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Klassische Moderne

Max Ernst in der Sammlung Scharf-Gerstenberg

Rätselhaft schön: In der Sammlung Scharf-Gerstenberg ist Max Ernst als „Zeichendieb“ zu entdecken

Nofretete war hier mal zu Hause. Bis zum Umzug ins Neue Museum hielt die geheimnisvolle Ägypterin im östlichen Stülerbau gegenüber dem Schloss Charlottenburg Hof. Verblieben ist dort das Kalabscha-Tor aus ihrer Heimat. Es empfängt die Besucher der Sammlung Scharf-Gerstenberg. Erst wenn das Pergamonmuseum saniert ist, wird auch das imposante Tempeltor umziehen.

Die ägyptischen Hieroglyphen auf diesem Bauwerk bilden den Ausgangspunkt zu einer Ausstellung, die sich der Zeichensprache von Max Ernst widmet. In seinem Spätwerk experimentierte der 1891 geborene Künstler mit einer Geheimschrift, schuf sozusagen seine eigene Fantasiesprache, lange nach den Surrealisten-Kollegen, deren „écriture automatique“ er nie mitgemacht hat. Diese Geheimschrift ähnelt der Bilderschrift auf dem Kalabscha-Tor. Kannte er das Bauwerk etwa? Kyllikki Zacharias, Leiterin der Sammlung Scharf-Gerstenberg, sagt: „Nein, Ernst war nie in Ägypten.“ Und das Kalabscha-Tor wurde erst nach seinem Tod im damaligen Ägyptischen Museum postiert. Die Parallelen sind zufällig. Doch Anlass genug, Ernsts wenig bekanntes Mappenwerk „Maximiliana“ genauer zu beleuchten.

„Die Druckgrafik ist traumhaft schön und zeichnerisch hoch vergnüglich“, sagt die Kuratorin. Kombiniert hat sie über 100 Arbeiten des 1976 in Paris verstorbenen Malers – hauptsächlich Grafiken, aber auch seine berühmten Wächterfiguren „Capricorn“ – mit Leihgaben aus dem Ägyptischen Museum. Manches, wie das Stierkopf-Amulett, ist in seiner Funktion gar nicht erforscht, schaut aber aus, als sei es von Ernst erfunden. „Zeichendieb“ nennt sich die Schau, weil der Künstler gerne Anleihen nahm, allerdings keine direkten.

Über Jahrzehnte kreist sein Werk um Motive wie jene Himmelskörper, die schon früh in seinen Waldbildern auftauchen, und verwandte Formen wie Auge, Ei und Vogel. „In fortwährenden Filterprozessen gelangte Ernst zu einer zeichenhaften Verdichtung, die an die Bilder und Symbole der alten Ägypter erinnert und die er in seiner ‚Geheimschrift‘ geradezu slapstickhaft verlebendigt“, so Zacharias.

Für diese Motive verfolgte er eine Strategie des „Diebstahls“, bediente sich fremden Ausgangsmaterials, das er in neue Zusammenhänge stellte. Die Spuren seiner „Täterschaft“ kaschierte er. „Anstatt seine Werke im klassischen Sinne neu zu erschaffen, entwendet er vorgefundene Bilder und Strukturen“, so Zacharias. Die Ausstellung zeigt, dass diese Aneignung und auch das Verbrechen eine wichtige Rolle spielen im Werk des belesenen Autodidakten. Er stellte den Mythos vom Künstlergenie als Schöpfer stets in Frage.

Die im Zentrum der Schau stehende „Maximiliana“-Mappe ist nach einem 1861 vom Amateurastronom Ernst Wilhelm Leberecht Tempel entdeckten Kleinplaneten benannt. „Die widerrechtliche Ausübung der Astronomie“, wie die 1964 entstandene Mappe mit Lichtdrucken auch heißt, umfasst eben jene von Ernst entwickelte Geheimschrift, die Sonne, Mond und allerlei himmlische Erfindungen rund um Tempels Schaffen ins Bild setzt.

Sammlung Scharf-Gerstenberg Schlossstr. 70, Charlottenburg, Di–Fr 10–18 Uhr, Sa+So 11–18 Uhr, 6.12.–28.4.2019

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