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Klassiker

Michael Thalheimer inszeniert Heiner Müllers „Macbeth“ am Berliner Ensemble

Marxistisches ­Theater der Grausamkeit

Macbeth von Heiner Müller nach Shakespeare, Regie: Michael Thalheimer, Foto: Matthias Horn

Angeblich wünschte sich Heiner Müller, dass seine Fassung des „Macbeth“ auf dem Dach des New Yorker World Trade Center gespielt wird. Das Skyline-Symbol des globalen Kapitalismus, so Müllers Überzeugung, würde einmal zu einem „Friedhof“ werden. Müller ist 1995 gestorben, sechs Jahre bevor islamistische Selbstmordattentäter seine Orakelsätze wahrmachten. Man wüsste gerne, wie der bekennende „Katas­trophenliebhaber“ Müller auf das Verbrechen und die darauf folgenden Vergeltungskriege reagiert hätte.

Zumindest in seiner Shakespeare-Bearbeitung neigt der Apokalyptiker Müller nicht zu Mitgefühl. In seinem „Macbeth“ haben die Mächtigen, die sich im Kampf um den auf Leichenbergen der Bauern errichten Thron gegenseitig massakrieren, ihren Tod redlich verdient. Wie nebenbei werden die Domestiken gefoltert. Als Training für den bevorstehenden Königsmord lässt Lady Macbeth in Müllers Theater der Grausamkeit eines der Folteropfer aus der Unterschicht herbeischaffen: „Ich will ihn bluten sehn, mein Aug zu üben, für das Gemälde, das die Nacht uns aufgibt.“ Ihr Gatte kann über die Schmerzschreie des gemarterten Bauern nur lachen.

Auf Feinheiten der Unterscheidung zwischen legitimer und illegitimer Königsherrschaft verzichtet Müller. Ihn interessieren der Klassengegensatz und die Karriere-Mechanik des Königsmords, bei der lediglich das Personal an der Spitze ausgewechselt wird: „Mit Messern in das Messer ist die Laufbahn.“ Und ihn interessiert, was diese Mechanik des ­Tötens mit denen macht, die sich ihrer bedienen und sich ihr dabei unterwerfen.

Statt den Todesreigen der Machtelite mit erhabenen Momenten zu veredeln, ist Müllers Blick nicht frei von Schadenfreude. Einzig den Hexen (die Macbeth mit der sich selbst erfüllenden Prophezeiung der ihm zukommenden Königswürde auf den Thron und damit ins Verderben stürzen) gilt seine ungeteilte Sympathie, weil sie, so der Dramatiker einst in einem Interview, „ausnahmslos alle Mächtigen zerstören.“

Bekleidet mit Highheels und Blut

Michael Thalheimer unterstreicht in seiner ungemein dichten „Macbeth“-Inszenierung am Berliner Ensemble genau diese Mechanik des leer laufenden Machtkampfs, die auf die beruhigende Wirkung moralischer Wertungen ausdrücklich verzichtet. Der Bühnenbildner Olaf Altmann taucht die leere Spielfläche in dichten Nebel, aus dem die Figuren auftauchen wie aus einem Albtraum. Das ist nicht nur atmosphärisch zwingend, es passt auch zu einem Stück, in dem es leitmotivisch immer wieder um den Terror der Wahrnehmung geht, egal, ob Macbeths „blutiges Geschäft“ sein Auge in „die Lehre nimmt“, ob er überall Blut sieht oder ob er sich „sattgesehen“ hat am Grauen unter der Sonne. Unnötig plakativ sind die gern bemühten Griffe an die Geschlechtsteile, mit denen Thalheimer wie mit den nackten Körpern der Schlächter und der Geschlachteten weniger Geilheit als die Barbarisierung und Vertierung der Figuren unterstreicht. Die Spielweise ist oft gleichzeitig überhitzt und wie eingefroren, ganz auf den Text konzentriert ohne ihn mit Oberflächenaktionen zu illustrieren und genau deshalb von einer Intensität, die im allerorts von Ironie vergifteten Theaterbetrieb selten geworden ist.

Im ersten Auftritt kommt Duncan, der König von Schottland (Ingo Hülsmann) mit blutigen Händen aus dem Nebel der Schlacht: ein professioneller Mörder nach vollbrachter Tat. Im dunklen Anzug über dem blutbeschmierten Leib ist er halb Staatsmann, halb Mafiaboss. In Müllers Schlachthaus dürften beide Berufe ohnehin identisch sein und sich nur in der Größenordnung der Massaker unterscheiden. Eine der Hexen, nur bekleidet mit Blut, Highheels und dicken Halsketten, schmiegt sich an Duncan, eine alte Vertraute, die sich auf seinen Tod freut. In der letzten Szene des Stücks wird Duncans Sohn Malcom, noch ein halbes Kind, die Krone verpasst wie ein Dornenkranz. Kein Wunder, dass der neue Herrscher (die in ihrer Spielfreude und bösen Komik großartige, an diesem Abend in mehreren Rollen glänzende Kathrin Wehlisch) Bluttränen weint und das Gesicht zur Grimasse eines Horrorclowns verzerrt: Der König ist der erste Killer seines Staates.

Zwischen Duncans Schlachtsieg und der Krönung seines Sohns liegen Aufstieg und Fall des Power-Couples Lady und Mister Macbeth – nichts als ein zwar blutiges, aber einigermaßen sinnloses Zwischenspiel in der dynastischen Reihe. Constanze Becker leiht sich für ihre Lady Macbeth Pathosgesten und Gesichtsmaske der Maria Callas. Was bei jeder anderen Schauspielerin anmaßend oder albern wäre, wird hier zur präzisen Figurenzeichnung einer Tragödin. Wie Sascha Nathan, ein kraftvoll korpulenter Schauspieler, Macbeth spielt, ist ein Ereignis. Er macht aus ihm keinen zu Skrupeln neigenden Intellektuellen, sondern einen jovialen Metzger mit der Vitalität des Serien-Mafia-Bosses Tony Soprano: ein pragmatischer Mann, der tut, was eben anliegt; Sinnfragen kann er sich nicht leisten. Und wenn er doch einmal ins Grübeln kommt, dann nur, um Anlauf zur nächsten Bluttat zu nehmen – nicht schön, aber notwendig und in seiner Welt einfach sehr effektiv. Vor dem entscheidenden Mord an Duncan etwa, denkt er darüber nach, dass er lange nur ein Instrument von Duncans Herrschaft war. Sein eigenes Instrument der Emanzipation ist das Messer „das die Könige tauscht“.

Er spricht mit dem imaginären Dolch wie mit seinem einzigen Vertrauten: „Wie lange zapftst Du schon / von Hand zu Hand gereicht wie eine Hure / das Blut der Könige“. So wie Sascha Nathan das spielt, sind das nüchterne Tatsachen: So funktioniert Macht – als Gewaltakt. Als ihn später der ermordete Banquo (Tilo Nest) aus dem Grab verfolgt und sich, noch bedeckt mit Erde, an seinen Rücken klammert wie das Gespenst der eigenen Verbrechen, zeigt Nathan wie sein Macbeth zerbröselt – wie die Verrohung, die der Preis seiner Macht ist, ihn langsam und gründlich zerstört.

Berliner Ensemble Bertolt-Brecht-Platz 1, Mitte, Karten 13 – 42 €

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