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Marius von Mayenburg über „Die Nibelungen“

Nibelungentip Was interessiert einen jungen Dramatiker und Regisseur wie Sie ausgerechnet an den alten Germanen in Hebbels „Nibelungen“?
Marius von Mayenburg In dem Stück kommt so ziemlich alles vor, was auf dem Theater Spaß macht: Liebe, Sex, Betrug, Verrat, Mord und Rache. Es ist ein grandioser Text über die Entstehung von Gewalt. Hebbel beschreibt das sehr differenziert: Es gibt individuelle Auslöser, wie bei Hagen, dem ewig Zweiten, Zurück-gesetzten, der bei der Verteilung der Macht übergangen wurde. Es gibt aber auch Auslöser, die in der Machtstruktur selbst liegen: Brunhild stellt das Prinzip der männlichen Herrschaft infrage. Sie wird mit Tricks übers Ohr gehauen, gebrochen und gedemütigt. Die Erfahrung der eigenen Ohnmacht mündet bei ihr in mörderischen Hass. Kriemhild fordert, dass der Mörder ihres Mannes vor Gericht gestellt wird. Das wird ihr verweigert, auch bei ihr schlägt das Gefühl der Ohnmacht um in Aggression, für die es kein Ventil gibt. Hier versagt ein Rechtssystem, und wir erleben die katas­trophalen Folgen: Die Gewalt eskaliert. Das Stück entwickelt dabei einen unheimlichen Sog.
tip Weshalb inszenieren Sie die Germanen-Saga mit jungen Schau­­­spielern?
von Mayenburg Ich wollte Leute sehen, die bereit sind, für ihre Ideen über Leichen zu gehen. Diese Gewaltbereitschaft und Rücksichtslosigkeit, dieser kompromisslose Absolutheitsanspruch und auch die Affinität zum Suizid, das gehört für mich zu dieser Altersklasse. Selbstmordattentäter sind selten 50. Zwischen 20 und 30 – das ist das ris­kan­te Alter.
tip Hebbel hat im 19. Jahrhundert sein Stück über Hagen, Kriem­hild & Co geschrieben. Was haben diese Krieger und Heroen mit unserer Gegenwart zu tun?
von Mayenburg Was hatten sie mit Heb­bels Gegenwart zu tun? Die Leu­te gingen im 19. Jahrhundert ja auch nicht im Wikingerhelm auf die Straße. Die Frage ist, ob diese Gestalten wirklich so kriegerisch und heroisch sind. Hebbel hat gesagt, er wollte den Figuren des Nibelungenliedes „Eingeweide“ geben. Er hat sie mit Emotionen ausgestattet. Es gibt zwar noch märchenhafte Anteile, wie den Tarnhelm oder die Burg im Flammensee, aber diese Elemente sind keine Handlungsträger mehr. Das Handeln der Figu­ren lässt sich vollständig aus ihrem psychischen Haushalt und ihrem sehr individuell geführten Kampf um Selbstbehauptung verstehen. Und der sieht in seinen Konsequen­zen heute nicht friedlicher aus als bei Hebbel. Hebbels Amokläufer und Selbstmordattentäter sind unsere Zeitgenossen. Wir haben immer noch die gleichen Eingeweide.

Interview: Peter Laudenbach
Fotocredits: Tania Kelley

Die Nibelungen, in der Schaubühne,
So 13.9. (Premiere), Di 15, Mi 16., Do 24. bis So 27., Di 29.9., jeweils 19.30 Uhr
Tickets unter www.tip-berlin.de/tickets


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