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„Taswir – Islamische Bildwelten und Moderne“ & „Istanbul Next Wave“

Raqib Shaw
In einem großen U angeordnete, übereinandergestapelte Käfige werden durch eine Lichtquelle so beleuchtet, dass ihre Schatten wie ein allumfassendes Gitter in den Raum greifen. Ein wunderschönes filigranes Lichtspiel, das gleichzeitig Beklemmung verursacht. Die Installation „Light Sentence“ der im Libanon geborenen Mona Hatoum spielt nicht nur mit dem Titel auf das im Deutschen als „lebenslänglich“ übersetzte „Life Sentence“ an. Hatoum, die in den 70er Jahren in London Kunst studierte, nimmt in ihren minimalis­tischen Arbeiten immer wieder die Themen Macht, Identität, Un­terdrückung und Verletzung des Individuums auf. Bei ihr können Dinge des Alltags zu fremdartigen und bedrohlichen Objekten werden, die uns auf eine eigenartig sinnliche Weise ansprechen.
Parastou Forouhar, deren Eltern, prominente oppositionelle iranische Politiker, 1998 einem politischen Anschlag zum Opfer fielen, machte das Bemühen um die Aufklärung dieser Morde zum Thema ihrer Kunst. Auch sie studierte im Ausland und ermöglichte sich so gleichzeitig den Blick der Außenstehenden auf die Verhältnisse im Herkunftsland. „So wie mein Leben, ist mein Blick­winkel bestimmt von Barrieren und Passagen zwischen dem Orientalischen und dem Westlichen, dem Recht auf ein Selbstbildnis und dem Bild, das die Erwartung der anderen darauf projiziert“, sagte sie vor einigen Jahren in ihrer Rede auf dem 29. Deutschen Orientalistentag in Halle. Das Feld der interkulturellen Kommunikation sei noch immer durch Klischees und Floskeln besetzt, die zum „Kaschieren der auswuchernden blinden Flecken dienen“. Diese „blinden Flecken“ zu füllen, haben sich gleich zwei große Ausstellungskomplexe zur Aufgabe gemacht. Siebzigköpfige EngelDer erste, „Taswir – Islamische Bildwelten und Moderne“, versammelt die Arbeiten von über 30 zeitgenössischen Künstlerinnen und Künstlern aus islamisch geprägten Ländern, die in Bezug zu klassischen Werken persischer, indischer, arabischer und osmanischer Provenienz gesetzt werden. „Den weiten Horizont der historischen Kunst und Kultur des Islam von den Anfängen bis hin zur Gegenwart“ zu umreißen, haben sich die Kuratoren Almut Bruck­stein Зoruh und Hendrik Budde vorgenommen. Man sei sich der „prekären Doppelbödigkeit“ dieses Unternehmens bewusst, schreibt Bruck­stein Зoruh im Katalog, versuche sich von früheren festgefahrenen Begriffen zu lösen und neue Sichtweisen zu ergründen.
Neben islamischer Kalligrafie, Ornamentik und Miniatur werden Arbeiten der Moderne gezeigt, die sich auf diese Ästhetik beziehen, sie reflektieren oder auch nur daraus als Ideenpool schöpfen.
„Schauen wir auf eine beliebige altpersische Miniatur: Sie maßt sich an, ein kleiner idealisierter Spiegel der Welt zu sein“, so die iranische Künstlerin Parastou Forouhar. „Es ist eine harmonische Darstellung der Welt, als Zeichen der Allmacht des Schöpfers.“ Diese unantastbare Harmonie sei jedoch totalitär, kritisiert Forouhar, „das Ornament duldet keine Abweichung“. Die „Ornamente“ der iranischen Künstlerin sind nicht nur in ihrem Rhythmus gebrochen, sie bestehen aus aggressiven Symbolen und Gräuelszenen. So wie Forouhar provoziert auch die 1960 geborene Türkin Hale Tenger mit ihren Arbeiten, die sich unter anderem auch kritisch mit nationaler Identität und Geschichte auseinandersetzen. Die Türkei spielt unter den islamisch geprägten Ländern eine Sonderrolle, und vor allem mit der Istanbul-Biennale haben sich immer mehr dort heimische Kreative einen Namen gemacht.

Fotos: Bild von Raqib Shaw, Bibliothиque nationale de France

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