Kultur

London

Neulich beim Konzert von Hot Chip in der Brixton Academy: Kurz bevor
die Stimmung überzubrodeln drohte, holte die unnachgiebige Security das
übermütige Publikum zurück auf den Boden der Tatsachen — und einen noch
viel übermütigeren Sänger Al Doyle zurück auf seinen Platz auf der
Bühne. Dieser hatte sich im Eifer des Gefechts in die Menge seiner Fans
gestürzt und dabei eines übersehen: die riesigen Verbotsschilder, die
mithilfe vierer durchgestrichener Männchen (drei stehend, eins
waagerecht) auf international verständlichem Piktogrammniveau das
Stagediving untersagen. Auch Rockstars müssen sich an Regeln halten,
und so ergab es sich, dass das allzu agile Bandmitglied nach einigen
Sekunden Ganzkörperkontakt schon wieder hinter seinem Keyboard stand.
Als Wahl-Londoner hätte Doyle es eigentlich besser wissen müssen: In
seiner derzeitigen Heimat ist so ziemlich alles verboten, was Spaß
macht: Kopfhörermusik im Bus, Fluchen in der U-Bahn der bloße Besitz
von Kaugummis im Club, Facebook im Büro, Rauchen sowieso. Zugegeben,
die Einschränkungen des sozialen Lebens erscheinen im internationalen
Vergleich nicht auffällig streng — es nervt jedoch die Penetranz, mit
der immer wieder auf die Verbote aufmerksam gemacht wird. „Don’t leave
your luggage unattended“, schallt es Schleife in jedem Londoner
Bahnhof, und in der Metro erkennt man das Verbot vor lauter
Piktogrammen nicht. „Don’t smoke“-Aufsteller zieren selbst die Tische
vor den Schaufenstern der Straßencafйs.
An den Geruch von Schweiß und Essen auf der Tanzfläche hat sich der
rauchwillige Londoner Clubgänger längst gewöhnt. Gelüstet es ihn jedoch
nach einer Zigarette im Freien, muss er nicht nur sein Getränk — „No
drinks outside“ versteht sich von selbst –, sondern auch seine Würde an
der Tür abgeben. Der Süchtige sieht sich von nun an komplett der
Türsteherwillkür ausgesetzt und wartet mitunter 30 Minuten, bis andere
Sinnesgenossen sich mit ihm zu einer wartenden Schlange formiert haben.
Dann endlich geht eine Tür auf, die im Superclub Fabric in eine Art
Außengehege führt. Eng aneinandergepfercht, steht dort die
Raucherspezies und spendet sich eine Zigarette lang Wärme auf
geschätzten zwölf eingezäunten, jedoch nicht überdachten Quadratmetern.
Schluss mit Kuscheln ist, wenn der Countdown nach fünf Minuten
abgelaufen ist — abzulesen auf den LED-Displays, die an den
Gitterstäben des Außengeheges befestigt sind. Dann wird es Zeit, erneut
anzustehen, dieses Mal in die andere Richtung. Dabei sollte der Club
jeden Gast schätzen, der den Weg zur Party gefunden hat. Oft verdecken
„Cancelled“-Aufkleber die Sicht auf die Daten der Veranstaltungsplakate
— eine von vielen Maßnahmen des Hackney Council zur Säuberung des
Viertels. Einer weiteren fällt demnächst auch die Straßenkunst des
Guerilla-Künstlers Banksy zum Opfer. Laut Beschluss soll von Londoner
Mauern entfernt werden, was eine ganze Generation inspirierte – und
wofür im New Yorker MoMA Eintritt und auf Auktionen ein Vermögen
bezahlt wird. Ordnung muss sein. Text: Jana Allerding

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