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March for Europe

Einer, der Flagge zeigt: Immer mehr Menschen gehen für Europa auf die Straße – Florian Günther gehört zu ihnen. Hier erklärt er, was ihn antreibt

Florian Günther

Wann die Begeisterung für Europa anfing, weiß Florian Günther selbst nicht mehr ganz genau. Da war die Beleg­arbeit, die er als Schüler über die Europäische Union schreiben sollte. Später hing dann eine Europafahne in seiner Lichtenberger Wohnung zwischen zwei Fenstern, „weil ich dachte, das sei eine gute Sache“. Inzwischen trägt Günther, 30 Jahre, gelernter Orthopädietechniker, die Europafahne regelmäßig um den Hals, wenn er demons-trieren geht.

Florian Günther ist Teil einer kleinen, aber wachsenden Bewegung. Ein Häuflein aus rund 200 Berlinerinnen und Berlinern traf sich Mitte Februar erstmals am Gendarmenmarkt, um Flagge zu zeigen für die europäische Idee. Mit jedem folgenden Sonntag wurden es mehr Demonstranten, die zum „Pulse of Europe“ kamen, bis Mitte März gingen etwa 5.500 Menschen allein in Berlin für Europa auf die Straße, parallel zu Veranstaltungen in anderen deutschen Städten. Ihren vorläufigen Höhepunkt könnte die Bewegung am 25. März finden, wenn ein Bündnis unterschiedlicher Initiativen in Berlin, wie in anderen europäischen Großstädten, zum „March for Europe“, zum Marsch für Europa aufruft.

Wenn dieser Tage Populisten auf dem ganzen Kontinent Stimmung gegen die europäische Einigung machen, zeichnen sie häufig das Bild eines vom einfachen Volk abgehobenen Brüsseler Bürokraten-Klüngels, von der nur die Eliten profitieren. Florian Günther sieht das nicht so. Geboren in Berlin, zog er als Siebenjähriger mit seinen Eltern ins Umland, dorthin, „wo das politische Gefüge ein ganz anderes ist“, wo Eltern von Klassenkameraden NPD und DVU wählten. Die Rückkehr ins multikulturelle Berlin mit Anfang 20 erlebte Günther als faszinierend: „Ich habe mich am liebsten fast ausschließlich mit Leuten umgeben, die aus allen möglichen Kulturen der Welt kamen.“ Verstehen kann Günther die Europaskeptiker dennoch, auch wenn er ihren Standpunkt nicht teilt: „Das Problem ist ja, dass die Populisten und Nationalisten in ihrer Fehleranalyse schon Recht haben. Es gibt soziale Ungleichheit, es gibt in der EU ein Demokratiedefizit, es gibt nationale Egoismen. Nur die Antworten, die die Populisten liefern, sind die falschen.“

Dass Europa funktioniert, war für Florian Günther, wie für viele Angehörige seiner Generation, lange Zeit eine gegebene Sache. Mit dem Jahr 2016 änderte sich dieses Bewusstsein: „Der Brexit, Trump, das was in Polen passiert und in Ungarn, da wurde einem plötzlich bewusst, das überhaupt nichts garantiert ist. Ich habe angefangen, Bücher darüber zu lesen, was schief geht und was die Leute gegen Europa auf die Straße treibt. Plötzlich wurde mir bewusst, dass 2017 das Jahr sein könnte, in dem die EU auf die eine oder andere Weise vor die Hunde gehen könnte.“

Um das Friedensprojekt Europa zu retten, braucht es für Günther eine Reform der EU, eine demokratischere und sozialere Union mit echter Regierung: „Nur so kann man am Ende die Leute wieder zurückholen.“ Ob das aktuell gelingen kann? Günther ist skeptisch: „Ich kann mir vorstellen, dass die EU wirklich scheitert. Dann wären die Grenzen erst mal dicht, Reisefreiheit und freier Warenverkehr weg, ich kann mir wirtschaftliche Rezession vorstellen. Aber was nicht weg sein wird, ist der europäische Gedanke, denn die Leute sind mit ihm groß geworden und werden das wieder fordern.“

March for Europe Berlin Bebelplatz, Mitte, 25.3., 11.45–14.00 Uhr

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