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Martina Lüdicke über Juden, den Holocaust und die Sonderschau im Jüdischen Museum


Frau Lüdicke, für die Sonderausstellung haben Sie rund 30 häufig gestellte Fragen aus Gästebüchern, Besucherumfragen und Gesprächen mit Kollegen gesammelt, die ab dem 22. März im Jüdischen Museum Berlin mit Hilfe von Filmen, Exponaten und Literatur­zitaten beantwortet werden. Welche Fragen waren die häufigsten?
Als wir uns im vergangenen Jahr auf den Weg machten, Fragen für die Ausstellung zu sammeln, begegneten uns am häufigsten die Fragen nach jüdischer Identität: „Wer ist Jude? Wie definiert man das?“ Dazu kamen Fragen zum Thema Konversion: „Wie wird man Jude?“ Nach dem Beschneidungsurteil im vergangenen Jahr waren auch viele Fragen zu diesem Thema dabei.

Eine Frage heißt: Wie wird man Jude? Wie beantworten Sie diese Frage in der Ausstellung?
Es gibt zwei Möglichkeiten. Entweder man wird von einer jüdischen Mutter geboren oder man konvertiert. Den ersten Fall beantworten wir ganz klassisch mit einem Gemälde, das Jesus mit seiner Mutter zeigt. Für die Konversion haben wir nach prominenten Beispielen gesucht. In den USA gibt es dafür relativ viele: Marilyn Monroe, Sammy Davis Jr., Elizabeth Taylor. Wir stellen beispielsweise den Chanukka-Leuchter des Entertainers Sammy Davis Jr. aus.

Manche Fragen lassen sich nicht eindeutig beantworten, etwa diese: „Was machen Juden an Weihnachten?“. Wie gehen Sie mit diesen Fragen um?
Stimmt, auf viele Fragen gibt es nicht die eine Antwort. Man muss sie aus verschiedenen Perspektiven betrachten. Das ist auch etwas, was uns sehr wichtig ist bei der Ausstellung. Viele Leute haben möglicherweise schon eine Antwort dabei, wenn sie uns besuchen. Durch die Bilder, die wir ihnen entgegensetzen, etwa in Form eines Objekts oder durch ein Zitat, lernen sie, die Dinge anders zu sehen. Bei den meisten Fragen versuchen wir, eine Reaktion zu erzeugen, indem wir die Antwort offen lassen oder aber eine Gegenfrage stellen.

Martina_LuedeckeAuf welche zum Beispiel?
Zum Beispiel auf die Frage: „Kann man einen Schlussstrich unter den Holocaust ziehen?“ Dieser Frage stellen wir ein sehr eindrucksvolles Familienporträt gegenüber, das ein älteres Ehepaar in ihrem Wohnzimmer zeigt. Im Hintergrund sieht man auf einem Foto an der Wand das Tor von Auschwitz. Die Antwort ergibt sich aus dem Zusammenspiel aus Frage und Motiv. Fast so, als ob man die Personen auf dem Bild selbst fragen würde.

Einige Ihrer Fragen wirken sehr provokativ. Zum Beispiel, ob man über den Holocaust Witze machen darf. 
Die Frage mag provokativ sein. Aber die Art, wie wir damit umgehen, ist es nicht. Denn auf solche Fragen geben wir keine eindeutige oder „richtige“ Antwort. Bei der Frage, ob man über den Holocaust Witze machen darf, zeigen wir Ausschnitte aus amerikanischen Comedy-Serien, in denen Witze gemacht werden – auf eine Weise, wie das hier in Deutschland nur Oliver Polak tut. Wenn man diese Ausschnitte sieht, ist es interessant, zu beobachten, wie man selbst darauf reagiert: Kann man darüber lachen? Oder wird eine Grenze überschritten? So wird deutlich, dass es immer darauf ankommt, wer den Witz macht.

Diese Gratwanderung loten Sie auch mit dem Slogan „Die Juden sind an allem schuld“ auf Ihrem Plakat aus. Haben Sie keine Bedenken, dass man das missverstehen könnte?
Ich glaube, was auf diesem Plakat irritiert, ist die Aussage in Verbindung mit den Bildern, die in unseren Köpfen herumschwirren. Der Slogan fordert uns heraus, schon allein, weil wir ihn aufgreifen. Er ist aber so zugespitzt und plakativ formuliert, dass man mit dem Schlagloch im Hintergrund sofort dessen Absurdität erkennt. Ähnlich gehen wir mit positiven Stereotypen über Juden um. Zum Beispiel bei der Frage „Warum lieben alle die Juden?“ Meine Kollegin hat beobachtet, dass in den USA jüdische Männer auf Dating-Portalen besonders begehrt sind, weil sie als einflussreich und geschäftstüchtig gelten.

Etwas irritiert hat mich die Frage, ob es Juden in Deutschland gibt.  Wie lösen Sie diese Frage auf?
Es wird eine große Vitrine geben, die von Zeit zu Zeit mit einem Juden oder einer Jüdin besetzt wird. Man kann Fragen stellen. Man kann aber auch einfach hineinschauen.

Sind Sie sicher, dass es dafür Freiwillige geben wird?
Ja, auf jeden Fall. Wir haben auch schon viele Interessenten, die Lust haben, mitzumachen.

Wie kamen Sie auf diese Idee?
Sie geht auf die 80er-Jahre zurück, als mit den Neugründungen Jüdischer Museen auch die Diskussion aufkam, was man dort eigentlich ausstellen will. In diesen Diskussionen war oft die polemische Formulierung zu hören: „Wollt ihr Juden in Vitrinen zeigen?” Mit dieser Aktion werden wir sicher Diskussionen auslösen.

Oder auch nicht. Manche Besucher haben womöglich Scheu, einen Juden in einem Glaskasten anzusprechen.
Für die, die nicht in den Dialog treten möchten, gibt es die Möglichkeit, ihre Fragen und Kommentare auf einer Pinnwand zu hinterlassen.

Was ist in der Ausstellung Ihre Lieblingsfrage?
Das frage ich mich auch schon die ganze Zeit (lacht). Ich freue mich sehr auf unsere Hut-Installation zum Thema „Woran erkennt man einen Juden?“. Aber „Leben Juden in Deutschland?“ interessiert mich natürlich auch, weil es etwas ist, das wir nicht voraussehen können. Es ist ein Experiment, und ich bin sehr neugierig, wie damit umgegangen wird

Interview: Wolfgang Altmann
Foto: KatzKaiser/nondesign/Jörg Wacha, Harry Schnitger

Die ganze Wahrheit … was Sie schon immer über Juden wissen wollten
22.3.–1.9.,
Jüdisches Museum Berlin, Lindenstraße 9–14, Kreuzberg,
Mo 10–22 Uhr, Di–So 10–20 Uhr, 
7 Ђ, 3,50 Ђ (erm.)

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