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Mark Twain – Der Komet vom Mississippi

TwainNur etwa alle 75 Jahre kommt der Halleysche Komet so dicht an der Erde vorbei, dass man ihn ohne Fernglas sehen kann. Ein Glückspilz, wer dem seltenen Schauspiel in seinem Leben zweimal beiwohnt – quasi zur Begrüßung und zum Abschied. So jemand war Samuel Langhorne Clemens, geboren am 30. November 1835 in der „verschwindend kleinen“ Siedlung Florida in Missouri, nach einem abenteuerlichen Leben gestorben am  21. April 1910 in Connecticut.
Der Mann mit dem imposanten Schnauzbart hinterließ bei uns einen viel nachhaltigeren Eindruck als der vorbeisausende Komet, denn er verewigte zwei unvergessliche Jungs: Tom Sawyer (1876) und Huckleberry Finn (1884). Ohne sie wären viele nachfolgende Werke der amerikanischen Literatur niemals entstanden – von Faulkner über Hemingway bis Salinger.
Seinen Künstlernamen fand der Schulabbrecher und spätere Globetrotter, der zunächst das Druckerhandwerk lernte, als Schiffslotse auf dem Mississippi: „Mark Twain“ ist der nautische Begriff für zwei Faden tief (knapp 3,70 Meter), das Mindestmaß der Wassertiefe unterm Kiel. Nicht ganz so hoch, aber doch von beachtlicher Stärke ist die Flut an Neuerscheinungen, die uns aus Anlass von Twains 100. Todestag am 21. April erreicht. Neben unveränderten Neuauflagen alter Ausgaben spült sie auch bisher Übersehenes aus seinem vielfältigen Werk an.
Immerhin um kenntnisreiche Nachworte von Alexander Pechmann erweitert, legt der Aufbau-Verlag drei Titel – die Abenteuer von Tom und Huck sowie „Ein Yankee an König Artus’ Hof“ (1889) – als Taschenbuch neu auf. Aber Pechmann, der sich schon um Herman Melville verdient gemacht hat, verdanken wir auch zwei echte Neuerscheinungen: So besorgte der Wiener Literaturwissenschaftler unter dem Titel „Sommerwogen“ eine Auswahl der rund 1800 Briefe, die Twain seiner großen Liebe und späteren Frau Olivia Langdon schrieb. Darin erleben wir den Satiriker als hemmungslos Liebenden.
Pechmann übersetzte auch die Zeitungsartikel, die Twain 1866 aus dem Königreich Hawaii,  dem „kleinen Felsen im unendlichen Ozean“, für den „Daily Union“ in Sacramento verfasste. Die beim damaligen Publikum beliebten Berichte markieren Twains Aufstieg vom Journalisten zum Romancier und bilden den Grundstock für seine Reisebücher wie „Bummel durch Europa“ oder „Meine Weltreise nach Indien“.
Zu begrüßen ist auch die erste Neuübersetzung der beiden Jugendbuch-Klassiker seit über 50 Jahren. Es bestand zwar nicht gerade ein Mangel an Übersetzungsvarianten der Lausbuben-Abenteuer, und was die bekennende Antifaschistin Lore Krüger abgeliefert hatte, galt schon fast als kanonisch, weil sie die klammheimliche Zensur von Twains gesellschaftskritischen Anspielungen abgeschafft hatte. Selbstbewusst tritt Andreas Nohl nun den Dialektschattierungen gegenüber, ohne Tom und Huck deshalb in deutsche Regionaldialekte verfallen zu lassen. Der gut 100-seitige Anhang überrascht zudem mit drei frühen Fassungen der Klassiker.
Augenmenschen sei auch die neu aufgelegte illustrierte Diogenes-Ausgabe in der Krüger-Übersetzung ans Herz gelegt, die „Sandmännchen“-Zeichnerin Tatjana Hauptmann mit feinem Bleistift anfertigte.
Aufnahme in die Manesse Bibliothek der Weltliteratur fand zum Jubiläum zudem das skurrile, in Florenz entstandene Spätwerk „Knallkopf Wilson“ (1894), in dem Twain mit der Einführung des kriminologischen Instruments des Fingerabdrucks „jungfräulichen Boden“ betrat. Damals stand ihm finanziell das Wasser bis zum Hals, nachdem er in eine neue Druckermaschine investiert hatte, die ein Flop wurde.
Für Berliner Leser von besonderem Interesse dürfte Herbert Beckmanns Buch „Mark Twain unter den Linden“ sein, der den Besuch des Yankees Ende 1891 zum Anlass für einen historischen Krimi nimmt. Der Autor verfährt dabei ähnlich, wie es Twain zeitlebens gemacht hat: Der schmückte die Fakten seines Lebens mit reichlich Ausgedachten aus – und schuf so noch heute faszinierende Literatur.
Ein Mann mit so vielfältigen Talenten, wie sie Mark Twain gegeben waren, ist eine Rarität – und fast so selten wie ein Komet.     

Text: Reinhard Helling

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