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„Luise“ in Charlottenburg, auf der Pfaueninsel und in Paretz

LuiseIhre Beerdigungsfeierlichkeiten im heißen Juli 1810 glichen einem Stationendrama. Es zog sich hin vom Sterbeort der Königin Luise auf dem mecklenburgischen Schloss Hohenzieritz über Dannenwalde an der brandenburgischen Grenze, Gransee und Oranienburg bis zum Berliner Schloss. Die von acht Rappen gezogene Trauerkutsche wurde angeführt vom königlichen Oberstallmeister, einer Abteilung Kavallerie sowie den Ministern des Herzogtums Meck­lenburg-Strelitz. Direkt dahinter fuhr Luises Oberhofmeisterin, Sophie von Voß, welche die Königin ihr Leben lang begleitet hatte, gefolgt von ihren Kammerfrauen und einer weiteren Kavallerieeinheit. Männer, Frauen und Kinder in einfacher Trauerkleidung flankierten, angeführt von Pfarrern und Dorfschulzen, die schwarze Kolonne. Sprachlos war das sonst so lautstarke Berlin: „Der Zulauf der Menschen war unglaublich“, schrieb Wilhelm von Humboldt an seine Frau Caroline, „aber eine Stille, die man sich kaum vorstellt, man hörte nicht einmal das sonst bei großen Haufen fast unvermeidliche dumpfe Gemurmel.“  
Noch vehementer als die stürmische Begeisterung zu Lebzeiten gedieh der Kult um die Königin allerdings nach ihrem frühen Tod mit 34 Jahren. Seinen Zenit erreichte der „Mythos Luise“ in der deutschen Kaiserzeit. Schließlich war Wilhelm I. ihr Filius. Eine Statue Fritz Schapers, welche 1901 die junge Mutter mit ihrem Zweitältesten auf dem Arm zeigt, verschaffte ihr den Nimbus als „Preußische Madonna„. Zum 200. Todestag nun spürt die Stiftung Preußische Schlösser und Gärten diesem Phänomen nach. Es ist ein Rekonstruieren und Räsonnieren in drei Akten: Während sich Schloss Charlottenburg auf „Leben und Mythos der Königin“ besinnt, widmet sich die Pfaueninsel ab Mai ihrer „Inselwelt“. In ihrem Landschlösschen Paretz schließlich kann ab 31. Juli die aristokratische Garderobe begutachtet werden.
Dieselbe spielt allerdings schon in Charlottenburg eine erhebliche Rolle. So kam etwa Schadows berühmter Schwestern-Skulptur von 1795 die damalige Chemisemode а la grecque sehr zupass, bei der das Kleid direkt unter dem Busen gegürtet wird, was die weiblichen Kurven unter hauchdünnem Mus­selin umso plastischer hervortreten lässt. Die Natürlichkeit, mit der sich hier die Kronprinzessin und die jüngere Friederike umfassen, die Lässigkeit der Umarmung – das war man am preußischen Hof nicht gewohnt, dessen Synonyme eher Drill und Steifheit hießen. Die auffällige Binde unter Luises Kinn, die einer Schwellung während des Modellsitzens geschuldet war, avancierte zum letzten Schrei – und machte sie zur Mode-Ikone. „It girl“ nennt die Preußenstiftung so was und buhlt damit augenscheinlich um eine Verjüngung ihres Publikums.
Beträchtlich ist auch Luisens Liebreiz, der nicht nur an der Spree für Aufsehen sorgte und sie lange vor Lady Di gar zur „Königin der Herzen “ avancieren ließ, wie August Wilhelm Schlegel registrierte. Das Fehlen fürstlicher Standesattribute verband sie mit „dem Volke“. Dieses bekam die erotische Prinzessinnengruppe allerdings lange nicht zu sehen, ging sie doch Friedrich Wilhelm III. zu weit – dem meist linkischen und gehemmten Gemahl. Ein Dorn im Auge preußischer Moralhüter waren Luises ausschweifende Tanzeskapaden. Auch wenn Luise ab 1794 in rascher Folge ihre zehn Kinder zur Welt brachte, hört sich ihr Alltagsleben recht gemächlich an. So pflegte sie zwischen 8 und 9 Uhr aufzustehen, mehrere Tassen heißer Schokolade zu schlürfen, um dann mit ihrer Hofdame den Küchenzettel zu beschwatzen und Anordnungen für die Toiletten des Tages zu geben. Die jüngsten Kinder wurden geherzt und geküsst. Danach folgte bis zum Mittag Zeitungs- oder Buchlektüre, wobei sie sich das eine oder andere Stettiner Bierchen genehmigte. Sodann empfing sie mit einem „Morgenmützchen“ die älteren Kinder. Zur Teestunde soll sie recht begabt auf ihrer Lyragitarre gespielt und gesungen haben – ein aktuelles französisches It-girl namens Carla lässt grüßen. Was die Stiftung Preußische Schlösser und Gärten dazu veranlasste, ihr auf Plakaten das ultramoderne Label „Working Mom“ angedeihen zu lassen, verblüfft da schon. Ein zweites – „Fashion victim“ – trifft besser,  verwandte doch Luise reichlich Zeit und Budget, um stets а la mode gekleidet zu sein. „Sie war nichts weniger als gleichgültig gegen Bewunderung und liebte den Putz mehr als nötig war“, nörgelt der Junker von der Marwitz.  Wer war sie überhaupt? Die in Charlottenburg zahlreichen Portraitbildnisse beschwören jeweils eine anmutige Schönheit in fließender Garderobe. „Alles an ihr übertrifft noch das Zauberhafteste“ befand die Malerin Elisabeth Vigйe-Lebrun, die 1802 das vielleicht schönste Portrait von ihr schuf. Inklusive Perlenpower, auf die sie schwor.
Hinter all den holden Luisen im Neuen Flügel wird ihre Persönlichkeit nicht so recht greifbar. Ein Stickrahmen mit begonnener Handarbeit schärft kaum das Profil der früh Verblichenen. Da ist die „Kauernde Kuh“, die ihr der älteste Sohn mit neun zum Geburtstag zeichnet, schon vielsagender. Oder die berührende Zeichnung, die ein unbekannter Künstler auf einem Blatt hinterließ, das Luises Augen sowie die ihrer vier ältesten Kinder zeigt. Auch wenn sie deren Erziehung nicht selbst in die Hand nahm, wie es die Legendenbildung will, so ließ sie ihnen doch reichlich Freiheiten, schwor auf Rousseau und Pes­talozzi.
Als mustergültig galt ihre Ehe, die – ungewöhnlich für die Zeit – auf wahrhaftiger Liebe basierte. Intensiv pflegte das Paar seine Partnerschaft. Zur Hochform lief Luise auf, als Napoleon dem preußischen Staat massiv zusetzte und dessen Fortbestand als Großmacht ernsthaft in Frage stellte. Als letzte Trumpf­karte sollte Luisens Charme den selbsternannten Franzosenkaiser ausstechen. „Ich komme, ich fliege nach Tilsit, wenn du es wünschst“, schrieb sie ihrem Mann 1807, „wenn du glaubst, dass ich etwas Gutes wirken kann.“ Die Königin bat Napoleon um die Rückführung westelbischer Gebiete, insbesondere Magdeburgs. Eine Rose, die er ihr darbot, wollte sie nur mit dem Versprechen annehmen, es symbolisiere Magdeburg. Napoleon, der in ihr als „blutrünstiger Amazone“ seinen eigentlichen Feind sah, schlug ihr den Wunsch ab. Skurril hält Gustav Eberleins Skulptur die denkwürdige Begegnung 90 Jahre später fest: Mit ihrer Körpergröße von 1,76 Metern überragt Lui­se Monsieur Bonaparte locker um 10 Zentimeter.     

Text: Martina Jammers

Luise. Leben und Mythos der Königin
im Schloss Charlottenburg, Neuer Flügel mit Luisenwohnung sowie Mausoleum und Luiseninsel,
bis 30.5.2010

Luise. Die Inselwelt der Königin
Pfaueninsel mit Meierei und Park­gebäuden,
1.5. bis 31.10.2010

Luise. Die Kleider der Königin
Schloss Paretz und Schlossremise,
31.7. bis 31.10.2010

 

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