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Yael Inokais neuer Roman „Die Auster“: Wie kommt die tote Hand in die Austernbar?

Yael Inokai schreibt in ihrem neuen Berlin-Roman „Die Auster“ Sätze, mit denen man Händchen halten möchte. Hände spielen darin auch eine (makabere) Rolle. Und ein Berliner Luxuskaufhaus. Wir gingen mit ihr ein Stück durch Wilmersdorf
Text: Erik Heier
Veröffentlicht am: 03.08.2026
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Yael Inokai hat ihren erstem Berlin-Roman geschrieben  © Foto: Jacintha Nolte

Eine Hand. Direkt am Handgelenk abgetrennt. Gefunden im Fischrestaurant eines Luxuskaufhauses. Zwischen Austern auf Eis.

Die Hand gehört dem Geschäftsführer des Berliner Shopping-Tempels, das dem Kaufhaus des Westens nicht unähnlich zu sein scheint. Aber Dr. Bronstett braucht seine Hand nicht mehr. Er ist tot. Ermordet in seinem Anwesen im Grunewald.

Seine zweite Hand fehlt übrigens auch.

In ihrem vierten Roman hat die mehrfach ausgezeichnete Schriftstellerin Yael Inokai sichtlich Freude an drastischen Details. Ihr neues Werk „Die Auster“ ist ebenso makaber wie makellos.

In Basel geboren, kam sie, nach einer Station in Wien, 2012 zum Studium an der Deutsche Film- und Fernsehakademie Berlin in die Stadt. Ihr neues Buch ist ihr erstes, das in ihrer Wahlheimat spielt. Mit dem Shopping-Tempel als zentralen Ort, der die Lebenswege derer bündelt, die ihn betreten, auf Zeit oder von Dauer. Yael Inokai hat einmal Vicki Baums Unterhaltungsroman „Menschen im Hotel“ (1929) als Inspiration markiert. Jeder gute Krimi entfaltet vor allem ein Gesellschaftspanorama.

Sätze, mit denen man Händchen halten möchte

An einem – sich etwas zögerlich letztlich doch für den Sommer entscheidenden – Juli-Nachmittag sind wir zu einem Spaziergang durch Wilmersdorf verabredet, ihrem Wohnbezirk seit neun Jahren. Von unserem Treffpunkt am Prager Platz – Fontänen in der Mitte, Rasen drumherum, Hecken auch –, der für Inokai das wohlsortierte Flair einer westdeutschen Kleinstadt verbreitet, lassen wir uns zunächst zur sechsspurigen Bundesallee treiben, wo die 1960er-Jahre gern ihre autogerechte Stadt zurück hätten.

Ursprünglich, erzählt sie im Gehen, habe sie einen klassischen Krimi schreiben wollen. Mit einer Kommissarin als Hauptfigur. Die auch in der ersten Szene am Tatort auftaucht, die Putzfrau befragt. Leonora, 73, seit 45 Jahren im Dienst von Joachim Bronstett, hat dessen handlose Leiche gefunden. Und vor Schreck erst mal saubergemacht. Erst das Gröbste. Dann mit Staubsauger. Und schließlich feucht nachgewienert. Spurentechnisch war das nicht ideal.

Als Yael Inokai sich diese erste geschriebene Passage besah, fand sie die Kommissarin als Hauptfigur gar nicht mehr so spannend. Anderes als Leonora Bloch, auf die selten ein Scheinwerferlicht fällt. Die mit Friedhelm, dem erfolgskargen Kaufhausdetektiv, TV-Krimis guckt. Der ihr Ex, ein Dentist, trotzdem die Zähne macht. Und deren Sohn vor Jahren starb, ihr manchmal aber doch erscheint, wenn sich ein „Riss in der Zeit“ auftut.

„Die Figur war schon angelegt“, erzählt Yael Inokai. „Man musste sie quasi noch ein bisschen ins Licht stellen.“ Eine befreundete Kollegin, Stefanie de Velasco, sah das genauso.

Und Leonora zeigt nach und nach Gefallen daran, über die grausige Tat zu sinnieren. Zudem soll sie sich, der Verstorbene hat es so verfügt, um die Beerdigung kümmern. Und muss sich mit Bronstetts Tochter befassen, dieser Felsenfestung mit nachtblauem Mercedes, in deren Blick etwas verborgen liegt, ein Labyrinth vielleicht.

Yael Inokai ist bei üblich verdächtigen Schreibschulen (Biel, Leipzig) abgeblitzt, ihr Debüt „Storchenbiss“ von 2012 verkaufte sich dürftig. Zwischenzeitlich jobbte sie als Fremdenführerin im ehemaligen Flughafen Tempelhof. Doch mit ihrem dritten Roman „Ein simpler Eingriff“ stand sie 2022 auf der Longlist für den Deutschen Buchpreis. Ein Wunderwerk, in dem sie mit weltwacher prägnanter Prosa von fragwürdigen Operationen an Gehirnen von Frauen erzählte und in dem es zum Beispiel eine sagenhaft gut geschriebene lesbische Liebesszene gibt. Und wir wissen doch alle, dass die Literaturgeschichte voll ist von missratenen Beischlafbeschreibungen.

Und auch bei „Die Auster“ staunt man lesend über ihre feinjustierte Kunstfertigkeit, mit wenigen Worten und straffgezurrten Wendungen kathedralengroße neue Hallräume aufzutun. Diesmal stärker auch mit einem zielsicheren Humor, der nicht drauflos kracht, sondern sich sanft reinstreichelt.

Da lernen wir zum Beispiel eine junge Frau kennen, die später eine wichtige Rolle spielen wird, hier aber, höchstens 18, „ihre fehlenden Lebensjahre zu einer Frisur toupiert (hatte), die jedem Menschen hinter ihr die Sicht raubte.“ So viele Sätze, mit denen man Händchen halten möchte.

Man ahnt, dass solche Sätze der Autorin nicht einfach so vor die Füße fallen. Es sei ein bisschen ihr Problem, sagt sie, „dass ich wirklich so ganz, ganz lange immer überlege und deshalb dann oft nicht so viel Textmaterial habe“. Andere kämen mit 20, 30 Seiten zum Lektorat. Sie mit vier. Wovon es vielleicht ein Absatz dann ins Buch schaffe. „Auf Schwyzerdütsch sagt man: Es ist ein Knorz“, sagt sie.

Bitte was?

„Knorz. Das ist so…“ – sie vollführt eine Geste irgendwo zwischen Sich-Quälen und Aus-der-Haut-fahren. Wieder was gelernt.

Trostlosester Ort auf Erden

In diesem Luxuskaufhaus, wie es Yael Inokai auftürmt, ist alles nur edel gemeinter Anstrich mit abblätternder Farbe. Wo zum Beispiel im fünften Stock jeden Morgen den Wasserkochern, Kaffeemaschinen und Toastern die Fingerabdrücke der Kunden abgewischt werden, damit sie frisch ausgepackt aussehen und nicht wie Konsumgüter, gegen deren Erwerb sich beständig irgendjemand entschied. Der trostloseste Ort auf Erden.

Geht, sie, Yael Inokai, eigentlich selbst gelegentlich mal ins Kaufhaus?

„Ich weiß gar nicht so richtig, was ich in einem Kaufhaus so tun soll“, versetzt sie.

In der Sportabteilung lässt sie einen schlaffen Büromenschen „mit guten Vorsätzen Sportschuhe in seinen Händen“ wiegen und resümiert: „Das Wartezimmer beim Orthopäden war voll mit diesen Leuten.“

Als wir gerade über Wartezimmer reden – da schlendern wir kurz vor Ende des eineinhalbstündigen Rundgangs am pittoresk von Grün eingefassten Fennsee vorbei –, keucht uns doch tatsächlich ein Jogger entgegen, der beim Hasten etwas ins Handy brüllt. Bis bald beim Orthopäden dann.

Irgendwann reden wir noch einmal über die abgetrennten Gliedmaßen. Warum es diese Schockeffekte im Buch denn brauche?

„Also erstens habe ich ein Händchen für makabre Sachen…“, hebt Yael Inokai an. „,Händchen’ passt hier ja wirklich gut“, wirft der Autor dieses Textes ein. Inokai prustet los. „Ja, ja“, lacht sie laut, es hallt über die Brandenburgische Straße. „Das möchte ich bitte im Text drin haben!“

Gern geschehen. Hand drauf.

Yael Inokai: „Die Auster“ Hanser Berlin, 224 S., 23 € ●●●●○


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