Kultur

Mein Kreuzberg: 36Boys

Muci_Sinan_c_hs-39Die heimliche Zentrale von Kreuzberg befindet sich nahe der Straßenüberbauung des Neuen Kreuzberger Zentrums. Neben einem türkischem Buchladen fällt der 36Boys-Shop allenfalls durch seinen Graffiti-Schriftzug und ein bisschen grüne Farbe auf. Auch die wichtigen Ansprechpartner im Laden muss man erst einmal suchen. Muzaffer „Muci“ Tosun scheint hinter der hohen Theke wie abgetaucht. Sinan Tosun wuselt in einer Ecke zwischen Schuhkartons.

Eigentlich müsste dem Besucher jetzt ein Schauder über den Rücken laufen: Die beiden Brüder waren einmal maßgebliche Mitglieder von Deutschlands legendärster Gang, den 36Boys. Tatsächlich blinzeln Mucis Augen über einer ziemlich zerbeulten Nase hervor. Doch sobald er zu reden beginnt, dominiert ein breites Lachen sein Gesicht. Und auch der ältere Sinan fällt durch seine verbindliche Freundlichkeit auf. Die Gang-Tage der beiden liegen ein Weilchen zurück: Ungefähr 1991 hat sich die Gruppe aufgelöst. Zurückgeblieben sind junge Männer, von denen einige scheiterten, andere erstaunliche Karrieren machten. Auch Muci brachte es zum Kickboxweltmeister. Zusammen mit Sinan betreibt er aber auch erfolgreich das 2005 patentierte Streetwear-Label „36Boys“.

Klar, dass bei so einem Namen die Vergangenheit stets präsent ist. Und für den Wunsch sorgt, ihre Erfahrungen zum Wohle vor allem der ansässigen Jugend weiterzugeben. Mal unterstützen sie einen Sonderschüler, der in ihrem Laden ein Praktikum macht. Dann wieder übt Sinan mit einem sprachbehinderten Jungen so lange das Rappen, bis diesem auch Alltagsworte flüssiger über die Lippen gehen. Daneben finden sich Pädagogen in dem Laden ein, die nach Rat suchen, wie sie mit schwierigen Schützlingen umgehen können. Und junge und alte Nachbarn, die nur schlecht Deutsch lesen können, lassen sich von Muci und Sinan Behördenschreiben erklären. Geld bekommen Muci und Sinan für diesen Einsatz nicht. Dafür aber das gute Gefühl, dass ihre Hilfe ankommt. Denn wenn Muci oder Sinan Jugendlichen, die auf der Kippe stehen, erklären, dass „Schule das A und O“ ist, dann nehmen die das ernst. „Wir sind authentisch“, sagt Sinan stolz.

Text: Eva Apraku

Foto: Harry Schnittger

Muzaffer „Muci“ Tosun, Sinan Tosun (Foto oben)
Die Idee zum Namen 36Boys stammte von dem 2003 von einem Rentner ermordeten Rapper Maxim, einem der Mitbegründer der Gang und wichtigen Initiator in der Berliner Hip-Hop-Szene. Die nach dem früheren Postbezirk Kreuzberg 36 benannte Gruppe brachte  Breakdancer, Rapper und Graffiti-Writer hervor, Bereiche, in denen auch Muzaffer und Sinan Tosun aktiv waren. Muzaffer widmete sich später vor allem dem Sport, wurde 2002 Weltmeister im Kickboxen und im gleichen Jahr Internationaler Deutscher Meister im Profiboxen. Sinan besitzt ein Tonstudio, in dem er den Hip-Hop-Nachwuchs fördert. Erfolgreiche ehemalige 36Boys sind auch der Rapper Killa Hakan, der Sternekoch Tim Raue oder der Regisseur Neco Зelik.

36Boys, Adalbertstraße 4, Kreuzberg, www.36Boys.com

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