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„Live dabei“ von Erik Heier

Dem Fernsehen als Live-Erlebnis wird bekanntlich schon länger ein baldiges Ende vorausgesagt. Das Wohnzimmerleben ist eine Mediathek, der Rest findet sich auch irgendwo im Internet, und Fußball muss man auch nicht mehr live sehen, weil am Ende sowieso immer die Bayern gewinnen. Aber seitdem es zunehmend Brauch ist, sonntags den „Tatort“ nicht nur zu gucken, sondern dabei seine Täterprognosen zu twittern, ist der Anreiz deutlich geringer, ihn tags darauf ohne die Twitter-Gemeinde von der Festplatte oder aus der ARD-Mediathek zu beziehen. Auch „Günther Jauch“ war mit seiner Talkshow oft nur dank mehr oder minder geistreicher Tweets der Zielgruppe auszuhalten.  Und neulich gab es sogar die „Lindenstraße“ live zum 30. Geburtstag zu sehen. Nun hat der Regierende Bürgermeister dem Live-TV-Genre einen weiteren Meilenstein hinzugefügt: die angemahnte Entlassung eines hohen Beamten via Fernsehauftritt. Darauf wäre nicht mal der Wowereit gekommen: zur RBB-„Abendschau“ zu marschieren und mal eben dem Sozialsenator Mario Czaja unmissverständlich Bescheid zu geben, dass er doch bitte umgehen den Chef des seit Monaten dramatisch überforderten Landesamtes für Gesundheit und Soziales, Franz Allert, entlassen möge. Der soll dann noch am selben Abend Czaja um seine Demission gebeten haben. So schnell kann es gehen. Wenn Michael Müller das nächste Mal im Fernsehen ist, werden sie im Senat und in den Behörden alle einschalten. Nicht, dass irgendwer demnächst erst tags darauf aus der Mediathek von seiner Entlassung erfährt.

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