Kultur

Märchenstadt Berlin

Es war einmal in Berlin… hier wirkten die Brüder Grimm und sammelten in der Region Märchen, hier liegen sie begraben. Berlin ist seit jeher voller Märchen, und heute noch märchenvoll

Berlin – eine Märchenstadt? Immerhin liegen hier die Urväter der modernen Märchenschreibung begraben. Ganz bescheiden. Schmale, schwarze Obelisken mit einfacher weißer Schrift erinnern auf dem Alten St.-Matthäus-Kirchhof in Schöneberg an Wilhelm und Jacob Grimm, die mit ihrer Sammlung der „Kinder- und Hausmärchen“ weltberühmt wurden. Ihrer Sammlungslust verdanken wir letztlich den Froschkönig, Rapunzel, Aschenputtel, Rotkäppchen, Schneewittchen und viele andere märchenhafte Helden, Schurken, Drachen und Prinzessinnen, die sich im globalen Gedächtnis der westlichen Welt fest verankert haben.

Viele dieser Märchen wurden rund um Berlin, in Brandenburg und der Uckermark gesammelt. Auch wenn man die Märchentexte weder geografisch noch inhaltlich dem Berliner Umland eindeutig zuweisen kann, haben die Brüder Grimm von hier aus gewirkt und den kollektiven Geist und die Erinnerung der Bewohner angezapft. Die in Kassel geborenen Grimms erhielten 1841 den „ehrenvollen Ruf“ des Königs an die Preußische Akademie der Wissenschaften in Berlin, dem sie „mit dankbarer freudiger Zuversicht“, so Jacob Grimms Antwort, folgten. Eine aus dem Privatvermögen Friedrich Wilhelm IV. finanzierte Pension sicherte ihre Arbeiten am Deutschen Wörterbuch.

Die ersten Ausgaben der Hausmärchen sind bereits 1812 bei dem Berliner Verleger Georg Andreas Reimer erschienen, bei dem auch Kunstmärchen einiger Berliner Romantiker veröffentlicht wurden. Etwa Ludwig Tiecks „Der gestiefelte Kater“ und „Ritter Blaubart“ oder E.T.A. Hoffmanns „Nussknacker und Mausekönig“.

Heute erinnert nicht zuletzt das an die Humboldt-Uni angegliederte Jacob-und-Wilhelm-Grimm-Zentrum in Mitte an den wissenschaftlichen Einfluss des Brüderpaares. Auch die Berliner Märchentage pflegen mit ungezählten Veranstaltungen jedes Jahr im November das grimmsche Erbe und mehr; die Kindertheater spielen nahezu täglich märchenhafte Stoffe; die Märchenhütte adaptiert Märchenklassiker für groß und klein, und in der Tadschikischen Teestube herrscht eine Stimmung wie im Märchen. In Köpenick gibt es sogar ein ganzes Märchenviertel mit Dornröschen-, Sterntaler- und Frau-Holle-Straße.

Auch wenn die Märchen der Grimm-Brüder keine lokalen Hinweise geben und man sehr genau im Anmerkungsapparat der Ausgaben suchen muss, um im weitesten Sinne Bezüge auf Berlin und das Berliner Umland zu finden, waren Märchen in der Region allgegenwärtig und inspirierten auch hier lebende Schriftsteller zu Eigenschöpfungen.
Tanja Angela Kunz ist promovierte Literaturwissenschaftlerin, arbeitet an der HU an der Schnittstelle von Literaturwissenschaft, Philosophie und Kulturwissenschaft und beschäftigt sich dabei auch mit der Märchenforschung. Sie sagt: „Kunstmärchen mit direktem Berlinbezug sind leicht zu finden. Walter Gottheils 1881 erschienene ‚Berliner Märchen’ geben etwa Bilder von der im Frühling aus dem Eis befreiten Spree-Nixe und der durch Wunderwasser belebten Quadriga. Der alte Fritz flieht vor dem Teufel und ein Student stört die Nachtruhe des großen Kurfürsten.“

Die Märchen kamen auf vielen verschiedenen Wegen und häufig durch Mittelspersonen zu den Grimms. „Jedoch gibt es eine gewisse Zahl an Märchen, die ihren Sammlungsbezug aus dem brandenburgisch-berlinerischen Umfeld der Gebrüder Grimm beziehen. Vor allem Achim von Arnim hat ihr Sammlungsprojekt aktiv unterstützt“, erklärt Kunz. Der gebürtige Berliner und Hauptvertreter der Romantik von Arnim lernte die Grimms noch in Kassel kennen und war bis zu seinem Tod mit ihnen befreundet.

Die preußische Metropole, beseelt vom protestantischen Ethos und militärischer Strenge, entpuppt sich bei genauem Hinschauen als Hort der Fantasie. Zwar fehlt der Stadt, die eher Kriegsherren, strenge Philosophen, klassische Architekten und später Weltenzerstörer und Betonmauern symbolisierten, jene mythische Aura, die etwa Prag, Paris oder London haben, doch märchengeschichtlich macht uns so schnell niemand etwas vor. Auch ohne Londons Nebel und Jack the Ripper, den Prager Golem oder die verwunschene Pariser Lauschigkeit und den buckligen Quasimodo in der Kathedrale Notre Dame.

In Berlin begann dafür lange vor Hollywood und Walt Disneys Traumfabrik die moderne Märchenproduktion. „Am Ausgang des 19. Jahrhunderts wurde Berlin zur Produktionsstätte der ersten Märchenstummfilme von Oskar Eduard Messter, zum Beispiel ‚Hänsel und Gretel’ (1897) und ‚Rapunzel’ (1897)“, sagt Kunz. Auch der Berliner Märchenbrunnen im Volkspark Friedrichshain ist ein Produkt der Kaiserzeit. „Hier verknüpft sich die Baugeschichte Berlins mit der Intention, den ‚poetischen Hauch, welcher die deutsche Märchenwelt und ihre Personen umgibt‘ zur Darstellung zu bringen“, erklärt Kunz und verweist auf ein offizielles Schriftstück eines Geheimrates aus dem Jahr 1901. Zwölf Jahre später wurde der bis heute als Ausflugsziel beliebte Brunnen eröffnet. In gewisser Weise lagern sich so Realität und Mythos auf der Stadtgeschichte ab, werden verklärt und leben als Stadtmärchen weiter.

Denn der Mensch neigt zu Übertreibungen, zum Auskolorieren und zu Schwärmereien. Er lässt der Vorstellungskraft freien Lauf, er will sich fürchten, er will von Horror hören, von Glücksrittern, Reichtum, den guten alten Zeiten und dem Kampf Gut gegen Böse. Das lässt sich auch auf die Geschichte Berlins übertragen, die im zeitlichen Abstand reichlich Material zur Legendenbildung liefert. Die Goldenen Zwanziger, Zilles sein Milljöh, der Krieg und die Bombenangriffe, die Nachkriegszeit mit der Luftbrücke, der Mauerbau und die Fluchten, die David-Bowie-Mauerstadt, die Technoära der Wendezeit, die legendären billigen Mieten und die sexuellen Ausschweifungen im Berghain. Rausch, Schrecken, Helden und Abenteuer, alles verschwimmt, nimmt eigene Formen an und verselbstständigt sich zu urbanen Erzählungen. Historische Fakten verwandeln sich in Anekdoten, Legenden, Mythen und Märchen.

Unser Bedürfnis nach „Story“ ist auch 2018 ungebremst. Was früher von Generation zu Generation mündlich am Lagerfeuer, in dunklen Küchen oder im Bett überliefert wurde, übernehmen längst Kino, Fernsehen, Netflix, Facebook und Instagram. Die weltweit erfolgreichsten Filme und Serien der letzten Jahre zeigen dabei eine unverkennbare Nähe zu Märchenstoffen. Ob „Harry Potter“, „Star Wars“, „Game of Thrones“, die Marvel-Superhelden oder „Der Herr der Ringe“. Überall wimmelt es von Magie, fiesen Schurken, tapferen Helden, betörenden Prinzessinnen und sagenhaften Schätzen.
Auch die klassischen Volksmärchen dienten dem Zeitvertreib. „In mündlicher Gestalt ist das Märchenerzählen an vorindustrielle Arbeitsformen wie bäuerliche Spinnstuben gekoppelt. Insofern wurde es stärker in ländlichen Regionen praktiziert“, sagt Kunz. Das Erzählen von Märchen fungierte als eine Art Vorform von Radio und Fernseher, bevor diese Geräte erfunden wurden.

„Mit den Grimms und ihren gezielten Überarbeitungen der Märchen setzte aber ein weiterer Rezeptionszweck ein: der erzieherische. Damit wurden Märchen auch für Schulen interessant“, beschreibt Kunz die Entwicklung. Das „Deutsche Lesebuch“ für die Bremer Vorschule nahm 1821 als eines der ersten Schullesebücher Märchen der Grimms auf, und der in Berlin geborene und lange Zeit dort wirkende Pädagoge Philipp Wackernagel druckt 1837 mehrere namhafte Grimm-Märchen – darunter „Rotkäppchen“, „Dornröschen“ und „Schneewittchen“ – in seinem bei Reimer erschienenen „Handbuch deutscher Prosa“ ab.

Unterhaltung und Erziehung durch Märchen verliefen parallel. „Es gab weiterhin wandernde Märchenerzählerinnen. Eine der bekanntesten mit Berlinbezug war Lisa Tetzner, die ihre Sprech- und Schauspielausbildung im frühen 20. Jahrhundert in Berlin erfahren hat und bis zu ihrer Vertreibung durch die Nationalsozialisten erzählend und erfindend durch Dörfer Mittel- und Süddeutschlands zog“, sagt Kunz.

Die Wissenschaftlerin hält Märchen für maßgeblich, um Erzählstrukturen, Spannungsaufbau und Konfliktlösungsstrategien zu erlernen. „Gerade als Großstädter haben wir Märchen auch als Erwachsene heute vielleicht nötiger denn je. Sie entführen uns in eine Welt, die uns zunächst vereinfacht oder veraltet erscheinen kann. Aber sie berühren auch etwas, das dem Städter allzu leicht in Vergessenheit gerät: Sie bilden ein Gegengewicht zur durchrationalisierten und -technisierten Welt, der wir im Alltag begegnen“, sagt Kunz.

Märchen bieten nicht nur eine temporäre Flucht aus der Wirklichkeit, sie lehren uns, bereiten uns als Kinder auf die Herausforderungen des Lebens vor und sie verbreitern unseren Blick auf das, was einmal „Umwelt“ bedeutete, zu der Mensch, Tier und Natur gleichermaßen gehörten. „Märchen geben der Natur eine Stimme“, erklärt Kunz, die in Märchen das Potential sieht, uns als Teil der Welt zu begreifen und nicht diese beherrschen und kontrollieren zu wollen. Denn ebenso wie die Helden im Märchen sind auch wir in unserem täglichen Leben abhängig vom Zufall, Glück und nicht selten auch von der eigenen Fähigkeit zur List.

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