockveranstaltung. Und wir haben Bock auf Block. Auch wenn die Weltenlage mitunter garstig ist. Oder gerade deshalb.
Seitenrauschen: Zehn Bücher, je zehn Minuten
Bei der dritten Auflage des „Seitenrauschen“-Festival am Anfang des Monats stellen sich zehn Berliner Verlage am Donnerstag, 4. Juni, ab 19 Uhr mit jeweils einem Buch aus dem Frühjahrsprogramm im Literaturforum im Brecht-Haus vor. Wobei Lutz Klüppel vom Literaturforum mit dem Speeddating-Gleichnis auf den beiden Bühnen im Saal und im Keller einiges anfangen kann. „Die Autor:innen werden von ihren Verlagsleuten, von Lektor:innen vorgestellt“, sag der. „Sie lesen kurz vor. Und dann kommt – zack! – der Nächste.“
Unter anderem präsentiert Lukas Hoffmann für den März-Verlag sein Debüt „Wassermann“, einen Gen-Z-Roman über Solidarität inmitten einer Revolte. Park X Ullstein bringt Yade Yasemin Önder mit ihrem viel bestaunten Dating-meets-Kinderwunsch-Roman „Anti Müller“ mit. Und Claasen kommt mit Helene Bukowski und ihrer herausragenden dialogischen Spurenerfühlung über den Suizid einer jungen DDR-Pianistin, „Wer möchte nicht am Leben bleiben“, die für den Sachbuchpreis der Leipziger Buchmesse nominiert war.
Poesiefestival im Silent Green
Das Prinzip mehrerer Lesungsorte an einem Ort lässt sich auch bei der zweiten Phase des Poesiefestivals Berlin erleben. Nach zwei dezentralen Mai-Wochen bezieht das Hauptfestival ab 2. Juni für die beiden restlichen Wochen sein Hauptdomizil im Silent Green in Wedding, wo nicht nur Kuppel- und Betonhalle lyrisch bespielt werden, sondern auch der Rasen, wenn bei freiem Eintritt 50 Lyriker:innen an drei Tagen im Grünen lesen: am 6. und 7. Juni sowie zum Lyrikmarkt am 13. Juni. Speeddating mit Versmaß.
Das Festival kümmert sich um den Dichter Rilke und dessen 100. Todestag („Im Juniversum von Rainer Maria Rilke“, Montag 8.6., LCB am Wannsee), widmet sich in thematischen Festivalabenden den Mythen als lebendige Erzählformen („Writing Myth“, Dienstag 9.6., Silent Green), setzt sich mit dem zumeist weiß und männlich geprägten „Kanon“ europäischer Literatur auseinander („Re-Writing a Canon“, Mittwoch 10.6., Silent Green) und ergründet neue Sprachräume beim Spannungsfeld von Trauer und Verlust („Writing Grief“, Donnerstag 11.6., Silent Green).
Von einer derzeit überaus reizbaren politischen Gemütslage bei Kulturveranstaltungen mit Skandalisierungspotenzial von rechten Portalen bis zu anti-israelischen Boykottverfechtern mag man sich beim Festival nicht tangieren lassen. „Wir haben uns ja einfach stur gestellt und uns nach interessanten Texten umgeschaut, die zu den Themen passen, die wir uns überlegt haben“, sagt Festivalchefin Katharina Schultens. „Wir haben immer breit eingeladen und wir laden weiterhin breit ein.“
Beispielsweise bilden drei aktuelle palästinensische Stimmen, Oud-Improvisationen des Musikers Bakr Khleifi und (vom Band) die Stimme des großen, 2008 verstorbenen Dichters Mahmoud Darwish am Dienstag, 3. Juni, das Gerüst eines Abends, der mit einer Zeile aus Darwishs berühmten Gedicht „Belagerungszustand“ betitelt ist: „Keine dieser Nachrichten stört die zivilisierte Welt“. Zwei der Gäste haben Katharina Schultens zufolge bis vor kurzem in Gaza gelebt: die Lyrikerinnen Batool Abu Akleen und Alaa Alqaisi.
Die Dichterin, die Drohnen steuert
Tags zuvor sind zwei ukrainische Dichterinnen unter dem Titel „Versuche, in einem minenfreien Feld zu säen“ zu Gast. Eine der beiden, Yaryna Chornohuz, schreibt ihre Gedichte als Marinesoldatin an der Front – wenn sie nicht gerade Drohnen gegen russische Invasoren steuert. Wobei der Schrecken des Krieges jedoch nie das Menschliche, das Verletzliche, die Zärtlichkeit verdrängt. Weil sich das alles eben nicht trennen lässt.
So hält auch belarussische Dichterin Valzhyna Mort mit der elften „Berliner Rede an die Poesie“ zum Festivalfinale „eine hochpoetische Rede, die autobiografisch davon geprägt ist, wie sie ins Schreiben kam“, wie Festivalleiterin Schultens sagt. „Und trotzdem ist das alles auch extrem politisch“, setzt sie hinzu. „Was um dich herum passiert, kannst du als Dichterin ja nicht fernhalten.“
Großes Miteinander auf dem Bebelplatz
Das gilt, schon qua Veranstaltungsort, auch am letzten Juni-Wochenende für das Berliner Bücherfest auf dem Bebelplatz in Mitte mit 90 Verlage, 28 Buchhandlungen und über 60 Autor:innen – wo das in den Boden eingelassene Denkmal an die Bücherverbrennung im Nazi-Deutschland 1933 gemahnt.
In diesem Jahr sei das Motto das gemeinsame Miteinander, sagt Miriam Gabriela Möllers, Geschäftsführerin des Börsenverein Landesverband Berlin-Brandenburg, die das Bücherfest federführend organisiert. „Es geht um Facetten von Gemeinsamkeit, um das Lagerfeuer. Wie verändert sich unser soziales Miteinander, wie die Orte unserer Begegnungen im Kontext von Veränderung öffentlicher Räume und Bezug in digitale Räume?“ Auf dem Plan: 40 Veranstaltungen.
Mit Katerina Poladjan ist die Gewinnerin des Belletristik-Preises der Leipziger Buchmesse gleich zum Anfang am Samstag um 12 Uhr auf der Bühne. Horst Evers verbreitet Leichtigkeit. Wer beim „Seitenrauschen“-Fest Yade Yasemin Öder verpasst hat, bekommt „Anti Müller“ am Samstag im Großen Zelt noch einmal geboten. Und der Münchener „Vorlesefriseur“ Danny Beuerbach macht seinen Schnitt. 20.000 Besucher:innen kamen letztes Jahr. Jede Menge Haarschnitte.
Verlustschmerz mit Klaus Lederer und Monika Grütters
Viel Freude beim Verlustschmerz wünschen wir jedenfalls, wenn der ehemalige Kultursenator Klaus Lederer am Sonntag unter anderem mit der früheren Kulturstaatsministerin Monika Grütters diskutiert. Wenn auch nicht darüber, welche Merkwürdigkeiten ihre Nachfolger:innen veranstalteten. Sie reden über den unabhängigen Buchhandel. Aber trotzdem.
Politisch dürfte jedenfalls der Auftritt von Manja Präkels, Tina Pruschmann und Barbara Thériault am Samstag werden. Die Schriftsteller:innne waren als „Überlandschreiberinnen“ in Ostdeutschland unterwegs. Ihre Stimmungsberichte sind unter dem Titel „Extremwetterlagen“ beim Berliner Verbrecher Verlag erschienen, der zuletzt mehrfach mit scheißestürmischen Ärgernissen konfrontiert war, unoriginellerweise einerseits von einem rechten Krawallportal und andererseits von antisemitischen Hasskommentatoren. Im Herbst drohen nun bei zwei Landtagswahlen im Osten rechtsextreme Wahlsiege. Extremwetterlagen eben.„Das ist schon eine Veranstaltung und ein Buch und ein Verlag, der uns und dem Anspruch dieses Ortes und dieses Festes, das das demokratische Miteinander feiert, sehr gerecht wird“, sagt Miriam Gabriela Möllers.
Daneben müsse das Bücherfest aber auch zeigen, dass Literatur und Sachbuch „auf hohem Niveau“ unterhaltend sei. Weshalb sie sich eben auch sehr freue, dass ein Horst Evers dabei sei. „Diese Spannbreite ist es.“
Ein Juni zum Jubeln, wer Bücher liebt.
Festivals im Überblick
Poesiefestival Berlin (Hauptfestival) u.a. mit Yaryna Chornohuz & Kateryna Kalytko, Zebra Poetry Film Festival, Im Juniversum von Rainer Maria Rilke, Jason Allen-Paisant & Judith Kiros, Weltklang – Nacht der Poesie; Silent Green, Gerichtstr. 35, Wedding, Di 2.6.–So 14.6., diverse Ticketpreise, alle Infos: www.hausfuerpoesie.org/de/poesiefestival-berlin
Seitenrauschen 2026: Lesefestival mit Berliner Verlagen u.a. mit Carla Bessa, Alisha Gamisch, Clara Leinemann, inkl. Party, Literaturforum im Brecht-Haus, Chausseestr 125, Mitte, Do 4.6., 19 Uhr, 8/6 €, alle Infos: www-lfbrecht.de/event/lesefestival-mit-berliner-verlagen
Berliner Bücherfest 2026 u.a. mit Katerina Poladjan, Daniel Schreiber, Horst Evers, Dita Zipfel & Susanne Schirdewahn, Helga Schubert; Bebelplatz, Mitte Sa 27. ab 11.45 Uhr–So 28.6. ab 11.30 Uhr, Eintritt frei, alle Infos: www.berliner-buecherfest.de
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